ApoRetrO (Satire) – mit Spahn-Special

PTA im Impfzentrum – arbeiten bei -80 °C

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Berlin -

Sie hätte das Kleingedruckte lesen sollen. Dann stünde PTA Charlotte jetzt nicht steifgefroren in der Kühlkammer und würde sich zähneklappernd fragen, warum sie sich den Job im Impfzentrum angetan hat. Aber was tut man nicht alles für die Herde?

Die Stellenbeschreibung klang total spannend. Die Expertise hatte Charlotte nach Jahren im Sterillabor sowieso und als Zuverdienst war die Aufbereitung des Impfstoffs zudem äußerst attraktiv. Vor allem aber wollte die 27-Jährige jetzt einmal Teil von etwas Großem sein. Massenimmunisierung, damit diese furchtbare Corona-Pandemie möglichst schnell ein Ende hat.

Erst hieß es, die Impfstoffe sollten in den Sterillabors der Apotheken rekonstituiert werden. Aber dann hatte irgendwer Sorgen wegen des Transports. Kein Problem, die PTA war bereit, die Aufbereitung vor Ort im Impfzentrum vorzunehmen. Ihre ähnlich altruistische Chefin stellte Charlotte dafür sogar frei – bei vollen Bezügen. Dürfen ja sowieso nur zwei Kunden gleichzeitig in die Offizin und was sind für eine routinierte Apothekerin schon zwei Kunden gleichzeitig?!

Was Charlotte in ihrem heiteren Berufseifer übersehen hatte: die Arbeitsbedingungen im Impfzentrum. Aufgrund der neuesten Stabilitätsdaten muss der Impfstoff nicht nur bei -80 °C gelagert und transportiert, sondern auch bei dieser Temperatur verarbeitet werden. In der Ultratiefkühlkammer wird der Vakzine ein weiterer Stoff zugesetzt und dann in der Hand langsam erwärmt.

Steif vor Kälte stakst Charlotte nach ihrer nächsten 15-Minuten-Schicht aus dem Produktionsraum, wieder sieben Impfungen fertig. Viertelstunde Pause. Während Daniel die nächste Tour übernimmt, irgendwie die neunte Tasse Tee runterkriegen und dann zurück in die Kälteschleuse: -10 °C, -40 °C, -80 °C. Diese Kälte hat sie zuletzt gespürt, als sie mit einer Kasse über die Genehmigung für ein dringend benötigtes Hilfsmittel diskutieren musste. Charlotte selbst ist noch nicht geimpft. Pharmazeutisches Personal ist zwar prioritär, aber nicht als erstes dran. Aber sie hat auch keine Angst vor einer Infektion: Welches Virus würde sich diese Wechselbadtortur schon antun?

Mal sehen, ob PTA und Apotheker in den Impfzentren oder bei der Aufbereitung in Wirklichkeit gefragt sein werden, wenn es so weit ist. Etwas schlauer wollte man gestern Abend werden, als sich Gesundheitsminister Jens Spahn und (So-gerade-noch-)Abda-Präsident Friedemann Schmidt zum Talk einfanden. Nicht unbedingt zur Primetime, aber immerhin gut hundert Zuschauer konnten sie digital locken. Sie haben sich gegenseitig für die gute Zusammenarbeit gedankt und dann viel über Corona geredet.

In sehr kurz: Spahn rechnet damit, dass die Apotheker spätestens bei der Verteilung der Impfstoffe beteiligt sein werden, wenn die Impfzentren sich in den Arztpraxen vor Ort auflösen. Aha. Schmidt erwartet „von meinen Kollegen, dass sie sich für die Impfung einsetzen“. Die Apotheker sollen laut Spahn aber nicht selbst impfen: Neuer Impfstoff unter ärztlicher Aufsicht, Debatte nicht überfrachten. Schmidt: Kein Dissenz. Impfen ist primär ärztliche Aufgabe und bei Covid-19 wird die Unterstützung der Apotheken hoffentlich nicht nötig sein. Anders als bei der Grippe. Beim Thema Grippeimpfstoffe wird Spahn kurz wieder gereizt, geht aber diesmal. Die Verzögerung bei der Maskenverteilung war schon vor dem Gespräch durchdekliniert, Schmidt wünscht sich vor allem Rechtssicherheit, Spahn wünscht sich Masken und eine ePA zur leichteren Verteilung. Und was sagt er eigentlich zu Teleclinic/DocMorris aus? Man möge die Tat ahnden und sie nicht herbeireden. Geistreich. Spahn ist jetzt warmgelaufen und zwitschert in der halbwegs vertrauten Runde über Zur Rose-Chef Walter Oberhänsli: „Wen interessiert denn, was der sagt?“ Mit dem Beschluss seines VOASG sei der Börsenwert ja mal richtig runtergegangen, sagt Spahn und kichert. Voll witzig.

Zurück zu Corona: Da draußen laufen die Planungen über die Impfstoffverteilung je nach Bundesland sehr unterschiedlich, aber überall unter Hochdruck. Denn irgendwann um Weihnachten oder früh im neuen Jahr soll der lang ersehnte Impfstoff bereit sein. Die entsprechende Verordnung ist durch. Epidemiologisch logisch haben die Impfzentren eine harte Türpolitik: Man benötigt einen Code, um vorgelassen zu werden. Den bekommt man vom Arzt und der bekommt dafür 5 Euro.

Biontech/Pfizer haben noch mit einem kleinen Lieferengpass zu kämpfen, aber nicht in dem Sinne, wie Apotheken „Lieferengpass“ gewohnt sind. Es kann bald losgehen. Großbritannien hat den mRNA-Impfstoff von Biontech schon zugelassen. Die zugehörige Fachinformation weist darauf hin, dass eine Schwangerschaft nach der Impfung zunächst vermieden werden sollte. Und in einer Studie mit dem Moderna-Impfstoff waren Antikörper noch über Monate nachweisbar. Zu ergründen wäre noch, warum ausgerechnet PTA einer Corona-Impfung so skeptisch gegenüberstehen, die Zahl liefern wir noch nach. Sehr offen schildert diese Apothekerin, wie es ihr mit Corona erging und was sie sich von den Kollegen wünscht.

Auch wenn der Impfstoff kommt – die Masken werden uns noch einige Monate erhalten bleiben. Und damit die Diskussionen um Gütesiegel, CE-Kennzeichen und Rückgaberechte. Apropos Rückgaberechte: Shop-Apotheke wurde wegen seiner Widerrufsregelung in den AGB erfolgreich abgemahnt. Apropos Holland-Versender: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat angekündigt, dass sich die Ausgabe vergünstigter FFP2-Masken noch verzögert. In Bremen wurden sie schon an Risikopatienten verteilt, in der Hansestadt sogar kostenlos, weshalb die 1,75 Millionen Stück schnell weg waren.

Ein anderer Baustein in der Pandemiebekämpfung sind die Schnelltests. Wir zuverlässig sind sie? Die Ärzte warnen vor unentdeckten Superspreadern wegen ungenauer Testergebnisse. Und Apotheken dürfen die Tests jetzt zwar auch an Schulen abgeben, testen dürfen die Lehrer aber trotzdem nicht selbst. Genau wie Apotheker übrigens.

Genug Corona, gibt ja noch andere Dinge. Großhändler zum Beispiel. Alliance Healthcare Deutschland wächst zwar gerade mit Gehe zusammen, hat intern aber offenbar einige Herausforderungen. Anders ist es nicht zu erklären, dass einem Apotheker die Belieferung verweigert wurde, weil er zu viel bestellt hatte. Der Inhaber von drei Apotheken soll seine BWA vorlegen, sonst kann oder will AHD das kleine vierstellige Risiko nicht eingehen.

Noch lächerlicher ist es eigentlich nur noch, wenn ein Guru und ausgewiesener Apothekenhasser eine Naturapotheke betreiben will. Und parallel in seinem Onlineshop Nahrungsergänzungsmittel für Triceratops und Jesus vermeintlich unter den Health Claims-Radar vertickt.

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