Afghanistan

Terrorismus fördert Opiumanbau

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Kabul -

Eine gute Mohnernte sei es gewesen, heißt es in Afghanistan dieser Tage – das gebe viel Opium. Trotz teurer Kampagnen kommen seit Jahren immer mehr Drogen aus dem Kriegsland. Auch ein bisher erfolgreiches deutsches Opiumersatz-Projekt gerät zunehmend unter Druck.

In einem kleinen Tal in Ostafghanistan stehen Felder voller rosa Blüten. Dar-i Nur – das Tal des Lichts – ist ein außergewöhnlicher Ort. An diesen Berghängen in der Provinz Nangarhar, die zu den größten Produzenten von Opium gehört, bauen die Bauern nicht Schlafmohn an, sondern Rosen. Sie produzieren nicht Opium, sondern Öl, und verkaufen viel davon auch an deutsche Kunden. Das Projekt, erdacht schon 2004 von der Welthungerhilfe und seit 2015 weitgehend in afghanischer Hand, ist eines der wenigen Opiumersatz-Projekte, die überlebt haben. Viele andere sind – oft wegen naiver und viel zu ungeduldiger Planung – gescheitert.

800 Bauern bringen nun in Dar-i Nur und zwei weiteren Bezirken der Provinz schon seit Jahren rund 3000 Tonnen Blüten zur Destille. Im Schnitt ergibt das 100 Liter Rosenöl und – weil das kostbar ist – für die Bauern jährlich 500 bis 1000 Dollar. „Wir haben Glück, dass die Rosen bei uns so schön wachsen“, sagt Bibi Gul, eine kleine, alte Bäuerin mit großer Energie, bei einem Gespräch in Kabul. Sie verdient mit ihren Rosen das Gleiche wie sie mit Opium verdienen würde. „Deshalb wächst bei uns weniger Opium als anderswo“, sagt Bibi Gul.

Anderswo zeigt sich im Juni 2016 das kolossale Scheitern milliardenschwerer Versuche, etwas zu unternehmen gegen die größte Opiummaschinerie der Welt. Aus Afghanistan kommen rund 90 Prozent allen Opiums, Grundstoff für Heroin. Seit Jahren ist der Ertrag, mit gelegentlichen Ausreißern nach unten, kontinuierlich gestiegen – von 4100 Tonnen in 2005 über 5800 Tonnen in 2011 auf 6400 Tonnen in 2014. Das meiste geht in den Iran und nach Europa, viel auch nach Russland und in die USA. Zunehmend taucht afghanisches Opium zudem in Afrika auf.

Es ist kein Zufall, dass es mehr Opium gibt, seit im Jahr 2006 die radikalislamischen Taliban ihr Comeback begonnen haben. „Da ist ein gut dokumentierter Zusammenhang zwischen Unsicherheit und Mohnanbau“, sagt Jelena Bjelica vom Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network. „Mohn hat wenige Risiken in einer Hochrisiko-Umgebung. Es ist eine natürliche Wahl für Bauern im Krieg.“

Und während das Blutvergießen in Afghanistan schlimmer wird, soll die Ernte in diesem Jahr wieder einmal besser sein. Im Süden und Westen, wo der Großteil des Mohns wächst, ist sie gerade zu Ende gegangen, im Norden noch nicht ganz. Die UN-Drogenbehörde UNODC möchte deshalb die Gerüchte über neue Opiumrekorde nicht kommentieren. Aber Haschim Alokolzai, ein Senator aus der Provinz Helmand – mit weitem Abstand größter Opiumproduzent unter allen Provinzen – erzählt, wie die Ernte gerade im Süden von Helmand „so gut war, dass die Mafia dort eine Menge mehr Geld machen wird als zuvor“.

Es ist eine gefährliche Entwicklung, denn das afghanische Opium ist nicht nur ein Gesundheitsrisiko für Millionen Menschen weltweit. Es ist auch ein Sicherheitsrisiko. Opium und Terrorismus sind eng verquickt. Teil der Drogenmafia sind die radikalislamischen Taliban. In Helmand haben sie sich mittlerweile die Kontrolle über mindestens fünf der 14 Bezirke und große Teile von sechs weiteren erkämpft – und damit über Mohnanbaugebiete und Schmuggelrouten.

Experten schätzen, dass die Taliban bisher rund 20 bis 40 Prozent ihres Einkommens aus dem Drogengeschäft beziehen; schon 2009 sollen sie laut UN 155 Millionen Dollar verdient haben. „Aber wir nehmen an, dass sie mit mehr territorialer Kontrolle in Helmand noch tiefer einsteigen, zum Beispiel in die Heroin-Produktion“, sagt der Operationsleiter der Antidrogen-Polizei, Abdul Bakhtiar. Das würde die Taliban noch reicher machen. Zu einem noch gefährlicheren Gegner.

Gleichzeitig gab es so wenige Beseitigungsversuche wie nie. In einem internen UNODC-Bericht von Anfang Juni heißt es, dass bis 1. Juni nur 302 Hektar Schlafmohn vernichtet worden seien. 2015 waren es zum gleichen Datum 3322 Hektar. Grund: „die extrem schlechte Sicherheitssituation“.

Experten sind sich heute allerdings auch darüber einig, dass das Abbrennen von Feldern sowieso kontraproduktiv ist. Denn das Opium ist für viele Menschen die einzige Einnahmequelle. Sie wegzunehmen, ohne Alternativen anzubieten, habe jahrelang „bloß dazu beigetragen, verzweifelte Bauern in die Arme der Taliban zu treiben“, heißt es in einer 2016-Studie für das Rechercheinstitut Brookings.

Alternativen lassen sich aber schlecht anbieten in einer Umgebung, aus der Entwicklungshelfer sich schon lange zurückgezogen haben, weil immer wieder Kollegen bedroht, entführt oder getötet wurden. Solange physische und wirtschaftliche Unsicherheit größer würden, werde auch der Mohnanbau nur noch weiter wachsen, heißt es in der Studie warnend.

Selbst die Rosen aus dem Tal des Lichts haben es nun schwerer. Die Ernte ist gerade zu Ende gegangen – und sie war schlecht. Es hatte zu lange geregnet, dann war es zu schnell warm geworden. Nur 50 statt 100 Liter Rosenöl gab es dieses Jahr. Auf den Feldern in den zwei anderen Bezirken der Provinz, Atschin und Nasian, ist die Ernte ganz ausgefallen. Denn dort verschanzen sich die Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat. Die USA bombardieren sie aus der Luft – mit dem Ergebnis, dass die IS-Kämpfer in den Nachbarbezirk Kunar ausweichen. Aber Kunar grenzt auch an das Tal des Lichts und seine Rosen.

Dort stand neben den rosa Rosen dieses Jahr auch der rosa Schlafmohn – auch auf den Feldern von Bibi Gul. Sie sagt: „Die Rosen pflanzen wir an ohne Angst. Sie sind legal. Den Mohn pflanzen wir, eben weil wir Angst haben. Wer weiß, was kommt? Wenn die eine Blüte uns kein Geld bringt, dann hilft uns die andere beim Überleben.“

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