Apo.com ist unter den Versendern die Nummer 3 hinter Redcare (Shop Apotheke) und DocMorris. Jahr für Jahr steigert die Gruppe ihren Umsatz, auch die internationale Expansion kommt voran. Doch unter dem Strich stehen nach wie vor zweistellige Millionenverluste. Kein anderer Versender verbrennt bezogen auf den Umsatz so viel Geld. Der Investor muss seit Jahren Kapital nachschießen.
Um 10 Prozent auf 375 Millionen Euro steigerte die Gruppe, zu der Marken wie Apo.com, Apodiscounter, Apolux und weitere Marken gehören, im vergangenen Jahr ihre Umsätze. Das ist zwar weniger als geplant, eigentlich waren 395 Millionen Euro angepeilt gewesen. Aber die Zuwachsrate lag immerhin noch auf dem Niveau von DocMorris; Redcare konnte dagegen um 21 Prozent zulegen. Das Rx-Geschäft entwickelte sich mit einem Plus von 75 Prozent sogar deutlich stärker als bei der Konkurrenz (Shop Apotheke: plus 45 Prozent, DocMorris: plus 33 Prozent) – allerdings auf einem deutlich niedrigeren Niveau: Apo.com selbst veröffentlicht keine absoluten Zahlen, nach Analyse der Unternehmensberatung Sempora kommt die Gruppe auf 35 Millionen Euro und damit 15 Prozent von DocMorris und 7 Prozent von Shop Apotheke.
2024 hatte Apo.com mit Umsätzen von insgesamt 340 Millionen Euro die eigene Prognose noch um 15 Millionen Euro übertroffen. Allerdings war dafür der eigentlich geplante Break even verpasst worden: Nach ursprünglicher Planung hatte das operative Ergebnis (Ebitda) mit 3 Millionen Euro positiv sein sollen, stattdessen war es mit 7 Millionen Euro negativ. Unter dem Strich stand ein Verlust von 36 Millionen Euro, nach 40 Millionen Euro im Jahr 2023 und sogar 61 Millionen Euro im Jahr 2022.
Die Folge: Apo.com schiebt einen gewaltigen Bilanzverlust vor sich her, Ende 2024 waren es 211 Millionen Euro. Abgesehen von einem Kontokorrent in Höhe von 12 Millionen Euro existieren keine Bankverbindlichkeiten; der Gesellschafter schießt regelmäßig Kapital nach: Alleine im vergangenen Jahr wurden der Kapitalrücklage noch einmal 14 Millionen Euro zugeführt, nach 14,1 Millionen Euro im Jahr zuvor und 11,8 Millionen Euro im Jahr 2023. Insgesamt sind seit 2018 bislang 119 Millionen Euro zusammengekommen. Weitere 194 Millionen Euro existieren als Gesellschafterdarlehen.
Leisten kann sich der Versender dies nur wegen seines finanzstarken Investors. Apo.com gehört zur Investmentgesellschaft THI der Familie um Tobias Hagenmeyer. Die Stuttgarter hatten den Getriebebauer Getrag 2015 für 1,75 Milliarden Euro netto an den Automobilzulieferer Magna verkauft und waren 2018 für 60 Millionen Euro beim Versender eingestiegen. Schon ein Jahr später übernahm THI die Mehrheit, 2023 verabschiedete sich Firmengründer Helmut Fritsch. Seine Familie betreibt heute die Cannabisplattform Grünhorn.
Die Zahlen von Apo.com zeigen: Kein anderer Versender verbrennt – bezogen auf den Umsatz – so viel Geld. Auch Redcare und DocMorris fahren jährlich hohe zweistellige Millionenverluste ein, allerdings bei Umsätzen von zuletzt 2,9 beziehungsweise 1,3 Milliarden Euro.
Allerdings investiert Apo.com auch massiv in Technik – und in die internationale Expansion. Im Sommer wurde ein neuer Standort im tschechischen Brno in Betrieb genommen, weitere Niederlassungen gibt es in Leipzig, Duiven (Niederlande) und Wroclaw (Polen). 21 Millionen Euro wurden 2024 bereits in Österreich erlöst, 10 Millionen Euro in Polen und stabil rund eine Million Euro in der Schweiz.
Und: 16 Millionen Euro entfielen auf den Bereich B2B, womit die Belieferung von Ärzt:innen mit Arzneimitteln gemeint ist. Unter dem Namen „Pro Apo“ bietet die Gruppe Fachärztinnen und Fachärzten für ästhetische Medizin die Lieferung von hochpreisigen Präparaten wie Botox mit Preisersparnis an. Ab einem jährlichen Bestellvolumen von mehr als 10.000 Euro gibt es Sonderkonditionen. Es handelt sich um Originalware aus dem deutschen Markt, entweder direkt vom Hersteller oder über den Großhandel. Der Umweg über die Niederlande dient nur dazu, die Preisvorschriften zu umgehen: „Als EU-Apotheke mit Sitz in den Niederlanden unterliegen wir nicht der deutschen Arzneimittelpreisbindung. Unsere Größe, Lieferantenbeziehungen und moderne Logistik sorgen für Rabatte bis zu 20 Prozent – abhängig von Präparat und Volumen.“
Für das laufende Jahr peilt die Gruppe ein Umsatzwachstum von 15 Prozent an. Mit 430 Millionen Euro läge man dann abermals unter der ursprünglich ausgegebenen Prognose von 478 Millionen Euro, und dass ein positives Ebitda von 12 Millionen Euro erzielt wird, ist ebenfalls ungewiss.
Doch mit dem milliardenschweren Investor im Rücken ist Apo.com ohnehin keinem Verfall des Börsenkurses ausgesetzt wie die Konkurrenz. Im Bereich der rezeptflichtigen Medikamente hat die Aufholjagd gerade erst begonnen. Mit „E-Rezept Express“ hat Apo.com im vergangenen Jahr einen neuartigen Einlöseweg eingeführt, der über die Website funktioniert und keine vorherige App-Installation voraussetzt. Parallel wurden die Kapazitäten für rezeptpflichtige Produkte auf 40.000 Rx-Packungen pro Tag verdoppelt – die erste Ausbaustufe auf dem Weg zu einer Vervierfachung der Gesamtkapazität bis 2029. Die Logistikprozesse sind hochautomatisiert – rund 95 Prozent aller Picks erfolgen maschinell. Bis 2029 soll der Automatisierungsgrad auf 98,5 Prozent steigen.
„Unser Wachstum basiert auf Effizienz, technologischer Stärke und nachhaltiger Investition“, sagt CEO Oliver Scheel. „Als aufstrebende drittgrößte Online-Apothekengruppe in Deutschland investieren wir kontinuierlich in eine automatisierte technologische Infrastruktur, eigene Software und pharmazeutisches Know-how. So stellen wir sicher, dass wir das Rezeptgeschäft schnell und zuverlässig skalieren können.“
„Nur wenige Anbieter sind in der Lage, das E-Rezept-Geschäft technologisch, regulatorisch und operativ in dieser Größenordnung zu betreiben“, ergänzt COO Daniel Mühl. „Wir machen das E-Rezept nicht nur digital zugänglich – wir sorgen dafür, dass es auch bei dynamisch steigender Nachfrage sicher verarbeitet und schnell ausgeliefert wird.“