Flüchtlingsversorgung

NDR: Security gibt Arzneimittel ab

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Berlin -

Wachmann statt Apotheker: In den Erstaufnahmelagern Neumünster und Boostedt in Schleswig-Holstein musste die Security die medizinische Versorgung von Flüchtlingen übernehmen. Die Wachleute fühlten sich davon überfordert und wandten sich an Redakteure des NDR-Magazins „Panorama“. Das berichtete nun darüber, dass die falsche Abgabe von Arzneimitteln schon zu einem Rettungseinsatz geführt hat.

Eigentlich ist das Deutsche Rote Kreuz (DRK) für die medizinische Versorgung der Flüchtlinge verantwortlich. In Boostedt leben laut Panorama mehr als 600 Menschen. Eine Arzthelferin und eine Krankenschwester kümmern sich hier werktags zwischen 8 und 16 Uhr um die gesundheitliche Betreuung der Bewohner.

Die Leiterin der Erstaufnahmestelle in Boostedt, Maria von Glischinski vom DRK, verweist für die anderen Zeiten auf die Security. Diese habe den Auftrag, bei gesundheitlichen Problemen einen Retttungswagen oder – in weniger schweren Fällen – ein Taxi zu rufen. Bei geringeren Problemen sollen die Flüchtlinge selbst mit dem Bus fahren.

Diese Entscheidung zu treffen fällt den Wachleuten allerdings nicht leicht: „Wenn man dann nicht helfen kann oder selber in Stress gerät, dann belastet einen das sehr“, so ein Mitarbeiter der Security. Ein anderer kritisierte gegenüber Panorama, dass die Verantwortung abgeschoben werde. „Wir sollen entscheiden. Und wenn die Entscheidung falsch ist, dann bekommen wir den Schwarzen Peter.“

Die Security-Mitarbeiter fühlen sich überlastet: „Man ist unsicher, und man hat natürlich Angst, etwas verkehrt zu machen.“ Man müsse entscheiden, ob ein Rettungswagen gerufen werden müsse oder ein Taxi ausreiche. „Das hat schon viel Druck ausgeübt. Vor allen Dingen, weil wir die Anweisung hatten, nach Möglichkeit wenig Rettungswagen zu rufen, da das mit Kosten verbunden ist.“

Damit aber nicht genug: Die Wachleute mussten die Arzneimittel, die von einer Apotheke angeliefert wurden, auch verteilen. Ein Mitarbeiter berichtet in der Sendung, dass er in einer Nachtschicht einen Bewohner hatte, der an einem Parasiten erkrankt war. Er habe den Beipackzettel übersetzen und erklären müssen, wie das Medikament angewendet werden muss. „Er sprach nicht sehr gut Englisch, das heißt, ich musste das quasi vorführen.“ Für ihn ein Zustand, der nicht tragbar ist.

Ein inzwischen gekündigter Wachmann berichtet, dass in der Erstaufnahmestelle auch ein Herzpatiente lebte, der auf Tabletten angewiesen war. Die Apotheke habe das Medikament abends um 22 Uhr noch geliefert, er sollte es dem Patienten übergeben. „Nur, die Ausweise waren alle verwaschen und ich wusste nicht, wer wer ist“, berichtet er. Als sich ein Bewohner meldete, gab er ihm die Tabletten – doch es war der falsche Patient. „Eine halbe Stunde später ist er kollabiert. Und dann musste ich einen Krankenwagen rufen.“ Für ihn war in diesem Moment klar, dass er keine Tabletten mehr abgibt.

Von Glischinski ist dennoch überzeugt, dass die medizinische Versorgung von Flüchtlingen nachts und am Wochenende nicht die Kompetenz der Security-Mitarbeiter übersteigt. Auf dem Gelände würden alle Mitarbeiter – das Landesamt, die medizinische Servicestelle, die Security und DRK – eng zusammenarbeiten und im direkten Austausch stehen.

Andrea Dallek vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein kritisierte in der NDR-Sendung, dass die Wachleute für die medizinische Versorgung nicht zuständig seien. „Da haben wir eine klare Überforderung der Wachleute.“ Diese seien angestellt, um zu prüfen, dass nur Menschen in das Haus kämen, die einen Termin oder einen Hausausweis haben. „Da noch eine medizinische Versorgung draufzupacken, ist eine völlige Überlastung der Wachleute.“

Auch bei dem verantwortlichen Sicherheitsunternehmen Secura Protect betont man: „Medizinische Betreuung sowie Medikamentenausgabe werden einzig und allein vom DRK und dem medizinischen Dienst sichergestellt.“ Das Unternehmen räumt aber ein: „Wir können nicht ausschließen, dass Mitarbeiter ihre Kompetenzen überschritten haben.“

Manuela Söller-Winkler (SPD), Staatssekretärin im zuständigen schleswig-holsteinischen Innenministerium, sieht das ähnlich: „Selbstverständlich sollen die Sicherheitskräfte nur das tun, wofür sie qualifiziert sind. Und sie sind nicht qualifiziert, zwischen verschreibungspflichtigen und nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten zu unterscheiden und solche ärztlich verschriebenen Medikamente auszugeben.“ Das könne nicht das normale Verfahren sein.

Die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma könnten aber grundsätzlich beurteilen, ob jemand einen Schnupfen habe und Tropfen brauche oder die Sorge bestehe, dass jemand ernsthaft krank sei, so Söller-Winkler. „Im Zweifel wird einmal ein Rettungswagen zuviel geordert als einer zu wenig.“

Kritisch bewertete die NDR-Sendung darüber hinaus, dass die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes lediglich den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro erhalten – obwohl der schleswig-holsteinische Landesmindestlohn von 9,18 Euro pro Stunde vorgeschrieben sei. Dieser Mindestlohn gilt für öffentliche Auftragnehmer im Land.

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