Eishockey-Kapitän schwört drauf

Olympia: Hilft Senf gegen Muskelkrämpfe?

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Berlin -

„Senf ist total gut gegen Krämpfe“, verriet Eishockey-Kapitän Leon Draisaitl im Eurosport-Gespräch während der Olympischen Winterspiele in Mailand. Er nehme Senf aus der Tüte präventiv ein, wenn sich ein Muskelkrampf ankündige. Inwieweit hält diese Behauptung einer wissenschaftlichen Prüfung stand, welche biologischen Mechanismen stecken dahinter und wie belastbar ist die aktuelle Studienlage zu diesem Phänomen?

Tafelsenf enthält mit Essigsäure und scharfen Senfölen, den sogenannten Isothiocyanaten, zwei entscheidende Wirkkomponenten. Der therapeutische Effekt bei Muskelkrämpfen basiert auf der biochemischen Interaktion dieser Stoffe mit Rezeptoren im Mund- und Rachenraum, die als Aktivatoren an den Kanälen TRPA1 und TRPV1 fungieren.

Tafelsenf als neurologischer Not-Aus-Schalter

Dieser starke Reiz wirkt wie ein neurologischer Not-Aus-Schalter. Profisportler wie Draisaitl nutzen Senf also als praktische Anwendung eines biologisch plausiblen Reflexes. Allerdings variiert die Intensität dieses Effekts: Da die Wirkung über einen Reflex gesteuert wird, ist sie hochgradig von der individuellen Rezeptordichte im Mundraum abhängig. Was bei ihm anschlägt, wirkt bei einem sogenannten „Non-Responder“ vielleicht schwächer, falls dessen TRP-Kanäle weniger sensibel reagieren.

Die Schärfe soll die fehlerhaften Impulse der Nerven durch einen reflexartigen Impuls unterbrechen, der im Rückenmark eine sogenannte reflexive Hemmung auslöst. Diese dämpft die überaktiven Motoneuronen ab, welche für das schmerzhafte Zusammenziehen des Muskels verantwortlich sind – noch bevor der Senf verdaut oder im Körper aufgenommen ist.

Aus wissenschaftlicher Warte wird der Mechanismus maßgeblich durch die Arbeiten der Neurobiologen Rod MacKinnon und Bruce Bean gestützt. In ihrer Untersuchung „Orally-administered TRPV1 and TRPA1 activators inhibit electrically-induced muscle cramps in normal human volunteers“ konnten sie nachweisen, dass eine starke sensorische Stimulation dieser oralen Rezeptoren durch scharfe oder saure Flüssigkeiten ausreicht, um die fehlerhafte Nervenschleife zu unterbrechen.

Schärfereiz lenkt Nerven ab

Die klinische Evidenz für diesen Reflexweg wird primär durch die zentrale Arbeit „Reflex Inhibition of Electrically Induced Muscle Cramps in Hypohydrated Humans“ untermauert. Diese Untersuchung von Kevin C. Miller belegt anhand von Essiggurkenwasser eine signifikante Verkürzung der Krampfzeit um rund 45 Prozent bereits vor einer möglichen Aufnahme der Wirkstoffe in den Stoffwechsel.

Da Senf eine ähnliche Wirkstoffkonzentration aufweist, wird der Effekt auf ihn übertragen. Ergänzend zeigt die randomisierte kontrollierte Studie „Pickle Juice for Treatment of Muscle Cramps in Patients With Cirrhosis“, dass dieser Effekt auch im klinischen Umfeld über die Aktivierung der Nervenbahnen im Rachen die krankhafte Überaktivität der Nervenzellen im Rückenmark hemmt.

Nur anekdotische Hinweise

Dennoch bleibt die wissenschaftliche Einordnung differenziert. Die im Journal of Athletic Training veröffentlichte Übersichtsarbeit „An Evidence-Based Review of the Pathophysiology, Treatment, and Prevention of Exercise-Associated Muscle Cramps“ aus dem Jahr 2022 weist darauf hin, dass es zur Wirksamkeit von Senf bei belastungsbedingten Krämpfen bislang vor allem anekdotische Hinweise gebe. Als medizinisch gesicherte Heilmethode für chronische Krämpfe ist Senf nicht anerkannt, da die Datenlage für eine allgemeine Empfehlung nicht ausreicht.

Die genetische Forschung von Danielle Reed am Monell Chemical Senses Center, „Psychophysical Dissection of Genotype Effects on Human Bitter Perception“, liefert hierfür die biologische Grundlage: Ihre Arbeit belegt, dass die oben genannte Dichte und Empfindlichkeit von Rezeptoren individuell so stark variiert, dass der notwendige Stopp-Reflex bei manchen Menschen schlicht ausbleiben kann. Da dieser Effekt unmittelbar über die Nervenbahnen des Rachens ausgelöst wird, bleibt Senf eine reaktive Intervention zur Unterbrechung bestehender Krämpfe und kein Ersatz für die präventive Korrektur des Elektrolythaushalts.

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