ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

Lieferengpässe: Weihnachten fällt aus Alexander Müller, 21.12.2019 07:59 Uhr

Berlin - Dem kleinen Tim schwant nichts Gutes. Das könnte ein ganz ganz schreckliches Weihnachtsfest werden. Keine Geschenke! Wie er darauf kommt? Er hat in der Apotheke seiner Mutter seinen eigenen Wunschzettel wiedergefunden – zwischen einem ganzen Haufen an Defektbelegen.

Jetzt fürchtet der kleine Tim, dass der Weihnachtsmann ihm in diesem Jahr überhaupt nichts bringt, weil auch die Spielsachen von Lieferengpässen betroffen sein könnten. Weihnachten ohne Geschenke – das kann und will er sich nicht vorstellen. Aber wenn er die Gespräche seiner Eltern am Abendbrottisch richtig verstanden hat, steht Heiligabend in diesem Jahr unter keinem guten Stern.

Seit Tagen träumt er schlecht, verarbeitet all die beunruhigenden Informationen, die er im Laufe des Jahres aufgenommen hat. Ihm träumt, der Weihnachtsmann sitze über einem Berg von Wunschzetteln, ratlos wühlend. Kein einziger ist unterschrieben, die DSGVO verbietet Klarnamen auf den Listen. Die Weihnachtswichtel benötigen ewig, um aus dem Bestellverhalten früherer Jahre und Schriftbildanalysen die Wunschzettel zuzuordnen, was nicht immer gelingt.

Doch damit geht der Ärger erst los: Kaum ist der Wunschzettel der 6-jährigen Marie richtig zugeordnet, runzelt der Weihnachtself in der Spielzeugfabrik besorgt die Stirn. So geht das natürlich nicht – lauter Original-Präparate hat sich die Kleine selbstverordnet. Mit kritischem Blick prüft der Elf den Geschenkerahmenvertrag mit den neuen Austauschpflichten und murmelt vor sich hin: „Lego und Playmobil dürfen seit diesem Jahr substituiert werden, wenn das Kind zwischen fünf und acht Jahren alt ist. Oha, tut mir leid Marie.“

Die ständigen telefonischen Nachfragen beim Obersten Geschenke-Engel – von allen liebevoll Weißkittel genannt – stressen die Elfen zusätzlich: Denn in der Spielzeugfabrik herrscht Personalmangel wie in der Apotheke von Tims Mutter. Mit Unterstützung ist kurzfristig nicht zu rechnen, denn ein Teil des Teams muss alle Kartons und das Geschenkpapier mit 2D-Code-Aufklebern versehen: SecurPresent verlangt eine eindeutige Zuordnung jedes einzelnen Geschenks. Doch dann kommt der Notruf aus der Produktion: Engpass! Es sind fast keine Geschenke mehr da! Und auch die Rohstoffe werden knapp, weil mehrere Chargen total mit Schokolade verunreinigt wurden. Traurig schleppt sich der Elf zu seinem Boss, um ihm zu sagen, dass Weihnachten dieses Jahr wohl ausfallen muss.

Während der kleine Tim schweißgebadet aufwacht und hoffen darf, dass das alles nur ein böser Traum war, hatte diese Woche für die Branche auch in Wirklichkeit böse Überraschungen parat. Allen voran natürlich die bundesweiten Durchsuchungen rund um Zytoservice. Seit zwei Jahren wurde ermittelt in einem mutmaßlich gigantischen Betrugsskandal. Aufgeflogen ist das Ganze wohl durch anonyme Hinweisgeber.

Über 420 Polizisten und sechs Staatsanwälte waren im Einsatz, rund 1000 Umzugskartons voller Akten und 100 Datenträger haben die Spezialkräfte der Beweisnahme- und Festnahmeeinheit (BFE) sichergestellt. Tiere kamen bei dem Einsatz nicht zu schaden. Wenn Sie sich das Ganze nochmal ansehen wollen, hier gibt es anschauliches Videomaterial.

Einzeltäter war ein Apotheker aus Bayern. Spektakulär war der Entzug seiner Betriebserlaubnis trotzdem. Denn als im Juli Beamte der Kriminalpolizei mit Unterstützung einer Ermittlergruppe und Pharmazeuten des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) den Bauernschrank zur Seite schoben und den Weg in den Geheimkeller des Pharmazeuten freilegten, bot sich ihnen ein Bild wie aus einem Horrorfilm. Eine Panscherwerkstatt, Munition und ein Fußboden auf dem die Schuhe festkleben. Man darf sagen, die Aufsicht war hier nicht übermäßig streng.

Streng zur Unzeit ist dagegen die KKH. Die hat kurz vor Weihnachten Apotheker und Ärzte angeschrieben und zu einem achtsamen Umgang mit Aut-idem-Kreuz und Sonder-PZN ermahnt. Pharmazeutische Bedenken dürfen Apotheker demnach nur nach zusätzlicher Extra-Beratung haben oder wenigstens nur dann geltend machen. War aber nicht so böse gemeint, wie es rüberkam. Trotzdem kein Wunder, dass mancher Apotheker kurz vor der Rente den Wechsel in den Ruhestand angesichts solcher Verhältnisse herbeisehnt. Oder wie es mein Kollege ausdrückt: Ein „Buden-Apotheker“ zieht Bilanz.

Ein anderer Kollege hat eine lesenswerte Analyse über den Alliance/Gehe-Deal verfasst. „Abschied von der blauen Wanne“. Und eine gute Übersicht, wer alles am E-Rezept arbeitet, lesen Sie hier. Entwarnungs-Spoiler: 52 Modellprojekte sind es nicht, bei der Zahl handelte es sich offenbar um eine grobe Schätzung. Bei den Konnektoren gibt es einen Wettlauf gegen die Zeit. Nicht nur bei der Ausstattung der Apotheken, sondern auch bei der Haltbarkeit der Verschlüsselungstechnik.

Und noch einmal die Krankenkassen: Die AOK straft einen Apotheker wegen einer Zuzahlungsbefreiung ab – wird damit aber wohl nicht durchkommen. Und wegen einer Apotheken-Polemik ebenfalls aus dem Hause der AOK hat sich die Kasse in der aktuellen Ausgabe der Apothekenzeitschrift MyLife einen ziemlich bösen Verriss des Ex-Noweda-Vorstands Wolfgang Kuck eingehandelt. Apothekerin Daniela Hänel findet sowieso schon lange, dass sie und ihre Kollegen zu Handlangern der Krankenkassen degradiert werden.

Zum Handlanger der Versandapotheke DocMorris droht Kry zu werden. Jedenfalls war der Versuch, ein Arzneimittel über die App der Onlineärzte zu bestellen und das Rezept in einer Apotheke vor Ort einzulösen, ein überaus arbeitsintensiver. Vielleicht spielt sich das System noch ein, doch das Vermitteln an den Kooperationspartner in den Niederlanden dürfte auch künftig deutlich einfacher sein, als ein E-Rezept in die Apotheke zu faxen. Das ganze Kry-Experiment zum Nachlesen und ein Gespräch mit Deutschlandchefin Dr. Cristina Koehn lesen Sie hier.

Gute Nachrichten zum Schluss – zumindest für die Angestellten: Ab Januar gibt es mehr Geld. Gute Nachrichten für Inhaber: nur 1,5 Prozent. Worüber sich PTA, PKA und angestellte Approbierte vermutlich mehr freuen: den zusätzlichen Urlaubstag. Doch Vorsicht: Das bedeutet in Zeiten akuten Personalmangels auch, dass die Kollegen einen Tag mehr im Betrieb fehlen.

Ich wünsche Ihnen allen ein schönes Wochenende, ein friedliches Weihnachtsfest und empfehle Ihnen, wenn Sie mögen, am kommenden Wochenende noch den ApoRetrO-Jahresrückblick am nächsten Wochenende. Im Podcast WIRKSTOFF.A gibt es den Rückblick schon jetzt. Und allen, die an den Feiertagen Dienst schieben: Vielen Dank!