Lüneburg

Apothekenpraktikum für Syrien-Flüchtlinge

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Berlin -

Dirk Düvel wollte Flüchtlingen aus Syrien helfen. Daher hat der Inhaber der Wir-Leben-Apotheken am 1. April in einer Lüneburger Filiale Hanan Kabour aus Damaskus eingestellt; zwei Monate später Aya Alokhwan. Düvel kennt die bürokratischen Fallstricke – dennoch will er Kollegen bestärken, ebenfalls Flüchtlinge aufzunehmen: Denn der kulturelle Austausch sei ein Gewinn für alle Mitarbeiter.

Düvel wollte Flüchtlinge nicht nur mit Sachspenden unterstützen. „Daher habe ich mir zusammen mit meiner Frau überlegt, dass wir geflohene Apotheker bei uns einstellen möchten“, berichtet er. Eine seiner Filialleiterinnen stamme aus Russland – deswegen habe er bereits gewusst, was zu beachten sei, wenn er Mitarbeiter aus Drittstaaten anstellen wolle.

So wandte sich Düvel an die Arbeitsvermittlung vor Ort. Tatsächlich gab es zwei Syrerinnen in Niedersachsen, die auf der Suche nach einem Praktikumsplatz waren. Über die Landesstelle für Flüchtlinge konnte er sie ausfindig machen. „Die beiden hatten sich sehr gut vorbereitet und in ihrem Heimatland vor der Ausreise eine Blue Card beantragt“, berichtet Düvel.

Die Blue Card, das Gegenstück zur Green Card in den USA, ist eine Arbeitserlaubnis für Drittstaatler in der EU. Die Vergabe ist strikt: Im Jahr 2015 müssen Inhaber der Blue Card in Deutschland jährlich mindestens 48.400 Euro oder in sogenannten Mangelberufen mindestens 37.752 Euro mit der deutschen Beschäftigung erzielen.

Ein Mangelberuf liegt vor, wenn so viele Stellen in einem Job frei sind, dass sie nicht mit EU-Bewerbern gefüllt werden können. Für den Apothekerberuf sei das im Land Niedersachsen vor kurzem festgestellt worden, sagt Düvel, der bis 2007 Geschäftsführer der Apothekenkooperation Parmapharm war und sich dann mit seiner eigenen Mini-Kooperation selbstständig machte.

Doch hochqualifizierten Flüchtlingen ist oft nicht bewusst, dass sie mit einer Blue Card Chancen auf eine Arbeitserlaubnis in der EU haben und dem langwierigen Asylprozess entgehen können. Haben sie einmal ihr Herkunftsland verlassen, ist es zu spät; die Karte hätten sie dort beantragen müssen. Demnach kommen die wenigsten mit einer Blue Card nach Deutschland.

Die erste Hürde vor der Einstellung eines Flüchtlings ist daher laut Düvel die Arbeitserlaubnis. Auch Asylbewerber, deren Antrag noch nicht entschieden wurde, können diese erhalten. Bis dahin können sie als Hospitanten eingestellt werden; die Hospitation sei erlaubt, ein Praktikum dagegen nicht.

Wurde die Arbeitserlaubnis erteilt, ist der zweite Schritt die Anerkennung des Pharmazieabschlusses. Dazu müssten die ausländischen Bewerber in Niedersachsen ihre Unterlagen der Apothekerkammer vorlegen. „Abschlüsse etwa aus Syrien, dem Iran und Irak sowie den GUS-Staaten gelten grundsätzlich als gleichwertig“, sagt Düvel. Dennoch müssten die Apotheker aus diesen Ländern oft eine Prüfung ablegen, um die Approbation erlangen zu können.

„Im Regelfall bedeutet das, dass die Bewerber zunächst etwa ein Jahr in einer deutschen Apotheke arbeiten“, erklärt Düvel. Das sei vergleichbar mit dem Praktischen Jahr (PJ) der deutschen Pharmaziestudenten – denn im Anschluss an dieses Praktikum würden auch die Drittstaatler eine Prüfung mit den Inhalten des dritten Staatsexamens ablegen. „Außerdem werden die Sprachkenntnisse geprüft“, berichtet Düvel.

Begleitend zum PJ würden die ausländischen Apotheker Blockunterricht erhalten, der sie auf die Examensprüfung vorbereite. „Die Bewerber müssen auch nicht zwingend ein ganzes Jahr als Praktikanten in der Apotheke sein. Sobald sie sich fit für die Prüfung fühlen, können sie sich dafür anmelden“, sagt Düvel.

Der Antrag für die Anerkennung, für die Approbation und auch für die Arbeitserlaubnis koste Geld. „Das ist ein großes Hindernis für viele Flüchtlinge“, meint Düvel. Die wenigsten hätten die geforderten Beträge zur Verfügung. „Wir haben daher diese Kosten für unsere Praktikantinnen übernommen. Zudem zahlen wir ihnen eine Vergütung“, sagt er.

Von der Arbeit der Syrerinnen ist Düvel begeistert. „Das sind sehr motivierte Menschen, die aktiv hierher gekommen sind. Sie sind ehrgeizig“, berichtet er. Die Mitarbeiterinnen sprächen zudem sehr gut Deutsch. „Sie haben die Sprache äußerst schnell gelernt“, sagt Düvel.

Er könne definitiv empfehlen, Flüchtlinge einzustellen: „Die andere Kultur kennenzulernen ist spannend, das höre ich von den Mitarbeitern“, sagt Düvel. So hätten die Syrerinnen den anderen Mitarbeitern beispielsweise beigebracht, ihre Namen auf Arabisch zu schreiben. „Der Austausch macht allen Spaß – und das ist etwas Gutes“, schließt Düvel. Eine Übernahme nach ihren Examen habe er den beiden Praktikantinnen bereits angeboten.

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