ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

Die mächtige Apothekerlobby Alexander Müller, 24.11.2018 08:14 Uhr

Berlin - Für Jens Spahn sieht es im Rennen um den CDU-Parteivorsitz nicht besonders gut aus, wenn man den Umfragen glaubt. Aber Spahn weiß, dass es darauf nicht ankommt; die Entscheidung fällt auf dem Parteitag. Er kämpft bis zuletzt für seine Chance. Einer wie Friedrich Merz weiß das. Und er reagiert: Die Apotheker als Multiplikatoren will er Spahn nicht allein überlassen.

Natürlich konnte Merz nicht entgehen, dass Spahn demnächst einen Termin bei der ABDA hat. Außerhalb des Parlamentarischen Zirkels gibt es noch immer die Redewendung von der mächtigen Apothekerlobby. Da Merz ein Faible für mächtige Lobbyorganisationen hat, gibt es insoweit keine Berührungsängste. Und bevor Kollege Spahn den Apothekern das Blaue vom Himmel verspricht und womöglich eine Stimmung erzeugt, die später Wellen schlägt, will Merz lieber vorsorgen. Einen Gegner unterschätzen wird er nicht noch einmal.

Bei der ABDA ließ man sich die Überraschung über die Anfrage nicht anmerken und lud den Kandidaten wie selbstverständlich auch zur Mitgliederversammlung ein. Annegret Kramp-Karrenbauer, formwahrend nun ebenfalls eingeladen, lehnte höflich ab. Sie habe einen sehr guten Draht zu ihrer Stammapotheke im Saarland, mit dem Inhaber könne sie über alles sprechen.

Merz dagegen will dem Kontrahenten keinen Stich lassen und auch bei den Apothekern für sich werben. Die sind nämlich rot, gelb und grün traumatisiert und wählen tatsächlich noch ganz überwiegend CDU. Hier kann er punkten: Er wird im weißen Kittel kommen, seine mächtigen Freunde haben ihm eine ganze Ladung Impfstoffe besorgt, die will er gleich mit zur MV bringen und verteilen. Die Machbarkeit des RxVV skizziert er auf einem Bierdeckel und den neuen Rahmenvertrag hat er den Kassen schon abgekauft.

Etwas zu spät bemerkt Team Merz, dass die ABDA-MV am 11. Dezember stattfindet, mithin erst vier Tage nach dem Showdown auf dem CDU-Parteitag. Egal, einen Rückzieher machen kann er nicht. Stellen Sie sich das mal vor: Sollte Friedrich Merz tatsächlich zum neuen CDU-Vorsitzenden (das Wort Merkel-Nachfolger hört er nicht so gern) gewählt werden und als quasi erste Amtshandlung bei der ABDA vorsprechen – der Nimbus der Apothekerlobby wäre glanzvoller denn je.

Was dagegen Spahns Auftritt – der im Gegensatz zu Merz‘ ja tatsächlich ansteht – mit den Apothekern machen wird, steht noch in den Sternen. Hat ABDA-Präsident Friedemann Schmidt den Gesundheitsminister beim letzten Gespräch gebeten, das endgültige Aus des Rx-Versandverbots bitteschön selbst zu verkünden? Seine Präsenz bei der Mitgliederversammlung wird auf jeden Fall hilfreich dabei, Plan B als alternativlos zu verkaufen. Denn als Minister hat Spahn immer das K.O.-Argument: Gesetze beschließt der Deutsche Bundestag, nicht ich und ganz bestimmt nicht die betroffene Lobbygruppe (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Die Lesart, da bringe jemand seinen großen Bruder mit auf den Schulhof, wird man sich bei der ABDA natürlich nicht gefallen lassen. Und ist es nicht wirklich dankenswert, dass sich der Minister Zeit nimmt, um mit den Betroffenen ganz am Anfang mögliche Folgen eines Gesetzgebungsverfahrens zu erörtern? Verlauf und Ergebnis der MV werden zeigen, welche Version der Realität näher kommt.

Sehr schief wäre in der Tat das Bild, Spahn würde sich „in die Höhle des Löwen“ wagen. Aber als Überleitung gut: Die coole Löwen-Frisur hat er schon, der Rest findet sich: Nils Glagau, Chef von Orthomol, geht wirklich in die „Höhle der Löwen“. In der TV-Show wird der Neue im Rudel als Investor Produktideen bewerten und Start-ups groß machen – oder zerfleischen. Wie Löwen eben so sind. Glagau kommt selbst aus einer Gründerfamilie: „Orthomol ist in den letzten 27 Jahren buchstäblich aus der Garage hinaus zu einer der führenden Marken in der Apotheke geworden.“ Vielleicht denken Sie sich am Wochenende auch ein Start-up aus. Eine ideale Wachhalte-Idee für den Nachtdienst. Devise: Heute Nachtdienst mit Käsebrot – morgen Millionär und Lobster. Nie wieder besorgte Kunden, die im Mondschein ihr Valsartan zurückbringen.

Denn der Spuk ist leider noch immer nicht vorbei. Zuerst hat Hersteller Mylan in den USA seine Produkte zurückrufen müssen. Am Freitag kam die Rückrufwelle in Deutschland an. Hier finden Sie die Liste und eine Kundeninfo zum Download. Hier berichtet eine Rentnerin, die an dem Valsartan-Skandal in der Praxis allmählich verzweifelt.

Der Arzneimittelmarkt ist damit schon wieder in aller Munde. Minister Spahn hat jetzt in Sachen Impfstoff einen Versorgungsmangel ausgerufen. Wenn sich der Pulverdampf gegenseitiger Schuldzuweisungen verzogen hat, gehen alle Beteiligten hoffentlich an die Planung für die nächste Grippesaison (ob wohl eine kommt?!?). Bei den Kassen gibt es übrigens die Haltung, die Ärzte hätten falsch bestellt.

Bei der Pflegepauschale hat die AOK dagegen die Apotheker im Verdacht, nicht akkurat abzurechnen, zu schummeln gar. Es im großen Stil nicht ganz so genau genommen hat eine Lehrerin, die ihre Versicherung über Jahre um mehr als 900.000 Euro geprellt hat. Ist aber dann irgendwann doch aufgefallen.

Zum Glück brauchen die meisten Kunden einfach nur Hilfe. Apothekerin Tatjana Zambo, glühende Apothekerin und Vizepräsidentin des Landesapothekerverbandes Baden-Württemberg, räumt im Fernsehen charmant mit einem Mythos auf: Es gibt keine Männergrippe. Sie geht davon aus, das Phänomen sei „einfach aus der Wahrnehmung entstanden, dass Männer mit einer Grippe anders umgehen, sie anders verarbeiten und sich anders äußern“.

In Bitburg soll eine Apotheke weichen, wehrt sich aber beharrlich. Eigentlich wollten die Investoren eines neuen Centers auch das Haus von Apotheker Robert Queckenberg kaufen und abreißen. Doch dieser weigert sich standhaft, die Apotheke, die er seit 50 Jahren führt, aufzugeben. Andere Situation in Potsdam: Für die Räume im Erdgeschoss des schicken Palais Ritz wird ein Apotheker gesucht. Auf Wunsch gibt es einen Drive-In-Schalter für Kunden, die in Eile sind. Bin ich jetzt auch, muss zur Noweda. Schönes Wochenende!