ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

Masken-Terror im Notdienst Alexander Müller, 31.10.2020 07:45 Uhr

Berlin - 5 Uhr in der Früh, die Notdienstglocke läutet, schon wieder. Vollkommen geschreddert von einer eng getakteten Nachtschicht schleppt sich der Apotheker in die Offizin. Die Tür geht auf und das grün-weiße Grauen stürzt herein.

„Süßes oder du kriegst Saures!“, brüllt eine Horde Kinder, verkleidet als Vampir, Hexe und Teufel. Der Apotheker ist vollkommen perplex: Wenn dieser ganze Corona-Wahnsinn nur eine gute Sache bringen sollte, dann doch die, in diesem Jahr von den Rotten Süßigkeiten-erpressender Kleinstterroristen mit übersteigertem Anspruchsdenken verschont zu werden. Wer bitte lässt seine Kinder denn heute von Haus zu Haus marodieren und im schlimmsten Fall Haribo gegen Corona tauschen?!

Immerhin tragen alle Masken, stellt der Apotheker fest – und dann wird er selbst weiß wie ein Gespenst: Den Mund-Nasen-Schutz der Gruselwichte ziert das Emblem seines Erzfeindes: das Grüne Mal. SchockHorris, was hat das zu bedeuten? Wo haben die das her? Rekrutiert die Junge Union jetzt schon im Kindergarten?

Doch so leicht gibt sich ein übernächtigter Pharmazeut nicht geschlagen. Während er in der Freiwahl einige Tüten zusammensucht, fragt er über die Schulter: „Wo habt ihr denn die tollen Kostüme her?“ „SÜßES. ODER. SAURES.“ „Am besten, ihr desinfiziert euch hier einmal alle die Hände.“ „Trick or Treat, Alter.“, ruft der Vampir ungeduldig. „Ich dachte, mit der Maske spielt man nur Trick ‘n‘ Deceit“, murmelt der Apotheker und füllt die Tüten.

„Oh Mann, ich krieg gar keine Luft hinter der Maske“, stöhnt der kleine Teufel. „Zeig mal her“, sagt der Apotheker fürsorglich. Dann schneidet er die Maske auf und zeigt den erstaunten Monsterchen die mittlere Lage. Gegen die Lampe gehalten verdunkelt der Lappen fast nichts. „Nehmt besser die hier“, sagt der Apotheker und händigt drei Monstermasken aus – ohne Apotheken-A, dafür hochwertig. Und als die Bande freundlich Danke sagt und stolz aus der Apotheke stürmt, tut es ihm fast ein bisschen leid, dass er ihnen die extrascharfen Salz-und-Pfeffer-Bonbons in die Tüten gepackt hat...

Der Postillon hat neulich eine immergrüne Meldung aus dem vergangenen Jahr gebracht: „Abgeordnete müssen künftig Logos ihrer Sponsoren auf der Kleidung tragen.“ Im Bild ist ein mit Logos voll gepflastertes Sakko. Ganz ohne Satire und ungewohnt fortschrittlich hat ausgerechnet die CDU diese satirische Forderung in die Tat umgesetzt. Die drei Kandidaten für den Parteivorsitz trugen bei ihrem Auftritt bei der Jungen Union Masken mit DocMorris-Logo. Chapeau, immerhin transparent. Vielleicht wollte Jens Spahn diesmal nicht kandidieren, weil ihm das irgendwie peinlich gewesen wäre.

Aber wer weiß, vielleicht wird Minister am Ende doch noch CDU-Chef. Der verschobene Parteitag könnte die Karten neu mischen. Friedrich Merz eskaliert schon fast zum Corona-Verschwörer wie drüben Donald Trump. Aus verschiedenen Gründen war es gut, dass Minister-Spahn nicht beim JU-Pitch dabei war, denn wenige Tage später wurde er positiv auf Corona getestet. Die blumenreiche Video-Botschaft haben wir mal von einem Körpersprache-Experten analysieren lassen – aufschlussreiche Augenbrauen.

Am Montag will Spahn zurück ins Ministerium. In seiner Quarantäne hat er unter anderem verpasst, wie – nach kurzem Schlagabtausch über die DocMorris-Masken – sein Apothekenstärkungsgesetz (VOASG) den Bundestag passiert hat. Inklusive Temperatur-Logger, den hat der CSU-Abgeordnete Stephan Pilsinger noch im letzten Moment ins Gesetz gesteckt. Ebenfalls beschlossen ist damit das Boni-Verbot für EU-Versender, so dass Apotheken vor Ort künftig auch nicht mehr mit Kuschelsocken, Geschenkpapier, Ofenkrusti oder sonstigen Verzweiflungstaten dagegenhalten müssen.

Dass mit dem VOASG außerdem das Botendienst-Honorar bei 2,50 Euro festgeschrieben wird, war dann doch zu viel für den EAMSP. Das ist diese Truppe, die immer vorm EuGH zeltet. Ihr Anführer, DocMorris-CEO Olaf Heinrich, fordert für die Versender analog eine Logistikpauschale. Und gegen das Boni-Verbot werde man – natürlich – vor Gericht ziehen.

Dabei sollen wir doch alle unnötige Begegnungen vermeiden, hat Kanzlerin Angela Merkel gemahnt. Die leider weiter explodierenden Zahlen der Corona-Neuinfektionen haben Bund und Länder zu neuen Maßnahmen genötigt. Ab Montag geht es in den Semi-Shutdown. Apotheken bleiben – natürlich – geöffnet, müssen aber vielleicht die Zahl der Kunden in der Offizin noch strenger regulieren. Vielleicht gibt es dann bald wieder Warteschlangen vor den Apotheken, bei Bühlers sogar mit Heizpilz. Und vielleicht sollten die Inhaber*innen schon jetzt in einen Luftfilter investieren. Und in die besten Masken.

Zumindest Maskentester werden im November weniger in die Apotheken kommen. Und hoffentlich weniger Maskenverweigerer. Hier ein paar kluge Tipps, wie man mit Verschwörungsschwurblern umgeht und auch vor den anderen Kunden souverän dasteht, ohne herrisch auf sein Hausrecht pochen zu müssen. Wogegen es leider noch kein Mittel gibt: absurde neue Rezept-Vorgaben, die den Alltag erschweren. Ganz oben in den Charts sind aktuell die DJ-Rezepte. Egal für heute. Mucke aufdrehen und ab ins Wochenende!