Kunstprojekte

Oper aus der Offizin

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Berlin -

Baustellen vor der Tür sind schlechts fürs Geschäft. In München Pasing wird seit Jahren gebaut, Kunstprojekte wie „Pasing by ..“ sollen den Kundenstrom wieder aktivieren und zugleich Künstler und Einzelhändler zusammen bringen. So kommt es demnächst zur vermutlich ersten Oper in einer Apotheke: Uraufführung ist am 3. Juli in der Bahnhof-Apotheke Pasing.

Mit dem Beginn der Bauarbeiten verbindet Apothekerin Stefanie Igl-Obermüller eher dunkle Gedanken: Laut dem Baureferat München war das Zentrum Pasings seit Jahrzehnten durch starkes Verkehrsaufkommen belastet, dadurch habe die Attraktivität des Stadtteils eingebüßt, auch der Einzelhandel habe gelitten. Um Aufenthaltsqualität und Kaufkraftbindung zu erhöhen, beschloss die Stadt, den Durchgangsverkehr umzuleiten und Straßen wie Plätze neu zu gestalten.

„Seit fünf Jahren gibt es nun verkehrstechnische Umstrukturierungen“, sagt Igl-Obermüller. Im Sommer soll der Umbau zwar abgeschlossen sein, doch viele alteingesessenen Geschäfte seien bereits ins Abseits gerutscht und teilweise in ihrer Existenz bedroht. Viele Geschäfte seien abgewandert. Stattdessen spüle das neue Verkehrskonzept einem neuen Einkaufszentrum die Kunden vor die Füße. Die Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung veranstaltete laut Igl-Obermüller Baustellenfeste und Flohmärkte, um Kunden an das Zentrum zu binden.

Außerdem beschloss der Stadtrat 2010 ein mehrteiliges Kunstkonzept für das neue Zentrum: In diesem Rahmen wurden 2012 ein künstlerisch gestalteter Fuß- und Radwegtunnel am Pasinger Bahnhofsplatz und 2013 ein begehbarer Wasserpavillon eröffnet. Der letzte verbleibende Baustein des Kunstkonzeptes ist „Pasing by“.

17 Künstler wurden dafür beauftragt, eine Fläche oder einen Raum im Pasinger Zentrum auszusuchen und dafür ein maßgeschneidertes Kunstwerk zu entwickeln. Dabei konnten sie auch mit ansässigen Geschäften und Immobilieneigentümern kooperieren. Vom 3. bis 12. Juli werden die Kunstwerke im Rahmen des Kunstfestivals präsentiert.

Mathis Nitschke ist einer von ihnen: Der 1973 geborene Komponist, Klangregisseur und Sound Designer entwickelte die Kurzoper „Viola“, die maßgeschneidert auf Ladengeschäfte ist. Die Oper für Alt, Bratsche und Elektronik Libretto thematisiert, wie in der Gesellschaft mit Andersartigkeit und emotionalen Ausnahmezuständen umgegangen wird.

Sie soll Fragen aufwerfen, wie: Warum fühlt man sich unsicher in der Begegnung mit Menschen, die sich unangemessen verhalten? Oder: Wer entscheidet, was therapiert werden muss? „Historisch verklärte Genies wie der Komponist Wolfgang Amadeus Mozart würden heutzutage höchstwahrscheinlich als psychisch krank eingestuft und therapiert werden“, so der Künstler. „Was bedeutet es für unsere Gesellschaft in einer Zeit, in der doch eigentlich Kreativität zur Erfolgsbedingung beschworen wird, wenn alles Unnormale und Andersartige zur Krankheit erklärt wird?“

Nitschke fragte Igl-Obermüller, ob er die Offizin in die Aufführung einbeziehen dürfe – und traf auf offene Ohren: „Es macht mir irre Spaß, dass ich mitgenommen werde“, sagt die Apothekerin. Man müsse solchen Projekten eine Chance geben. „Wenn es keine Offenheit mehr für Kultur und keinen Spielraum für die Künstler mehr gibt, fehlt der Gesellschaft etwas.“ Bei ihr habe Nitschke mit dem Thema einen Nerv getroffen.

Das Libretto habe sie gelesen und sogar an der Inhaltsangabe mitgewirkt. „Ich möchte auch einmal über den Tellerrand der Pharmazie hinaus schauen, und das Thema ist sehr spannend.“ Zudem gehe es um das Thema Psychopharmaka: „Das passt besonders in eine Apotheke.“

Das Publikum soll in der Apotheke sitzen und durch die Schaufenster auf die Bühne schauen: den Pasinger Bahnhofplatz. Dort wird Viola (Martina Koppelstetter) auftauchen, eine offenbar traurige und desorientierte Frau, anscheinend unter Schock.

Spezielle Schallwandler werden ihre Stimme auf die Glasscheiben der Schaufenster übertragen, die zu einer „klingenden und vibrierenden Membran zwischen dem Innen und Aussen“ werden. Viola werde meist monologisieren, sich aber auch an Passanten und auch direkt an das Publikum wenden – auf sicherer Distanz im geschützten Innen der Apotheke.

Igl-Obermüller stellt die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung. Insgesamt sieben Aufführungen an drei Abenden sind vom 3. bis 5. Juli geplant. Dazu müsse Offizin und Schaufenster freigeräumt werden. „Der Aufwand hält sich für mich in Grenzen“, so die Apothekerin.

Ob das Event Kunden bringe, sei dahingestellt, sagt sie. Sie nimmt aus der Kooperation mehr mit: Die Opernsängerin werde der Tochter vermutlich Gesangsunterricht geben. Mit Nitschke sei sie mittlerweile „richtig befreundet“. Der Komponist wolle das Werk gern auch in anderen Apotheken aufführen, jedoch sei unklar, wer die Finanzierung übernehme.

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