Wegen eines medizinischen Problems holte die US-Raumfahrtbehörde Nasa diese Woche eine Besatzung vorzeitig von der ISS zurück. Wer betroffen ist und welches Problem vorliegt, wurde nicht bekannt. Offensichtlich genügte aber nicht die Hilfe von Astronautenkolleginnen und -kollegen. Dabei sind die Astronaut:innen für viele Fälle vorbereitet: Sie können Blut abnehmen und Wunden nähen. Auch die Bordapotheke ist umfangreich.
Weil sie im Notfall selbst handeln müssen, bekommen Raumfahrerinnen und Raumfahrer immer auch eine medizinische Ausbildung. „Ärzte können Raumfahrer zwar telemedizinisch betreuen, aber letztlich müssen die da oben auch alleine klarkommen“, sagte Professor Dr. Bimba Hoyer, Fliegerärztin der europäischen Raumfahrtbehörde Esa. Das medizinische Training vor einer Mission finde unter anderem im Krankenhaus statt.
Astronaut:innen lernen nach Angaben der Esa unter anderem, Blut abzunehmen, eine Wunde zu nähen, einen Zahn zu ziehen und eine provisorische Füllung einzusetzen. Auch Wiederbelebungsmaßnahmen sowie Ultraschall- und Augenuntersuchungen beherrschen sie. An Bord der ISS helfe eine spezielle medizinische Checkliste mit klaren Anweisungen bei der Diagnose und Behandlung kranker oder verletzter Besatzungsmitglieder, sagte Hoyer. Zudem gebe es eine umfangreiche Bordapotheke.
„Der Besatzung stehen mehrere Medikamententaschen mit Aspirin oder anderen milden Arzneimitteln und ein Notfallkoffer zur Verfügung, der Schmerzmittel, Anästhetika, Medikamente für die Zahnbehandlung, Verbandsmaterial, Stethoskop, Defibrillator und andere komplexere Instrumente und Arzneimittel zur Lebenserhaltung enthält“, heißt es bei der Esa. Zudem spreche ein Fliegerarzt in einer Art privaten Sprechstunde regelmäßig mit jedem Esa-Astronauten, um potenzielle Gesundheitsprobleme zu erörtern.
Die Nasa hatte kürzlich bekanntgegeben, dass sie die vier Mitglieder der Crew-11 – bestehend aus US-Astronaut Michael Fincke, seiner Kollegin Zena Cardman sowie dem japanischen Raumfahrer Kimiya Yui und dem russischen Kosmonauten Oleg Platonow – wegen eines medizinischen Problems vorzeitig zur Erde zurückholt. Es ist das erste Mal in der Geschichte der ISS, dass dies nötig wurde.
Medikamente gegen Übelkeit, Schmerzen und Schlafstörungen werden im Weltall besonders gebraucht. „Die typischen Beschwerden werden durch die Schwerelosigkeit verursacht“, erklärte Dr. Claudia Stern vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) vor einigen Jahren im APOTHEKE ADHOC-Interview.
Viele Astronaut:innen leiden laut Stern bei ihrem ersten Flug an der Raumkrankheit, dem Space Adaption Syndrome. Ähnlich wie die Seekrankheit wird es durch eine Störung des Gleichgewichtsorgans verursacht und ist mit Übelkeit und Erbrechen verbunden.
Relativ häufig sind der Medizinerin zufolge auch Schmerzen, etwa für die Wirbelsäule, die sich ohne Schwerkraft streckt, oder für die Gelenke – immerhin machen die Astronauten zwei Stunden am Tag Sport. Am Anfang sind auch Kopfschmerzen üblich, da den Astronauten Flüssigkeit in den Kopf steigt. „Wir sprechen dann von einem ‚Puffy Face‘“, so Stern.
Es ist sehr teuer, etwas auf die ISS zu bringen. Deshalb sind die Vorräte groß: Die Arzneimittel auf der Raumstation reichen für mindestens ein halbes Jahr. Und lange bevor sich der Vorrat zum Ende neigt, wird er wieder aufgefüllt – sodass es selbst dann genügend Medikamente gibt, wenn mal ein Transport schief geht.
Was die eingesetzten Medikamente betrifft, lassen sich die Raumfahrtbehörden auf keine Diskussion ein: Die Liste der Arzneimittel auf der ISS wird nicht veröffentlicht. „Auch Antibiotika sind an Bord, denn das Immunsystem ist reduziert und theoretisch gibt es schon die Möglichkeit einer bakteriellen Infektion, etwa bei einem Harnverhalt“, erklärt Stern. „Das kann man nie ausschließen.“
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