Seit Einführung des E-Rezepts können Shop Apotheke und DocMorris ihr Rx-Geschäft ausbauen, auch wenn die Wachstumskurve zuletzt deutlich abgeflacht ist. Doch es gibt in den Niederlanden noch einen dritten Versender, den bislang kaum jemand auf dem Schirm hat – auch weil das Geschäftsmodell gänzlich anders funktioniert. Dahinter steht ein Apotheker aus Deutschland.
Noch liegen die offiziellen Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) für das vergangene Jahr nicht vor, doch nach Hochrechnungen dürften 2025 erstmals etwas mehr als eine Milliarde Euro mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln im Versandhandel umgesetzt worden sein. Davon entfällt die Hälfte auf Shop Apotheke, weitere 250 Millionen Euro auf DocMorris. Danach folgen mit deutlichem Abstand nur noch einige wenige relevante Versender: Apo.com, Medikamente-per-Klick sowie Atida (Aponeo) und Sanicare weisen laut Analyse der Unternehmensberatung Sempora in Summe gerade einmal einen Rx-Umsatz in Höhe von insgesamt 55 Millionen Euro aus. Und von diesem Betrag dürfte der größte Teil auch noch über das IK der jeweiligen deutschen Apotheke abgerechnet worden sein – und daher gar nicht im Versandhandelskonto des BMG auftauchen.
Wer also steht für die verbliebenen Erlöse von nicht weniger als 200 bis 300 Millionen Euro? Die Spur führt in die Niederlande. In Heerlen hat eine Versandapotheke mit dem sperrigen Namen „International Specialty Pharmacy Rare & Orphan Diseases“ – kurz ISP – ihren Sitz. Die eigentliche Niederlassung findet sich aber in Maastricht – im Paul-Henri-Spaaklan hat das Unternehmen einen Reinraum angemietet, in dem gerade einmal ein halbes Dutzend Mitarbeitende für die Zubereitung von Sterillösungen verantwortlich ist. Das Geschäft läuft gut, der Umsatz hat sich alleine 2024 auf 245 Millionen Euro nahezu verdoppelt.
Die Zahlen werfen Fragen auf: Wie kann es sein, dass ein derart großer Player weitgehend unter dem Radar verschwindet? Und vor allem: An wen liefert ein Versender, der schon in der Fachöffentlichkeit so gut wie unbekannt ist? Und dann auch noch komplexe Arzneimittel wie Sterilrezepturen …
Für eine Antwort muss man den Blick wiederum in die Schweiz richten. Im Steuerparadies Baar sitzt die Firma United Healthcare Partners (UHP), zu der die Versandapotheke aus den Niederlanden gehört. Die Unternehmensgruppe bezeichnet sich selbst als „Komplettanbieter und Partner für patientenzentrierte Services bei seltenen Erkrankungen in Europa“ oder auch als „zentrale Anlaufstelle für Patient:innen, Selbsthilfegruppen, Krankenkassen sowie Biotech- und Pharmaunternehmen“. Ganz offiziell lautet der Geschäftszweck: Betrieb von Fachapotheken und pharmazeutischer Heimtherapie.
Neben den Segmenten Markteinführung und Auftragslogistik, die sich vor allem an Hersteller richten und unter der Sparte United Pharma Partners (UPP) laufen, bildet der Bereich Homecare die mit Abstand wichtigste Säule. Verschiedene Tochterfirmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz betreuen Patientinnen und Patienten mit komplexen Erkrankungen, die im häuslichen Umfeld versorgt werden. Indikationen sind beispielsweise Morbus Gaucher, Morbus Fabry, Hypophosphatasie und Hämophilie.
600 Pflegekräfte sind nach Unternehmensangaben für die Gruppe unterwegs, jährlich werden demnach mehr als 5000 Menschen betreut. 42.000 Infusionen werden laut UHP pro Jahr durchgeführt, rund 100.000 Produkte ausgeliefert. Im Vordergrund stehen Enzymersatzpräparate, auch Schmerzlösungen und Antibiosen kommen in Frage. Nach Firmenangaben finden außerdem jährlich 15.000 Trainings statt, damit die Patientinnen und Patienten sich ihre Medikamente selbst verabreichen können.
Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, dass zur Gruppe auch eine Versandapotheke mit Schwerpunkt auf den Bereich der Sterilherstellung gehört. Da es sich in der Regel um Hochpreiser handelt, relativieren sich die Umsatzzahlen allerdings: Die Behandlung mit Enzympräparaten kostet schnell bis zu 1,5 Millionen Euro pro Jahr und Patient. Außerdem sind die Margen gering; in den vergangenen Jahren wies ISP nur einen marginalen Gewinn aus. Auch die Aufwendungen für den Besuch der Pflegekräfte sind nur im Rahmen der sogenannten HKP-Richtlinie (Häusliche Krankenpflege-Richtlinie) abrechenbar, so sind beispielsweise nur sukutane Kurzinfusionen verordnungsfähig. UHP selbst veröffentlicht keine Geschäftszahlen.
Es gibt auch noch Verbindungen zu einer deutschen Apotheke, nämlich zur 2021 gegründeten Apotheke an der Bergstraße in Weinheim. Deren Webshop Fachapotheke.eu wird bei ISP als Partnershop gelistet, über den Patientinnen und Patienten mit bestimmten chronischen Erkrankungen ihre Rezepte direkt einreichen können. Hier geht es wohl vor allem um kurze Wege für akuten Bedarf; außerdem fordert die Pharmaindustrie für Kooperationsverträge eine Apotheke in Deutschland.
Inhaber ist Dr. Gilbert Wenzel; mit Apotheke hatte er bislang eher am Rande zu tun, sein berufliches Zuhause war die Industrie: Nach dem Pharmaziestudium in Regensburg hatte er an der RTWH in Aachen im Bereich Wirtschaft promoviert und in den 80er- und 90er-Jahren für McKinsey gearbeitet. Anfang der 2000er-Jahre war er Leiter Strategie und Geschäftsentwicklung bei Novartis, bevor er den auf Eigenmarken spezialisierten Hersteller Quisisana gründete. Ab 2008 baute er in der Schweiz den auf teure Spezialpräparate spezialisierten Versender „Seefeld Apotheke“ auf, der zwei Jahre später von Medizorg aus den Niederlanden übernommen wurde.
Ab 2011 gehörte er zum Vorstand von „Healthcare at Home“; 2019 übertrug der britische Mutterkonzern seine Aktivitäten in Deutschland und Österreich an UHP. Wenzel war auch Geschäftsführer von Infusion@Home sowie den österreichischen Aktivitäten der Gruppe. Außerdem wurden unter seiner Mitwirkung diverse Stiftungen und Vereine gegründet.
Wenzel dürfte also weit mehr als ein „Stempelapotheker“ sein; er dürfte eine entscheidende Rolle in dem gesamten Konstrukt spielen. Bei UHP tritt er nicht offiziell in Erscheinung, CEO ist seit einem Jahr Wolfgang Kaps, langjähriger Sanofi-Manager mit Verantwortung für das Portfolio „Specialty Care“. Zweiter Manager an der Spitze ist aber Daniel Isenegger – der Schweizer ist außerdem CEO der Firma WHS Wenzel Holding & Services, die in unmittelbarer Nachbarschaft zur UHP residiert. Das Unternehmen ist die zentrale Beteiligungsgesellschaft des Apothekers und seines Bruders: Dr. Hans Udo Wenzel hatte seit den 90er-Jahren in Mailand verschiedene auf Aromen und Nahrungszusätze spezialisierte Chemiekonzerne gegründet, darunter Azelis, Deimos und Nactarome.
Auf das Konzept, teure Arzneimittel im Rahmen von Homecare zu beliefern, setzen auch andere Player. In der Schweiz hatte Mediservice seit 2004 hier ein umfassendes Angebot aufgebaut. Der Spezialversender wurde 2007 vom Pharmahändler Galenica geschluckt, der ihn vor drei Jahren im Rahmen eines Aktientauschs an Redcare übertrug. Beim Mutterkonzern von Shop Apotheke gibt es angeblich bereits Planungen, das Modell auf Deutschland zu übertragen.
Bislang haben sich hierzulande einige umtriebige Apotheker auf das komplexe Feld spezialisiert, etwa Dr. Christian Wegner von Medipolis oder Uwe-Bernd Rose von der Burg-Apotheke in Königstein. Am Ende ist die entscheidende Frage, ob auch dieses Geschäftsfeld von Versandkonzernen gekapert wird – und damit die hochkomplexe Versorgung schwerkranker Patientinnen und Patienten aus dem Ausland gesteuert wird.