Radioaktivität

Medikamente gegen Strahlenkrankheit

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Nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima steigt das Bewusstsein für die nuklearen Gefahren. Zwar gibt es bereits seit Jahren Antidote, die die bei einer Kernschmelze freigesetzten Radionuklide abfangen. An Arzneimitteln gegen Strahlenschäden mangelt es jedoch. Einige kleine Biotechnologie-Unternehmen in den USA arbeiten an Lösungen, zum Teil mit finanzieller Unterstützung durch die Regierung.

Die Firma Cleveland Biolabs hat den Wirkstoff CBLB502 entwickelt, der vor den Folgen radioaktiver Bestrahlung schützen soll: Das rekombinante Protein ist ein Agonist des Toll-like-Rezeptors und hemmt die Apoptose bei Zellen, die den Strahlen ausgesetzt sind. Tierversuche und Phase-I-Studien sind bereits abgeschlossen, und die Firma rechnet damit, den Zulassungsantrag noch in diesem, spätestens aber im kommenden Jahr einreichen zu können. Der Wirkstoff soll zudem zur Therapie der Strahlenkrankheit und als Begleitmedikation bei der Tumortherapie eingesetzt werden.

Auch Onconova setzt darauf, den Zelltod zu verhindern. In Zusammenarbeit mit dem US-Verteidigungsministerium wurde Ex-RAD entwickelt - ein Wirkstoff, der sowohl vor als auch nach Bestrahlung injiziert werden kann. Die Entwickler von Onconova hatten Mäuse einer letalen Strahlendosis ausgesetzt. Solche Tiere, denen zuvor das Medikament verabreicht wurde, überlebten. Bei Applikation nach der Bestrahlung waren es immerhin 80 Prozent. Durch welchen Mechanismus Ex-RAD wirkt, ist noch nicht vollständig geklärt.

Cellerant Therapeutics verfolgt bei seiner Forschung einen anderen Ansatz. Die Firma mit Sitz in Kalifornien setzt darauf, das blutbildende System zu stabilisieren. Die Erklärung: Durch die Bestrahlung wird die Hämatopoese beeinträchtigt und dadurch auch das Immunsystem. Infekte können möglicherweise nicht ausreichend bekämpft werden. Cellerant hat myeloide Vorläuferzellen (CLT-008) entwickelt, die auch noch eine Woche nach der Bestrahlung injiziert werden können und sich in neutrophile Granulozyten und Thrombozyten differenzieren. Adulte Stammzellen nutzt die Firma Osiris Therapeutics.


Ob die Medikamente bei einem Super-GAU wirken, wird sich nur im Ernstfall zeigen. Weil die Wirkstoffe nicht unter realen Bedingungen getestet werden können, gelten für die Zulassung besondere Bestimmungen: Nach Vorgaben der Zulassungsbehörde FDA müssen die Firmen die Wirksamkeit an mindestens zwei verschiedenen Tierarten nachweisen. Dass die Medikamente bei Menschen sicher sind, ist an gesunden Probanden nachzuweisen - Cleveland Biolabs und Onconova haben bereits Phase-I-Studien durchgeführt.

Auf den Markt kommen die Medikamente wohl erst in den nächsten Jahren. Antidote, die radioaktive Isotope im Körper abfangen sollen, gibt es dagegen schon lange: Bei Belastungen mit Radio-Jod wird die Einnahme von hochdosiertem Kaliumjodid empfohlen. Ein entsprechendes Präparat wird vom österreichischen Hersteller Lannacher bereitgestellt. Gegen Strontium helfen Alginate, Bariumsulfat oder Aluminiumhydroxid-haltige Antazida.

Cäsium wird durch den Farbstoff Berliner Blau gebunden. Seit mehr als 30 Jahren hat die Firma Heyl als weltweit einziger Hersteller das Präparat Radiogardase (Eisen (III)-hexacyanoferrat(II)) im Handel. Das Berliner Familienunternehmen hat sich ohnehin auf einen Nischenmarkt spezialisiert. Die beiden Produkte Ditripentat (DTPA) und Zink-Trinatrium-pentetat (Zn-DTPA) sind für die Vergiftung durch die radioaktiven Metalle Americium, Berkelium, Californium, Curium und Plutonium zugelassen.

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