APOTHEKE LIVE

„Es geht um mehr als die Vergütung der Apotheken“

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Berlin -

Was bringt die Apothekenreform von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU)? Welche Ideen sind fix, welche verhandelbar? Und wie stellen sich Ministerium, Kassen und Apothekerschaft die Zukunft der Versorgung vor? Darüber diskutierten im APOTHEKE LIVE Thomas Müller aus dem Bundesgesundheitsministerium (BMG), Dr. Sabine Richard vom AOK-Bundesverband und Abda-Präsident Thomas Preis.

Im Vergleich zum Entwurf aus der vergangenen Legislaturperiode habe man sehr viele Elemente verbessert, so Müller. „Wir haben gut zugehört in der Anhörung, wir haben sehr viele Abstimmungen mit der Ministerin gehabt. Ich habe ein gutes Gefühl, dass wir viele Strukturelemente drinhaben, die die Apotheken weiter bringen.“ Ganz wichtig sei die Weiterentwicklung des Berufsbildes, man bringe die Apotheken noch näher an die Patienten heran. Er erwarte dennoch eine große Flut an Änderungsanträgen, man sehe den Anspruch der Parlamentarier auch bei anderen Gesetzen wie dem Medizinalcannabisgesetz (MedCanG). Am 5. März finde die öffentliche Anhörung statt.

Vergütung

Das Fixum sei noch nicht drin, „daran arbeiten wir“, so Müller. Dies habe die Ministerin auch zugesagt. „Ich bin optimistisch, aber ich kann nichts versprechen.“

Von einem Schlag ins Kontor sprach Preis. Während die Praxen jährlich 1,3 Milliarden Euro mehr erhielten, koste die Anhebung des Fixums nur 950 Millionen Euro – nach 13 Jahren. Selbst die 9,50 Euro wären nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, berücksichtige man die Kostensteigerungen der vergangenen Jahre müsste man eher bei 14 Euro landen. „Die Beitragseinnahmen der Krankenkassen sind um 70 Prozent gestiegen, die Apotheken bekommen aber nur 12 Prozent mehr – und die kommen noch nicht einmal unten an, weil die Kosten so rasant steigen.“

„Ich verstehe total, dass hier Nachholbedarf und Unmut bestehen, aber die Gesamtsituation macht es schwierig“, so Müller. Wenn man die Anpassung jetzt nachhole, rede man von einer Steigerung um 15 Prozent. Man habe eine sehr schwierige Finanzlage und werde keinen Leistungsbereich bei Sparmaßnahmen ausnehmen können. „Das wird Pharma, die Krankenhäuser, die Ärzte treffen.“ Natürlich wolle man eine Honorarerhöhung vor der Verhandlungslösung machen, aber man müsse dafür eine knappe Milliarde Euro organisieren. „Das wird eine schwierige Verhandlung, das müssen auch die Apotheken sehen.“

Richard gab zu Protokoll, dass sie auch ohne Fixum nicht glücklich mit den finanziellen Auswirkungen der Apothekenreform sei. Im Grunde müsse man erst einmal die Ergebnisse der Finanzkommission abwarten und dann die Diskussion führen. Das Fixum sei da eher ein Sonderpunkt neben ansonsten eher sparenden Dingen. „Ich sehe eine ganze Menge andere finanzielle Risiken, über die wir sprechen müssen.“

Preis erinnerte ebenfalls an das persönliche Versprechen von Warken. Denjenigen Kollegen, denen das Wasser wirtschaftlich bis zum Hals stehe, nütze das nichts. Preis wies darauf hin, dass das Fixum nicht in der Hand des Parlaments liege, sondern beim BMG. Man werde aber das Parlament nutzen, um das Thema voranzubringen. Die Politik sei in der Verantwortung, das Honorar erst zu erhöhen und dann für eine regelmäßige Nachjustierung zu sorgen. „Damit wir nicht sofort wieder abgekoppelt sind. Dann können wir auch wieder konstruktive Dinge tun.“

Skonto

Auch das Skonto sei in der Verordnung, das laufe parallel bis zur Verabschiedung voraussichtlich im Sommer. Ziel sei, dass beide Teile zeitgleich kämen, man werde in den Berichterstattergesprächen zum Gesetz auch Themen aus der Verordnung beraten. „Es ist alles auf dem Tisch.“

Grundkostenzuschlag

Den zuletzt vom Bundesrat noch einmal auf den Tisch gebrachten Grundkostenzuschlag schaue man sich an, so Müller. „Wir halten aber eine generelle Anhebung des Fixums für den besseren Weg, denn wir wollen keine Bedarfsplanung.“ Er glaube nicht, dass eine kleine Apotheke automatisch versorgungsrelevant sei.

Auch Richard äußerte Bedenken: Differenzierte Zuschläge seien sehr bürokratisch und erforderten KV-ähnliche Strukturen. „Je mehr Anleihen man bei Ärzten oder Krankenhäusern nimmt, desto mehr läuft man in ein geregeltes System hinein. Ich glaube nicht, dass wir das wollen.“

Preis hielt dagegen: „Jede Apotheke ist wichtig, jede Apotheke versorgt Patienten. Das ist kein Hobby!“ Der Vorschlag, die ersten 20.000 Packungen höher zu vergüten, wäre bürokratiearm – und stärke nicht nur Apotheken auf dem Land, sondern auch in den Stadtteilen. Mit Bedarfsplanung habe das nichts zu tun, auch die Apothekerschaft wolle diese nicht. Die Digitalisierung alleine könne aber nicht die Lösung sein. Das sei vielleicht pragmatisch für große Strukturen, auch die Krankenkassen – aber nicht für die Bürger. „Es geht um persönliche Kontakte.“

Telepharmazie

Die Kassen sehen das anders: „Wir brauchen neue Modelle für die Primärversorgung, dem müssen sich auch die Apotheken stellen. Wenn Telemedizin geht, warum dann nicht auch Telepharmazie?“

Ihrer Meinung nach müssen keine Strukturen künstlich am Leben gehalten werden, die nicht gebraucht werden. Man sehe bei den Ärzten ein nachlassendes Interesse an der Einzelpraxis und einen Trend zu größeren Strukturen. Das biete flexible Modelle, etwa in dem Ärzte zugeschaltet sein oder pendeln könnten. „Wenn man das ganze Bild in den Blick nimmt, spricht an bestimmten Standorten vieles für die Aufgabe.“

Dr. Sabine Richard im Talk
Dr. Sabine Richard vom AOK Bundesverband wünscht sich neue Apothekenmodelle.Foto: APOTHEKE ADHOC

Die angekündigten Strukturreformen hätten entschiedener ausfallen können, so Richard. Sie verwies auf die Notfallreform, mit der eine bessere Steuerung ermöglicht werden solle. Keinesfalls wolle man Doppelstrukturen; wo die Situation ohnehin schon schlecht sei, müsse man entscheiden, wie die Arbeit vor Ort verteilt werde. Man sei für regionale Gestaltungsmöglichkeiten, habe diesbezüglich aber noch nicht so viel Unterstützung von den Apotheken wahrgenommen.

Müller betonte, dass die Digitalisierung nicht alles lösen könne und auf keinen Fall den persönlichen Kontakt ersetzen solle. Aber sie könne nützliche sein, Personalprobleme abzufedern. Auch der Notdienst sei bekanntermaßen unbeliebt, weshalb man jetzt erst einmal versuche, ihn zu „vergolden“. In der Schweiz gebe es aber bereits Modelle mit ferngesteuerten Abgabeautomaten. So etwas müsse man mitdenken.

Richard schlug in dieselbe Kerbe: „Die Frage ist doch, wie lange kann ich etwas vergolden.“ Mit dem Fachkräftemangel müsse sich jede Berufsgruppe auseinandersetzen, als Kasse habe man lieber ein digitales Angebot als gar keins. „Wir brauchen mehr Flexibilisierung, sonst fällt noch die letzte Person weg und wir werfen irgendwann Päckchen mit der Drohne ab.“

Preis räumte ein, dass man neue Wege gehen müsse. „Aber das kann nur eine Hilfslösung sein, in Wirklichkeit ist es wichtig, ein dichtes Apothekennetz zu haben.“ Apotheken seien auch ein Resilienzfaktor. Und: „Es ist gut, dass unsere Berufe inhaltlich interessanter gemacht werden. Aber wir werden das Personalproblem nicht lösen, wenn man in der Apotheke zu wenig verdient. Dann entscheidet sich der potenzielle Nachwuchs für andere Berufe.“ Preis verwies auf die Verwaltungskosten der Kassen, die doppelt so hoch seien wie die Vergütung der Apotheken. „Sie können viel höhere Gehälter zahlen, das ist ein großes Ärgernis, auch für die Ärzteschaft.“

Verhandlungslösung

Kleinere Schritte, aber jährlich, das soll die Verhandlungslösung laut Müller bringen. Man habe die Bezugnahme auf Indizes noch einmal nachgeschärft und gehe von Steigerungen im niedrigen Prozentbereich aus. Er bat aber um Geduld und Demut auf beiden Seiten, das Verfahren müsse sich erst einspielen. Die Ärzte verhandelten mit den Kassen seit 50 Jahren, man mache bei den Apotheken einen großen Schritt, indem man beide Bereiche an einen Tisch hole. Auch bei den Pharmaunternehmen habe es lange gebraucht, und es laufe immer noch nicht perfekt.

Richard verwies auf die Rahmenbedingungen: „Wir müssen über alles gucken, die Bäume werden nicht in den Himmel wachsen können.“ Einnahmen und Ausgaben müssten zueinander passen, Stichwort Beitragsstabilität. Im Übrigen hätten die Apotheken durchaus von Anpassungen profitiert, „die Liste ist nicht kurz“, sagte Richard und nannte als Beispiel die Botendienstpauschale.

Man sei sich der Verantwortung bewusst, eine Lösung zu finden, so Preis. Wichtig sei aber, dass das Ergebnis auch umgesetzt werde. „Wir wollen nicht ins Leere verhandeln.“ Das sei dem BMG bewusst, versicherte Müller. Dass es sich nur um eine Empfehlung handele, die per Verordnung umgesetzt werden müsse, sei als Übergangslösung für das neue Verfahren gedacht.

Austausch/Nullretax

Auch bei den Regelungen zum Austausch von Rabattarzneimitteln setzt das BMG auf eine Evaluationsphase. In der Pandemie habe es funktioniert, das sei Konsens, man habe aber die Bedenken der Kassen gesehen. „Es geht um viel Geld – mehr als die Vergütung der Apotheken.“

Laut Richard ist völlig offen, ob die Apotheken die Möglichkeit zum Austausch mit Augenmaß nutzen und die Rabattverträge beachten. „Die Freistellung geht relativ weit, das Risiko ist da. Es gibt viele handelnde Personen und kann womöglich anders laufen ohne den besonderen Spirit während Corona.“ Sie erklärte, dass sich für die Kassen die Kalkulationsgrundlagen verschieben könnten. „Wenn es unsicherer wird für die Firmen, bekommen wir schlechtere Kondition für vier bis fünf Jahre. Die Apotheken brauchen die Rabattverträge übrigens genauso wie wir. „Sie erwirtschaften nicht Einsparungen für uns, sondern für das Gesamtsystem. Denn man kann das Geld nur einmal ausgeben.“

Auch wenn Preis darauf verwies, dass die Rabattquote seinerzeit genauso gut gewesen sei: Der Anreiz, in Lagerhaltung und Nachlieferungen zu investieren, sei nicht mehr so groß, so Richard. „Wir wollen auch, dass unsere Versicherten schnell beliefert werden. Aber wir brauchen auch den Preiswettbewerb im Generikabereich.“

Einen Vertrauensvorschuss gebe es auch bei der Einschränkung der Nullretaxationen, so Müller. „Die Apotheken sind Treuhänder für Versichertengelder und sollten sehr sorgfältig damit umgehen.“ Gerade bei Hochpreisern könne es schnell teuer werden. Beim Thema Chargen schließe man zumindest die Absetzung der Arzneimittelkosten aus, sodass unter Umständen nur noch das Honorar zur Diskussion stehe.

„Ich dachte, es geht um Arzneimittelsicherheit und fachliche Verantwortung“, konnte sich Richard nicht verkneifen. Da gebe es eigentlich keinen Grund für eine Abschwächung. „Wir wollen vertrauen, aber wir müssen uns auch wehren können. Nullretax ist etwas für schwarze Schafe, das wird kaum angewendet und ist kein Dauerbeschuss.“

Preis ließ es dabei bewenden. Man habe eine gute Regelung im Gesetz, die mehr Sicherheit bringe, auch wenn Retaxationen nicht 100-prozentig vom Tisch seien.

Zweigapotheken

Nicht vom Tisch ist das BMG das Thema Zweigapotheken. „Wir sehen schon, dass es in abgelegenen Gebieten – über die 6 km kann man streiten – besser ist, noch eine persönliche Anlaufstelle vor Ort zu haben als gar keine.“ Auch das sei ein Angebot, um eine Bedarfsplanung zu vermeiden und zu verhindern, dass sich Umsätze noch mehr konzentrierten. So werde es womöglich leichter, auch unattraktivere Standorte zu besetzen. Die von der Kommune betriebene Notapotheke ist aus seiner Sicht keine gleichwertige Lösung, denn der Staat könne die Versorgung gewiss nicht besser organisieren. „Wir setzen auf Privatwirtschaft und Freiberuflichkeit.“

Thomas Müller im Talk
Thomas Müller aus dem BMG setzt auf die Honorarverhandlungen.Foto: APOTHEKE ADHOC

Die Kritik des Bundesrats, dass eine Zweigapotheke leichter zu gründen sei als eine Rezeptsammelstelle, ließ er nicht gelten: „Wir finden Rezeptsammelstellen die schlechtere Lösung. Daher müsste der Bundesrat eine Antwort geben, wie er sich die Sicherung in ländlichen Regionen vorstellt.“ Das Ganze sei ein Versuch, auch als Alternative zum Versandhandel, den man in zwei bis drei Jahren ebenfalls evaluieren werde.

Laut Richard haben sich Rezeptsammelstellen mit dem E-Rezept ohnehin überholt, sie sieht das Ganze als eine gute Entwicklung: „Es ist doch gut, Flexibilisierung zu ermöglichen, um zumindest ein gewisses Angebot zu sichern.“

Preis warnte: „An solchen Standorten wird nie wieder eine richtige Apotheke entstehen, weil es viel billiger ist, eine solche ‚Leichtfußapotheke‘ zu betreiben.“ Im Sinne der Bürger lehne man die Pläne ab, denn sie seien ein Etikettenschwindel. Außerdem öffneten sie die Tür für Fremd- und Mehrbesitz. „Ordnungspolitisch solche wichtigen Leitlinien einzureißen, um das Modell zu testen, ist gefährlich. Wir brauchen ein stabiles Apothekennetz ohne Sollbruchstellen.“

PTA-Vertretung

Für die genauso kontrovers diskutierte PTA-Vertretung habe man mit der Erprobung auf dem Land einen Kompromiss gefunden, so Müller. „Der Widerstand war sehr stark, das ist eine politische Entscheidung, um Risiken und Nutzen abzuwägen.“ Man müsse abwarten, was in der parlamentarischer Phase daraus werde.

Preis will die Ministerin bereits so verstanden haben, dass sie auch damit leben könne, wenn die PTA-Vertretung nicht mehr drin wäre. „Diese Lösung braucht niemand, weder die PTA noch die Apotheke.“ Die allermeisten Betriebe hätten eine Vertretung, es sei also ein theoretisches Problem. Den Bürgern werde jedenfalls nicht geholfen, denn sie erwarten zu Recht, dass in der Apotheke auch ein Apotheker zu erreichen sei. „Das ist eine insuffiziente Lösung, die dem Versorgungscharakter mit Arzneimitteln nicht gerecht wird. Ich bin froh, dass das so runtergekocht wurde, den Rest kriegen wir auch noch weg.“

Rx-Versand

Wegkriegen würde Preis auch gerne den Versandhandel. Doch laut Müller gibt es ihn sei 2004; es gebe eine ganze Reihe an Gerichtsurteilen mit der Einschätzung, dass die „Rolle rückwärts“ sehr viel problematischer wäre als die Nichtzulassung. „Das ist rechtlich sehr schwierig.“

Den Vorschlag des Bundesrats, die Länder- in eine Unternehmensliste zu überführen, bei der die Versender selbst die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften nachweisen müssten, werde man sich tatsächlich genauer anschauen. „Aber bringt das außer Bürokratie auch etwas? Das Grundproblem sind doch die ungleichen Wettbewerbsbedingungen. In den Niederlanden ist das Kapital trotzdem drin.“ Er warne vor einfachen Lösungen; man agiere im Binnenmarkt und könne das Problem nicht mit einem Fingerschnipsen lösen.

Beim Thema Paritätische Stelle bekamen sich Preis und Müller kurz in die Haare. Die Politik drücke die Verantwortung weg, beklagte der Abda-Präsident. Man hätte gerne auch einmal eine Aktion der Preiswächter gesehen, das sei bislang aber nicht erfolgt. „Die Selbstverwaltung muss auch in der Lage, das Rabattverbot anzugehen.“ Er sei sich des Problems der Haftung bewusst, aber das löse man ja nun. Nicht nachhaltig genug, konterte Preis.

Richard hielt dagegen, warum man bei wegbrechenden Versorgungsstrukturen auch noch den Versandhandel beschneiden wolle. „Weil es die Apotheken stärkt, wenn wir den Versandhandel zurückdrängen“, antwortete Preis.

pDL/Rx-Abgabe

Die pharmazeutischen Dienstleistungen (pDL) sind für die Kassen bekanntlich ein neuralgisches Thema. „Wir können es uns nicht leisten, dass hier 600 Millionen Euro liegen, ohne dass es auf Dauer ein richtiges Nutzungskonzept gibt. Das kann man dem Bürger nicht erklären.“

Schon die Konstruktion sei falsch, da nichts versichertenbezogen abgerechnet werde. Eine intensive Betreuung der Versicherten sei immer ein wichtiges Ziel, aber man brauche dieselbe Evidenz wie bei der ärztlichen Versorgung. „Da habe ich viele Fragezeichen.“ Als Kasse habe man keine Transparenz darüber, welche Apotheke welche Leistung erbringe und könne daher auch keine Versicherten hinschicken. „Nur die Hälfte hat überhaupt Leistungen abgerechnet.“

Hinzu komme das Problem der Mehrwertsteuer. Wenn man die Mittel für Prävention nutze, müsse man sie noch einmal versteuern. Außerdem fehle für die geplanten zusätzlichen Leistungen die Vernetzung.

„Da sind wir dran“, so Müller. Das Finanzierungsverfahren werde man noch angehen. Dass es nicht ideal funktioniere, sei allen klar: „pDL sind kein Selbstzweck, sondern müssen im Sinne der Versorgung sein. Daher wollen wir, dass die Zusammenarbeit mit dem Arzt viel stärker im Vordergrund steht, daher die Informationspflichten.“ Auch die Möglichkeit, dass der Hausarzt der Apotheke den Auftrag erteile, wenn er selbst keine Kapazitäten habe, gingen in diese Richtung.

Thomas Preis im Talk
Abda-Präsident Thomas Preis will die Apotheken wirtschaftlich gestärkt in die Zukunft führen.Foto: APOTHEKE ADHOC

Preis fände es viel besser, wenn Apotheken die Pflege der Medikationsliste selbst initiieren könnten. Doch Müller sieht das anders: Die Medikationsbewertung sei nur sinnvoll, wenn alle am selben Strang zögen. Beim Thema AMTS sei man bereits sehr kollegial unterwegs. Auch die Möglichkeit der Rx-Abgabe sei als Hebel für mehr Gleichberechtigung der Apotheke gedacht.

Während Preis es unsozial findet, dass die Patienten dafür selbst bezahlen müssen, gab Müller zu Protokoll, dass man damit im Grunde die Sorge der Kasse vor Mehrausgaben einfangen wolle. „Es gibt das Wiederholungsrezept“, insistierte Richard auch umgehend und wies darauf hin, dass man den Auftrag aus dem letztem Gesetz, eine Vergütung dafür zu verhandeln, gerade umsetze. Erst wenn es eine echte Primärversorgung gebe, sei die Zeit sicherzustellen, dass auch die Rezeptversorgung funktioniere.

Bekenntnis zur Apotheke

Wie sehen die Kassen überhaupt die Apotheken? „Wir möchten gerne eine funktionierende Struktur für die Arzneimittelabgabe in der Fläche“, so Richard. Die wolle man auch absichern, aber man müsse genauso weit denken wie bei den Ärzten – Stichwort Telemedizin und Telepharmazie. „Natürlich wünschen auch wir uns weiter die persönliche Anlaufstelle in einer Form, die tatsächlich auf Dauer einen direkten Kontakt möglich macht. Aber wir brauchen einen Mix. Deshalb sind wir für Flexibilisierung: Was Sie als ‚Light‘ empfinden, sehen wir als Weiterentwicklung“, so Richard an Preis.

Der Abda-Präsident warnte davor, dass ohne Erhöhung des Honorars weiter jedes Jahr 400 Apotheken schließen würden, das seien 2000 Apotheken weniger bis 2030. „Es wird immer dünner, zum Nachteil der Bürgerinnen und Bürger.“ Die Menschen hätten zunehmend den Eindruck, dass Deutschland nicht mehr sei was es einmal war. „Wir brauchen eine Reform, die die Apotheken stärkt – also im Grunde nur eine Besinnung auf den Koalitionsvertrag.“

Die Geduld der Apothekerinnen und Apotheker sei im Grunde längst aufgebraucht, daher werde man am 25. Februar über neue Proteste diskutieren. Diese seien aber nicht gegen Warken gerichtet, sondern unterstützten deren Zusage. „Wir vertrauen auf das Wort der Ministerin und unterstützen, was sie sagt – nämlich dass die 9,50 Euro kommen.“ Das stehe nicht nur im Koalitionsvertrag, sondern sei auch ein persönliches Versprechen der Ministerin, wie Müller noch einmal bestätigt habe. „Wir gehen fest davon aus, dass es keinen politischen Wortbruch geben wird.“

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