Das E-Rezept hat den Versendern den Zugang zum deutschen Rx-Markt verschafft. Nach Jahren der Stagnation zeigt die Umsatzkurve steil nach oben. Bei genauerer Betrachtung der offiziellen Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) zeigt sich aber, dass das Wachstum zuletzt deutlich abgeflacht ist.
Über Jahre hinweg dümpelten die Rx-Umsätze der Versender bei 100 Millionen Euro dahin. Laut KV45-Statistik des BMGs zogen die Abverkäufe im Versandhandel seit Einführung des E-Rezepts stark an:
Insbesondere die Zulassung von CardLink im Mai 2024 hatte die Versender endlich ins Spiel gebracht. Bis dahin hatten sie nicht von dem neuen digitalen Einlöseweg profitieren können. Seitdem zeigte der Pfeil steil nach oben. Mit massiven TV-Kampagnen erkauften sich Shop Apotheke und DocMorris ab dem zweiten Halbjahr 2024 ihre Rx-Umsätze.
Konnten die Versender zunächst hohe Wachstumsraten gegenüber dem jeweiligen Vorjahresquartal vorweisen, flachte die Kurve zuletzt aber deutlich ab:
Laut Hochrechnung könnte das Wachstum im vierten Quartal vergangenen Jahres weiter auf rund 35 Prozent gesunken sein.
Noch deutlicher wird die Wachstumsschwäche, wenn man das Wachstum zum jeweils vorangegangenen Quartal vergleicht:
Hier könnte zwar im vierten Quartal wieder ein zweistelliges Wachstum ausgewiesen werden. Allerdings sind bei dieser Betrachtung saisonale Effekte zu berücksichtigen. Am Jahresende gibt es traditionell die höchste Nachfrage.
Und noch etwas fällt auf: Ausweislich der von den Unternehmen veröffentlichten Kennzahlen entfielen bis zur Einführung des E-Rezepts mehr als drei Viertel der im gesamten Versandhandel erzielten Rx-Umsätze auf DocMorris und Shop Apotheke, zeitweise waren es sogar 85 Prozent. Im Januar 2024 sackte der Anteil plötzlich ab auf zwei Drittel. Zuletzt hat er sich bei rund 70 Prozent stabilisiert.
Heißt in absoluten Zahlen: Während andere Versender vor Einführung des E-Rezepts pro Quartal weniger als 20 Millionen Euro – und damit halb so viel wie DocMorris beziehungsweise Shop Apotheke – mit Rx erlösten, waren es zuletzt 80 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr könnten auf andere Versender also rund 300 Millionen Euro entfallen und damit mehr als auf DocMorris.
Im Vergleich zu 2023, also dem Jahr vor Einführung des E-Rezepts, konnte diese Gruppe sogar prozentual das größte Wachstum vorweisen. Während DocMorris gerade einmal um 31 Prozent zulegte und Shop Apotheke um 235 Prozent, stiegen die Erlöse der anderen Anbieter um 276 Prozent. Berücksichtigt man, dass das ganz ohne TV-Werbung gelungen ist, zeigen sich die Wachstumsraten der börsennotierten Versender noch einmal in ganz neuem Licht.
Allerdings handelt es sich hierbei wohl weniger um die bekannten Versandapotheken: Apo.com, Medikamente-per-Klick sowie Atida (Aponeo) und Sanicare weisen laut Analyse der Unternehmensberatung Sempora in Summe gerade einmal einen Rx-Umsatz in Höhe von insgesamt 55 Millionen Euro aus. Und von diesem Betrag dürfte der größte Teil auch noch über das IK der jeweiligen deutschen Apotheke abgerechnet worden sein – und daher gar nicht im Versandhandelskonto des BMG auftauchen.
Stattdessen entfällt ein großer Teil auf den niederländischen Versender „International Specialty Pharmacy Rare & Orphan Diseases“, der zur Firma United Healthcare Partners (UHP) gehört und vor allem Hochpreiser für die Homecare-Aktivitäten der Gruppe liefert. In Maastricht hat das Unternehmen einen Reinraum angemietet, in dem gerade einmal ein halbes Dutzend Mitarbeitende für die Zubereitung von Sterillösungen verantwortlich ist. Das Geschäft läuft gut, der Umsatz hat sich alleine 2024 auf 245 Millionen Euro nahezu verdoppelt.