APOTHEKE LIVE

Pilsinger: 11 Euro für Landapotheken

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Lilith Teusch und Dr. Stephan Pilsinger im Studio
Lilith Teusch mit Dr. Stephan PilsingerFoto: APOTHEKE ADHOC
Berlin -

Die Apothekenreform von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) befindet sich im parlamentarischen Verfahren. Die erste Lesung im Bundestag sowie die Anhörung im Gesundheitsausschuss haben deutlich gemacht: Es gibt noch viele Baustellen. Doch welche Korrekturvorschläge liegen konkret auf dem Tisch? Und wo gibt es innerhalb der Koalition noch Reibungspunkte? Für Dr. Stephan Pilsinger, Berichterstatter für Apotheken der Unionsfraktion, muss in den Punkten PTA-Vertretung sowie Einhaltung der Transportbedingungen für Versender nachgebessert werden. Im APOTHEKE LIVE appellierte er zudem an die SPD, sich vom intensiven Lobbyeinfluss der Versender zu trennen. Zudem forderte er eine Erhöhung des Honorars für Landapotheken auf 11 Euro.

Im Koalitionsvertrag haben sich SPD und Unionsfraktion auf gleichlange Spieße bei der Einhaltung der Liefertemperaturen geeinigt. „Es kann nicht sein, dass Versender mit DHL unkontrolliert versenden“, so Pilsinger. „Es kann nicht sein, dass sich die Apotheken ganz genau an alle möglichen Vorgaben halten und Versender nicht.“ Die Temperatureinhaltung müsse kontrolliert und sanktioniert werden. Wer sich nicht an die Regeln halte und die Gesundheit der Bevölkerung gefährde, müssen vom Markt ausgeschlossen werden.

Für Pilsinger steht fest: „Alles, was für den Phagro gilt, muss 1:1 für die Versender gelten.“ Es gebe keinen Unterschied zwischen einer Versandapotheke in Holland, die tausende Arzneimittel an Kund:innen schicke, und einem Großhändler, der tausende Arzneimittel an Apotheken liefere. „Es macht keinen Unterschied, wer liefert.“

„Wir lassen uns nicht erzählen, dass die Vorgabe gegen das Europarecht verstößt, und sehen Klagen gelassen entgegen.“

„Ich bin sicher, dass es eine rechtssichere Lösung gibt“, so Pilsinger – anders als von der SPD lobbyiert werde. „Die Prüfbitten der SPD sind sehr lobbyorientiert.“ Die SPD zweifle zwischen den Zeilen an, dass es nicht europarechtskonform sei. „Die SPD sollte sich vom intensiven Lobbyeinfluss von DocMorris und Shop Apotheke lösen.“ Die Union werden darauf drängen, dass umgesetzt werde, was mit der SPD im Koalitionsvertrag vereinbart wurde.

Die Nichteinhaltung der Temperaturreglungen sei eine Patientengefährdung und es sei Skandal, dass in der Vergangenheit nicht kontrolliert wurde. Dass DHL sage, man wisse aufgrund des Postgeheimnisses selbst nicht, ob Arzneimittel in den Päckchen seien, sei ein Skandal. Arzneimittellieferungen müssten als solche gekennzeichnet sein.

PTA-Vertretung

„Es muss eine Möglichkeit der Weiterentwicklung für PTA in Apotheken geben. Es darf nicht sein, dass die Vertretungsregelung ein Einfallstor für dm und Rossmann öffnet.“

Die Vertretung des Apothekers im Urlaub ist für Pilsinger jedoch okay. Aber: „Keine Hausarztpraxis ohne Arzt und keine Apotheke ohne Apotheker.“

Bei der PTA-Vertretung müssten kleine Details wie der Zeithorizont und die Kilometergrenze nachgebessert werden, um Einfallstore auszuschließen. Zudem wollten viele PTA keine „Ersatzvertretung“ spielen. Analog zu Physician Assistent bei MTA sei eine entsprechende Weiterqualifikation auch für PTA denkbar.

Mögliche Kompetenzerweiterungen wären Impfaufgaben von entsprechend geschulten PTA oder auch pharmazeutische Dienstleistungen (pDL). Aber nicht alle PTA wollten sich weiterqualifizieren oder vertreten – dies solle keine Verpflichtung werden.

Rx-Abgabe ohne Rezept

Die Rx-Abgabe ohne Rezept müsse man pragmatisch sehen. „Ärzte und Apotheker müssen das machen, was im Curriculum gelehrt wurde.“ Die Abgabe von Antibiotika bei einem Harnwegsinfekt sollte Apothekern nicht gestattet werden. Dass Chroniker mit der kleinsten Packung versorgt werden können, wenn die Medikation durch die elektronische Patientenakte (ePA) bekannt ist, ist für Pilsinger nicht aus der Welt.

„Ärzte machen sich in einigen Bereichen zu viele Sorgen“, so Pilsinger. Werde das Primärarztsystem eingeführt, komme es zu mehr Kontakten und die Unterstützung der Apotheken durch neue Tätigkeiten sei nötig.

„Wir sollten darüber nachdenken, dass Apotheken Screenings durchführen.“ Davon profitierten der Hausarzt und die Apotheke. „Wir haben einen Nachholbedarf bei der Prävention.“

„Ich bin für Diagnostik – Blutzucker, Blutfette, Blutdruck. Aber Diagnosestellung ist ein Problem – dafür ist der Apotheker nicht ausgebildet.“ Er könne die Auswirkungen nicht abschätzen beispielsweise bei einem Harnwegsinfekt.

Honorar

„Das Honorar muss per Verordnung geregelt werden, nicht per Gesetz. Ich verlasse mich darauf, dass die Ministerin das Versprechen umsetzt“, so Pilsinger. Alles, was im Koalitionsvertrag stehe, sei gesetzt – auch die 11 Euro für Landapotheken. Die brauchten einen „Schluck extra aus der Pulle“.

Auch die Verhandlungslösung ist für Pilsinger gesetzt. „Ich war überrascht, dass das Honorar bislang in der Verordnung geregelt wird. Alle anderen – Ärzte, Hebammen – verhandeln das Honorar auch selbst. Es kann ja nicht sein, dass seit 2013 nichts passiert ist, nur weil es keine Verordnung gab“. Apotheker brauchten keinen Vormund.

Pilsinger rechnet mit einem Abschluss des Verfahrens in den nächsten drei Monaten. „Wir werden nicht alles bekommen, was wir wollen. Aber wir werden uns als Union dafür einsetzen, dass das Maximale erreicht wird.“

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