Ein Werbespot von Aliud lässt etliche Apothekenteams sprachlos zurück. Wenn man nur wegen eines Schnupfens jedes Mal „in die Apotheke rennen müsste“, würde man verrückt oder arm werden, hieß es in dem Video. Eine Inhaberin reagierte nun rigoros: „Ich habe das gesamte Sortiment ausgelistet. Das lasse ich mir nicht bieten.“ Aliud reagiert auf den Protest aus den Apotheken.
Keine einzige rote Packung sei mehr in der Sichtwahl zu finden, erklärt Constanze Kaim, Inhaberin der Apotheke im Hausarztzentrum in Grafenrheinfeld. Es sei eine Entscheidung aus dem Bauch heraus gewesen. „Ich habe erst relativ spät von dem Aliud-Spot erfahren, aber dann spontan entschieden, dass ich alles aussortiere.“ Was in dem Video publiziert wurde, lasse sie sich nicht bieten. „Ich finde, die brauchen einen Schuss vor den Bug“, so Kaim.
So werde sie das Sortiment nach und nach abverkaufen. „Ich habe alles in Schubladen gelegt, so dass es nicht mehr unmittelbar in der Sichtwahl zu sehen ist“, erklärt sie. „Falls es einen Kunden gibt, der unbedingt ein Nasenspray von AL möchte, werde ich es bestellen.“ Ansonsten gebe es auch genug Alternativen: „Wenn es um den Preis geht, da können wir mit anderen Herstellern unterbieten, das soll nicht das Hindernis sein“, so Kaim.
Überhaupt sei sie richtig sauer über die Empfehlung, beim Versandriesen Amazon einzukaufen. „Ich bin der Meinung, das geht rechtlich überhaupt nicht, denn es wurde direkt verlinkt, obwohl das nichts mit Apotheke zu tun hat.“
Mittlerweile hat der Hersteller eine Stellungnahme dazu verfasst und das Video bereits offline genommen. „Am Wochenende wurde im Rahmen unserer Nasenspray-Kampagne ein Spot veröffentlicht, der bei einigen Apotheken-Teams Irritationen ausgelöst hat“, heißt es darin. Das nehme man sehr ernst. „In einem von zwölf Spots konnte der Eindruck entstehen, der Online-Handel spiele eine bevorzugte Rolle. Das war nicht unsere Absicht“, so der Hersteller. Kaim glaubt nicht daran: „Für mich war das geplant, es kommt mir sehr unehrlich vor, was dort geschrieben wurde.“
Aliud hingegen macht in seiner Stellungnahme klar: „Aliud steht für bezahlbare Gesundheit – gemeinsam mit den Apotheken vor Ort. Die stationäre Apotheke ist und bleibt unser zentraler Partner in der Versorgung von Patientinnen und Patienten in Deutschland. Sollte ein anderer Eindruck entstanden sein, bedauern wir das ausdrücklich.“ Für zukünftige Kampagnen werde man die internen Prüf- und Freigabeprozesse weiter optimieren. Kaim zweifelt an der Erklärung: „Wer hat dann diesen Werbeslogan kontrolliert, bevor er an die Öffentlichkeit gelangte? Für mich ist es ein abgekartetes Spiel, in dem AL sein Sortiment auch auf anderen Vertriebswegen darbieten möchte.“
Florian Sedlmeier, Inhaber der St. Martins-Apotheke in Ampfing in Bayern, geht noch einen Schritt weiter und wandte sich direkt an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sowie an das Regierungspräsidium von Tübingen. Er fordert eine Prüfung der Werbekampagne. „Nach meiner Auffassung wirft diese arzneimittelrechtliche und heilmittelwerbliche Fragen auf.“ In dem Spot werde der Eindruck erweckt, dass der Bezug über Online-Plattformen dem Gang in die Apotheke vor Ort vorzuziehen sei.
„Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass die beratende Funktion der Apotheke relativiert oder zumindest wirtschaftlich entwertet wird“, stellt Sedlmeier klar. „Als Apotheker unterliegen wir strengen berufs- und arzneimittelrechtlichen Verpflichtungen. Wir dürfen insbesondere keinen unsachgemäßen Mehrgebrauch von Arzneimitteln fördern“, schreibt er an das BfArM und das Regierungspräsidium. „Ich bitte daher ausdrücklich darum, die Vereinbarkeit der konkreten Werbemaßnahmen mit den Vorgaben des Heilmittelwerbegesetzes umfassend zu prüfen“, so eine seiner Forderungen.