Knapp ein Jahr nach seinem Einstieg bei DocMorris (ehemals Zur Rose) bläst der polnische Pharmahändler Pelion zur Revolte. Wegen angeblich grober Managementfehler schlägt er der Generalversammlung vor, den Verwaltungsrat auszutauschen. Verwaltungsratspräsident Walter Oberhänsli muss gehen. Vorsitzender soll demnach der frühere Celesio-CEO Dr. Fritz Oesterle werden.
Pelion hatte im Mai ein Paket von knapp 10 Prozent der Aktien eingesammelt. Über seine niederländische Tochtergesellschaft CEPD hält der Konzern aus Polen mittlerweile knapp 14 Prozent und ist damit neben verschiedenen Investmentbanken der größte Anteilseigner.
Doch auch wenn er im Rahmen einer Kapitalerhöhung zuschlug und von der massiven Verwässerung profitieren konnte, ist der neue Investor alles andere als zufrieden. Er wirft dem Management und dem aktuellen Verwaltungsrat „wiederholte Verfehlungen in der Strategieumsetzung und der Prognose“ vor, die zu einem Kursverlust von 98 Prozent über die vergangenen fünf Jahre geführt hätten.
Daher werde man einen Antrag einreichen, Verwaltungsratspräsident Oberhänsli abzulösen. Er müsse die Verantwortung für die Geschäftsentwicklung des Unternehmens übernehmen und von seinem Amt zurücktreten, so die Forderung. Oberhänsli stand seit der Gründung an der Spitze von Zur Rose, hatte das Unternehmen erst als Ärztegroßhandel aufgebaut und schließlich 2004 den Sprung in den deutschen Markt gewagt. Mit viel Fördergeld entstand die gleichnamige Versandapotheke in Halle/Saale, im vergangenen Jahr wurde der Standort aufgegeben. 2021 wechselte Oberhänsli in den Verwaltungsrat, sein Nachfolger als CEO wurde Walter Hess. Schon bei der Generalversammlung im vergangenen Jahr wurden Forderungen laut, Oberhänsli solle von seinem Amt zurücktreten.

Dem sollen nun Taten folgen: CEPD fordert, den Verwaltungsrat auf der Generalversammlung am 12. Mai grundlegend neu aufzustellen. Der Aktionär schlägt sechs Kandidaten vor, darunter Oesterle als designierten Präsidenten, Mariola Belina-Prażmowska von Pelion als Mitglied des Verwaltungsrats sowie vier unabhängige Kandidaten, die „eine Kultur der Verantwortung schaffen und das signifikante Wertschöpfungspotenzial von DocMorris nachhaltig erschließen sollen“.
Nicole Formica-Schiller und Thomas Bucher, beide von DocMorris als neue Mitglieder des Verwaltungsrats vorgeschlagen, sollen nicht gewählt werden. Nur Florian Seubert, Investor sowie Gründer und ehemaliger CFO von Zooplus, sowie Professor Dr. Andréa Belliger, Direktorin des Instituts für Kommunikation und Führung (IKF), sollen weiter im Gremium bleiben. Auch der von DocMorris vorgeschlagene Kandidat Dr. Thomas U. Reutter, Senior Partner und Mitgründer der Anwaltskanzlei Advestra aus der Schweiz, soll gewählt werden. Hinzu kommen soll Jacek Janusz Poświata von der Unternehmensberatung Bain & Company.
Oesterle kennt DocMorris bereits gut: Unter seiner Führung hatte Celesio die Versandapotheke 2007 für rund 220 Millionen Euro gekauft. Nach massiven Abschreibungen ging DocMorris nur fünf Jahre später für gerade einmal 25 Millionen Euro an Zur Rose aus der Schweiz. Die ehemalige Ärzte-AG hatte auch kein Glück: Erst mussten Investoren an Bord genommen werden, schließlich folgte der Börsengang. Wegen teurer Übernahmen und hoher Verluste mussten immer wieder Kapitalerhöhungen durchgeführt werden, die den Aktienkurs massiv verwässerten. Schließlich wurde das ursprüngliche Kerngeschäft verkauft. Die Bilanz wird faktisch vor allem durch hohe immaterielle Vermögenswerte zusammengehalten, die sich auf knapp eine halbe Milliarde Franken summieren.
Seit seinem Ausscheiden bei Celesio im Jahr 2011 hat Oesterle verschiedene Mandate übernommen, für CEPD ist er seitdem als Non-Executive Chairman des Management Boards tätig. Bis 2014 war er im Aufsichtsrat von Eckert & Ziegler, bis 2024 im Aufsichtsrat von Heidelberger Druckmaschinen. 2012 wurde er auch Treuhänder bei der Schwarz-Gruppe. Er ist in den Kontrollgremien der LBBW sowie der Volksbank am Wuerttemberg. Außerdem war er Gesellschafter beim Großhändler AEP.
DocMorris stehe an einem entscheidenden Wendepunkt im europäischen digitalen Gesundheitswesen. „Das E-Rezept, die Teleclinic-Plattform und die Entwicklungen im KI-gestützten Internetshopping bieten DocMorris bedeutende strukturelle Chancen. DocMorris ist jedoch bisher systematisch darin gescheitert, ihre Strategie in die Tat umzusetzen und diese Chancen in Werte für ihre Aktionäre zu überführen“, heißt es zur Begründung. „Unter der Aufsicht des amtierenden Verwaltungsrats ist der Aktienkurs in den vergangenen fünf Jahren um 98 Prozent gefallen – allein in den vergangenen zwölf Monaten verzeichnete der Kurs einen Rückgang von 54 Prozent. Diese Bilanz ist Ausdruck der wiederholten Verfehlungen in der Strategieumsetzung und der Prognose gegenüber den Aktionären.“
Die Fakten sprechen laut CEPD für sich: „Der derzeitige Verwaltungsrat ist nicht in der Lage, das Unternehmen zum Erfolg zu führen und die Interessen der Aktionäre zu wahren. Die Folgen sind eine dramatische Underperformance und eine äußerst niedrige Bewertung am Kapitalmarkt. Als größter Aktionär von DocMorris sehen wir uns in der Verantwortung gegenüber allen Stakeholdern, das Unternehmen wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Der erste entscheidende Schritt ist die grundlegende Neuaufstellung des Verwaltungsrats – einschliesslich der Position des Verwaltungsratspräsidenten – mit Kandidaten, die das Unternehmen effektiv darin unterstützen können, seine Strategie umzusetzen, Resultate zu erzielen und sein Potenzial auszuschöpfen. Wir sehen hierin eine zentrale Voraussetzung dafür, dass das Unternehmen wieder erfolgreich wird und das Vertrauen des Kapitalmarkts zurückgewinnt.“

Die Aktionäre könnten einen hochqualifizierten Verwaltungsrat mit den erforderlichen Fähigkeiten und der notwendigen Expertise erwarten, der das Management durch klar definierte Berichtspflichten in die Verantwortung nehme. Der vorgeschlagene Verwaltungsrat werde sicherstellen, dass Ziele, Strategie, KPIs für die Online-Apotheke und Umsetzungspläne präzise formuliert, aufeinander abgestimmt, effektiv umgesetzt und mit Entschlossenheit und Tempo vorangetrieben würden.
In den vergangenen Monaten habe man Verhandlungen mit dem Verwaltungsratspräsidenten über die Notwendigkeit einer umfassenden Neuaufstellung der Governance geführt – inklusive der Forderung, dass Oberhänsli von seinem Amt als Verwaltungsratspräsident zurücktrete. „Leider zeigte der Verwaltungsrat weiterhin keine Bereitschaft, die grundlegenden Probleme anzuerkennen, mit denen DocMorris konfrontiert ist, oder die Verantwortung für die Geschäftsentwicklung zu übernehmen.“
Ohne sich zuvor mit CEPD abzustimmen, habe DocMorris Anfang März neue Kandidaten für den Verwaltungsrat vorgeschlagen. „Nach Ansicht von CEPD setzt dieses einseitige Vorgehen ein Muster der Missachtung von Aktionärsinteressen fort und untergräbt den kooperativen Ansatz, den CEPD zu wahren versucht hat. Ebenso wurden explorative Gespräche über eine mögliche strategische Partnerschaft zur Unterstützung von DocMorris, die im Sommer 2025 geführt wurden, vom Verwaltungsrat von DocMorris einseitig beendet.“
Die Reaktion des Kapitalmarkts auf die von DocMorris vorgeschlagene Erneuerung des Verwaltungsrats sei eindeutig: „Kontinuität unter dem derzeitigen Verwaltungsratspräsidenten bedeutet eine Kontinuität der Wertvernichtung.“ Seit dem 3. März sei der Aktienkurs um mehr als 23 Prozent auf ein neues Allzeittief gefallen. „Dies zeigt, dass der Kapitalmarkt jegliches Vertrauen in das Unternehmen und seine Führung verloren hat, die gesteckten Ziele zu erreichen.“
CEPD spricht sich für einen echten Neuanfang bei DocMorris aus und appelliert an alle Aktionäre, an der Generalversammlung teilzunehmen und ihr Stimmrecht auszuüben. Angesichts der niedrigen Anwesenheitsquoten in der Vergangenheit sei man der Ansicht, dass Entscheidungen bezüglich der Zusammensetzung des Verwaltungsrats ein breites und repräsentatives Aktionärsmandat widerspiegeln sollten. Um die Kampagne zum Erfolg zu führen, hat CEPD unter dem Motto „Change for DocMorris: From Undervalued e-Pharmacy to Leading European ‚Healthcare in One Click‘ Platform“ eine eigene Website eingerichtet. Vor allem aber wird es darum gehen, die anderen Großaktionäre – Banken wie UBS, Julius Baer oder JPMorgan und Finanzinvestoren wie Astaris, LMR oder Sterling – für den Plan zu gewinnen.