Depression

Pascoe: Psychokompetenz für Pharmazeuten

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Berlin -

Rabattverträge, Reimportquote, Hilfsmittelsvereinbarungen – für eine ausführliche Beratung fehlt im Apothekenalltag häufig die Zeit. Dabei ist diese wichtig: Für Patienten, die noch nicht in Behandlung sind und Zweifel haben, ist die Apotheke oft die erste Anlaufstelle. Gerade depressive Patienten sind für Apotheker eine Herausforderung – nicht nur zeitlich: Im Umgang mit Betroffenen sind viele Pharmazeuten unsicher und überfordert. Das hat das Rheingold-Institut in einer tiefenpsychologischen Studie im Auftrag von Pascoe herausgefunden.

Erst nach drei bis sieben Jahren gingen Betroffene zum Apotheker oder zum Arzt – nicht, um ihre Erkrankung behandeln zu lassen, sondern um ihre Symptome zu lindern. In der Apotheke könnten sie anonym beraten werden und hätten keine Angst, Psychopharmaka verschrieben zu bekommen oder stationär behandelt werden zu müssen. Stattdessen könnten sie mit pflanzlichen Arzneimitteln erste Anzeichen wie Unruhezustände und Schlafstörungen lindern, so die Studie.

Dabei seien depressive Menschen keine leichten Patienten. Sie hätten hohe Ansprüche, sagt Birgit Langebartels vom Rheingold-Institut. Viele seien empfindlich, leicht zu kränken und hielten unbewusst an der depressiven Erkrankung fest. Für Ärzte und Apotheker sei das ein Balanceakt: Zuhörer und Vertrauensperson zu sein, aber dem Patienten nicht zu nahe zu treten, laute die Devise.

Apotheker erlebten den Umgang mit depressiven Kunden häufig als schwierig und stünden der unberechenbaren Depression ratlos gegenüber. So müssten sie die Beschwerden der Kunden richtig dekodieren und interpretieren. „Betroffene trauen sich häufig nicht über ihre Depression zu sprechen, daher berichten sie über innere Unruhe oder körperliche Symptome“, sagt Langebartels. Die Kunden kämen mit Beschwerden wie Gereiztheit, Schlaflosigkeit und Gedankenkreisen.

Laut der Untersuchung greifen Apotheker gern Begriffe auf, die die Patienten selbst nutzen. „Das ist gut. Man muss aber im Hinterkopf haben, dass die Symptome Zeichen für eine Depression sein könnten“, so Langebartels. Gleich auf eine Depression hinzuweisen, verschrecke den Patienten aber. Dafür müsse zuvor eine Bindung entstehen.

Schon das Wort „Depression“ auf der Verpackung eines Präparats sei für viele Betroffene problematisch. Denn selbst vor dem Partner werde die Krankheit geheim gehalten. Öffnen sich die Kunden doch, müssten Apotheker Hilfe leisten. Dafür brauche man Zeit, Empathie und Kompetenz. Manche Apotheker sehen laut der Studie darin eine Möglichkeit für eine vertrauensvolle, beratende und behandelnde Position. Andere fühlten sich überfordert.

Die Apotheker berichteten, sie hätten Not, angemessen auf die Kunden einzugehen. Sie erlebten sich als zu wenig gerüstet, etwa bei dem Erkennen einer Depression oder der Wirkung von Medikamenten, vor allem bei pflanzlichen Mitteln.

Apotheker und PTA bräuchten ebenso wie Ärzte psychologische Hintergrundinformationen zur Depression, um das Beschwerdebild und die oft seltsamen Verhaltensweisen der Betroffenen einzuordnen, so die Studie. Dies sollte in Fortbildungen erfolgen, etwa Trainings in Empathie. Zudem bräuchten Apotheker keine Rezepte von der Stange, sondern individuelle Behandlungsansätze. Für eine echte Beratung müsse aber Raum im doppelten Sinne zur Verfügung stehen, so Langebartels.

Den gibt es zwar bei Ärzten, auch diese würden aber im Dunkeln tappen und den Umgang mit den Betroffenen als zutiefst unheimlich wahrnehmen. Gerade Ärzte erlebten Patienten als grenzüberschreitend und fordernd. Die Gespräche dauerten oft zu lang, seien schwierig zu steuern und unberechenbar. So werde der Praxisablauf gestört. Oft würden die Ansprüche der Patienten als Zumutung empfunden. Das kostet dem Arzt Zeit, Nerven und Geld.

Das Rheingold-Institut hatte 40 Patienten sowie 22 Ärzte, zehn Apotheker und acht PTA in zweistündigen Gesprächen tiefenpsychologisch befragt. Pascoe will zu den Themen jetzt spezielle Schulungen anbieten.

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