USA

Freie Apothekenwahl für HIV-Patienten

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Berlin -

Als chronisch kranker Patient hat man in den USA eigentlich kaum eine Chance, seine Medikamente in einer öffentlichen Apotheke zu bekommen. Oftmals gibt es hier feste Regelungen der großen Krankenversicherungen oder ihrer PBM (Pharmacy Benefit Manager), die mit Versandapotheken kooperieren. Jetzt wurde vor Gericht ein Vergleich erzielt, der HIV-Patienten die freie Apothekenwahl ermöglicht.

Viele hochpreisige HIV-Medikamente waren für die Kunden von Cigna, einem der größten Krankenversicherer in den USA, bisher nur exklusiv über die eigene Versandapotheke Cigna Home Delivery Pharmacy zu bekommen. Diese Regelung wird nun infolge einer Verbraucherklage außer Kraft gesetzt. Mit Ausnahme von Fuzeon (Enfuvirtid) können Rezepte für alle Medikamente ab dem 1. Dezember auch in einer öffentlichen Apotheke eingelöst werden, die Vertragspartner von Cigna ist.

Die in Kalifornien ansässige Verbraucherschutzorganisation Consumer Watchdog hatte Cigna im April im Namen eines Mannes aus Fort Lauderdale vor dem Bundesgericht in Florida verklagt. Die Versandregelung diskriminiere HIV-Patienten, hieß es. Für den eigenen Versandhandel könne Cigna so mehr Profit herausschlagen.

Das Versandprogramm hindere den Patienten daran, von einem Apotheker eine umfassende Beratung zur sicheren Medikamenteneinnahme und möglichen Wechselwirkungen zu bekommen, so die Organisation. Von Angesicht zu Angesicht könnten Apotheker besser und intensiver beraten als über eine Service-Hotline. Außerdem sei die Privatsphäre gefährdet, da HIV-Medikamente zumeist in auffälligen Kühlcontainern geliefert würden. In Apartmenthäusern könnten Nachbarn – oder am Arbeitsplatz die Kollegen – durch die Lieferung darauf aufmerksam werden, dass jemand schwerkrank sei.

In manchen Fällen sei das jeweilige Medikament über das Programm sogar teurer als in der Apotheke, argumentierte Consumer Watchdog. Patienten, die mehr bezahlt haben, können eine Erstattung einfordern. Außerdem zahlt Cigna dem nicht namentlich erwähnten Kläger eine Summe von 10.000 US-Dollar für eventuell entstandene Kosten.

„Dieser Vergleich wird zu einem Ende des nervenaufreibenden Prozederes für die HIV- und Aids-Patienten führen, die mit ernstzunehmenden Gefahren für ihre Gesundheit und Privatsphäre konfrontiert sind“, so Jerry Flanagan, Anwalt von Consumer Watchdog.

Cigna wollte den Vergleich nicht kommentieren. Consumer Watchdog hat bereits zwei ähnliche Klagen gegen United Healthcare und Anthem Blue Cross abgewickelt. Dank der erreichten Vergleiche haben HIV-Patienten bei den beiden Versicherungen ebenfalls die Möglichkeit, aus dem Versandprogramm auszusteigen. Weitere Versicherer sollen folgen.

Die Organisation hatte vor, landesweit HIV-infizierte Cigna-Versicherte zu vertreten. Bevor es aber zu einer Sammelklage kommen konnte, stimmte Cigna dem Vergleich zu. Laut Consumer Watchdog verstößt das Vorgehen von Cigna gegen den Affordable Care Act, das durch Präsident Barack Obama unterzeichnete Gesundheitsgesetz. Durch das Gesetz ist die Diskriminierung von Patienten aufgrund ihres medizinischen Zustands verboten.

Die freie Apothekenwahl ist in den USA eine große Ausnahme. Zuletzt gab es beispielsweise für Hawaii eine Lockerung. Beamte, Rentner sowie Beihilfempfänger dürfen sich dort ihre Apotheke inzwischen selbst aussuchen. Zuvor konnten Chroniker ihre Medikamente nur über die Versandapotheke von Caremark (CVS) beziehen.

Für New York wurde in der Vergangenheit ebenfalls ein Gesetz verabschiedet, das Versicherungskonzernen die Zuweisung von Patienten an bestimmte Apotheken verbietet. Auch die indirekte Zuweisungen, etwa durch finanzielle Sanktionen beim Kauf in einer unabhängigen Apotheke, sind mittlerweile verboten.

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