Schweden

Rassismus-Vorwürfe gegen Apothekenkette

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Berlin -

Die schwedische Apothekenkette Apoteket muss sich gegen Rassismus-Vorwürfe wehren. Der Grund: „Hautfarbene“ Pflaster. Eine Bloggerin hatte den Staatsbetrieb in einer Radiosendung dafür kritisiert, dass Produkte mit dem Zusatz ausschließlich hellhäutige Menschen adressierten. Apoteket reagierte entsetzt.

Bloggerin Paula Dahlberg, selbst gebürtige Kolumbianerin, kam im Alter von zwei Jahren nach Schweden. Heute betreibt sie den linkspolitischen Blog Vardagsrasismen (Alltagsrassismus). Im Frühstücksradio P1-Morgon diskutierte sie mit Apoteket-Kommunikationsleiterin Eva Fernvall.

Dahlberg sagte, die Pflaster der Apotheken seien ein gutes Beispiel für Alltagsrassismus. Sie versuche in der Regel, transparente Pflaster zu kaufen, diese seien etwas diskreter. Es gebe keine Pflaster, die ihre dunklere Hautfarbe berücksichtigten. Dies sei Teil dessen, was sie üblicherweise „weiße Norm“ nenne – also, dass weiße Leute normal seien. In Schweden sind etwa 90 Prozent der Bevölkerung hellhäutig.

Mit den Rassismus-Vorwürfen konfrontiert zeigte sich Fernvall entsetzt: „Es ist peinlich, dass wir daran nicht selbst gedacht haben.“ Zukünftig werde man die bisherigen Pflaster nicht mehr „hautfarben“ nennen. Außerdem wolle man auch dunklere Pflastersorten vorhalten.

Aktivistin Steffi Aluoch sagte gegenüber dem Radiosender, wenn man in eine Apotheke gehe, finde man Pflaster in weiß, beige, blau, transparent und die gemusterten für Kinder. Und häufig würden die beigen Pflaster eben „hautfarben“ genannt.

Das Problem beschränke sich aber nicht nur auf Heftpflaster: „Wenn man ‚hautfarbenes Kleid’ googelt, beginnt man zu verstehen, wo das Problem liegt. Das Suchergebnis zeigt ein Meer aus Beigetönen.“ Die Hersteller gingen von der Annahme aus, dass alle ihre Kunden hellhäutig seien. Es sei eine Frage der Wertschätzung, hautfarben mit hellhäutig gleichzusetzen.

Das könnte laut Aluoch auch für Unterwäsche gelten und für getönte Cremes, die eigentlich für alle Hauttypen gedacht seien. „Es erscheint mir aberwitzig, denn alle sprechen immer nur von einem einzigen Hauttypen – beige. Es ist das Gefühl, als würde meine Hautfarbe für die Gesellschaft nicht zählen. Es ist eine gewisse Art der Entmenschlichung“, sagte Aluoch.

John Womack, Sprecher des Pflasterherstellers Cederoth, kommentierte, es habe bislang keinen Bedarf für andersfarbige Pflaster gegeben. Er verstehe aber die Kritiker, die argumentierten, dass die beigen Pflaster ausschließlich für hellhäutige Personen gedacht seien. „Natürlich nehmen wir den Standpunkt zur Kenntnis. Es ist durchaus vernünftig, dass die Leute ein Pflaster kaufen, das zu ihrer Hautfarbe passt und nicht hervorsticht“, sagte er.

Womack räumte ein, man sei etwas hinterher bei der Betrachtung dieser Frage. Bei Cederoth habe man das Thema im vergangenen Frühjahr auf die Agenda geholt. Das Unternehmen liebäugelt mit der Option, zukünftig auch Pflaster in anderen Tönen auf den Markt zu bringen.

Inspiriert von der Debatte hat die schwedische Politikerin Christina Löwenström eine eigene Pflasterserie für dunkelhäutige Menschen auf den Markt gebracht. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Camilla Hedberg und einem Anbieter aus den USA präsentierten sie ihr neues Produkt nun im schwedischen Radio.

Im Sommer 2009 waren die 924 Apotheken des Staatsbetriebes Apoteket zu zwei Dritteln an Apothekenketten verkauft worden, etwa 330 Standorte verblieben im Staatsbesitz. Der private Markt hat sich rasant konsolidiert: Hjärtat kommt auf etwas mehr als 300 Apotheken, KD auf circa 290 Apotheken.

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