Mai-Randale

Apotheker in Kreuzberg: Bier statt Barrikaden

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Berlin -

Die revolutionäre, linksgerichtete Demonstration am Tag der Arbeit hat im Berliner Stadtteil Kreuzberg Tradition. Und schien zumindest früher den meisten unauflöslich mit Steinewerfern, Randalierern und Verletzten verbunden. Kreuzberger Apotheker berichten von ihren Erfahrungen mit den Demonstranten – und zeichnen ein anderes Bild.

Die Springer's Apotheke in der Manteuffelstraße hat in diesem Jahr zum ersten Mal an einem 1. Mai Notdienst. Die Apotheke ist durch Rollläden geschützt; weitere Vorkehrungen Apothekerin Zahra Mehdizadeh nicht getroffen. Auch das Sortiments ist dasselbe wie sonst. Mehdizadeh vermutet, dass zwar „etwas mehr los sein wird, die Apotheke aber verschont bleibt“.

Die Erfahrungswerte anderer Apotheker sprechen dafür, dass sie mit ihrer Einschätzung richtig liegt: Bei der easyApotheke am Kottbusser Damm – ein beliebter Streckenabschnitt der Demonstranten – ist in den vergangenen sechs Jahren nie etwas zu Bruch gegangen. Inhaber Dr. Wolfgang Rieck zeigt sich gelassen: Auf den 1. Mai werde er seine Apotheke nicht weiter vorbereiten – nur für sich ein Bier kaltstellen.

Die Kreuzberger Apotheker beschreiben, dass die Gewalttätigkeit der Demonstranten seit Ende der 80er und der 90er Jahre abgenommen habe. Es sei inzwischen deutlich ruhiger geworden. „Wir sind hier im Kiez verwurzelt, die Demonstranten kommen ja selbst zu uns in die Apotheke“, so Jochen Jirikovsky-Waldschmidt. Früher habe er seine Apotheke verschalen lassen; mittlerweile könne er darauf verzichten, sagt der Inhaber der Cottbusserdamm Apotheke.

Auch die Mozart Apotheke, die in unmittelbarer Nähe zum Startpunkt der Mai-Demonstrationen liegt, hat in den vergangenen 18 Jahren noch keinerlei schlechte Erfahrungen mit Randalierern oder Plünderern gemacht. Die Polizei stehe immer genau vor seiner Tür, wenn die Demonstranten vorbeizögen – somit passiere der Apotheke natürlich nichts, berichtet Apotheker Ralf Wittenbröker. Der 1. Mai sei inzwischen zudem deutlich weniger politisch aufgeladen und nicht mehr so sehr auf Gewalt ausgerichtet, was auch mit dem Bürgerfest „Myfest“ zusammenhänge, vermutet er.

Aus der Vital-Apotheke am Kottbusser Tor, einem weiteren klassischen Routenpunkt, wird Ähnliches berichtet. Auch dort sei am 1. Mai nie etwas passiert. Die Gewalt der Demonstranten richte sich nicht gegen Apotheken. Eher seien Symbole des Kapitalismus betroffen: So sei die Sparkasse nebenan schon hin und wieder Ziel von Randalierern gewesen. Seitdem das Myfest ausgerichtet werde, sei es noch ruhiger geworden.

Wie die Apotheker rechnet auch die Berliner Polizei mit einem ruhigen 1. Mai in Kreuzberg – ähnlich denen der Vorjahre. Ihre Doppelstrategie aus polizeilicher Begleitung des Demonstrationszugs und dem Myfest am Schauplatz der Zusammenstöße der 80er scheint aufzugehen.

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