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Expopharm beschränkt die Sammelwut Alexander Müller, 16.09.2017 08:02 Uhr

Düsseldorf - 

Jetzt greift die Messe Düsseldorf hart durch: Ab sofort sind pro Expopharm-Besucher nur noch zehn Souvenirs erlaubt. Gestern waren sieben PTA mit Kreislaufbeschwerden unter der Last ihrer schweren Tüten zusammengebrochen. Die Veranstalter wollen daher am letzten Messetag aus gesundheitlichen Gründen die Sammelwut begrenzen.

Die Messe zog die Notbremse, nachdem in der Ambulanz gestern auch mehrere Fälle von akutem Bandscheibenvorfall behandelt werden mussten. Ab heute wird an den Ausgängen streng kontrolliert. Alles, was über zehn Warenproben und Geschenke hinausgeht, wird umgehend konfisziert und an karitative Einrichtungen gespendet.

Auch Rollkoffer und Einkaufswagen sind ab sofort nicht mehr gestattet. Denn die sind zwar rückenschonend, entschuldigen die Maßlosigkeit jedoch nicht. Außerdem hatte sich die Düsseldorfer Verkehrsgesellschaft beschwert, dass die U- und S-Bahnen an ihre Belastungsgrenze stoßen.

Gestern Nachmittag schaltete sich sogar der Kinderschutzbund ein. „Wir wurden darüber informiert, dass viele Messebesucher ihre Kinderwagen zweckentfremden und ihre Tüten darin transportieren. Es kann nicht sein, dass die Gier über das Kindeswohl siegt”, sagte eine Sprecherin. Messe-Security Mitarbeiter Kevin P. zu APOTHEKE ADHOC: „Wahnsinn. Echt. Ich arbeite hier seit zehn Jahren, so etwas habe ich noch nie erlebt. Ich mache drei Kreuze, wenn diese seltsamen Apotheker wieder weg sind.”

Sind sie ja heute Abend. Und in Wahrheit darf sich natürlich auch an diesem Samstag jeder zur menschlichen Ameise machen und das 50-fache seines Körpergewichts an nützlichen Mitbringseln nach Hause schleppen. Die Hauptpreise der Gewinnspiele reichen in diesem Jahr von Zecken-Zangen bis zu einem Tesla, den man prima als Lieferwagen einsetzen kann. Die Bewerbungen für den Botendienst in der Gewinner-Apotheke werden in die Höhe schnellen. Die Stromrechnung auch.

Zumindest eine Fahrt kann sich sparen, wer Beckers beste Rezeptsammelstelle einsetzt. Die ist nämlich digital und wurde auf der Messe enthüllt. Im 4. Quatral soll die digitale Rezeptsammelstelle des Landesapothekerverbandes Baden-Württemberg (LAV) den Probebetrieb aufnehmen. Das Wunderwerk kann Rezepte scannen und übermitteln, telefonieren und Textnachrichten für Bestellungen von OTC-Arzneimitteln übermitteln. Eine Antwort auf den Versandhandel? Die Ehrenbürger von Hüffenhardt werden sich den Briefkasten 2.0 sicher auch mal ansehen.

Es bleibt aber dabei, dass die Apotheker ein bisschen Angst vor der Digitalisierung haben. Deshalb soll sie die Politik davor beschützen. So lautet zumindest eine Forderung des Deutschen Apothekertags (DAT). Kollege Lothar Klein kommentiert, dass es ABDA-Präsident Friedemann Schmidt mit seiner Rede immerhin erneut gelungen sei, die Reihen hinter sich zu schließen. Ob das reicht? Alle hat er nicht überzeugt.

Die Apotheker machen sich nämlich ernsthaft Sorgen, wie eine Umfrage von APOSCOPE zeigt. Die Angst, den eigenen Laden im Rentenalter nicht mehr an den Mann zu bringen, ist weit verbreitet. Nicht wenige haben sogar Angst, gar nicht mehr bis zur Rente durchzuhalten. Da ist vielleicht auch ein bisschen Larmoyanz oder Handwerksklappern dabei, andererseits wird sich Amazon aller Voraussicht nach nicht verbieten lassen, die digitale Disruption auch in den Arzneimittelmarkt zu tragen. Angeblich ist der Konzern sogar auf Shoppingtour, eine Shop-Apotheke gewissermaßen. Einstimmige DAT-Resolutionen halten solche Entwicklungen nicht auf.

Zum Glück haben auch die Apotheker noch mächtige Freunde. Rowa will die Pharmazeuten mit dem V-Point Pick-up gegen die Versandkonkurrenz ausstatten und in der digitalen Sichtwahl Einnahmen ohne Verkäufe ermöglichen, wie es die Versender heute schon massenhaft tun. Bei Linda gilt das Motto: Vier Stunden gegen Amazon.

Und Hermann Gröhe (CDU) ist es egal, wenn er wegen seines Festhaltens an einem Rx-Versandverbot als „Apothekenminister“ beschimpft wird. Er versteht sich nämlich selbst als „Versichertenminister“, „weil sich Millionen Patienten darauf verlassen können müssen, dass sie rund um die Uhr versorgt werden“. Die Apotheker können nur hoffen, dass die Weichen morgen in einer Woche bei der Bundestagswahl nicht anders gestellt werden. Und sie müssen hoffen, dass der Bundesgerichtshof (BGH) ihnen am 5. Oktober nicht auch noch das Skonto zusammenstreicht. Denn das könnte eine durchschnittliche Apotheke 16.000 Euro kosten. Es kommen spannende Wochen auf die Apotheker zu.

Aber erst noch ein Tag Expopharm. Unser Messestand ist natürlich der schönste. Das behaupten wir jetzt einmal janz frech mit Berliner Schnauze, wa? Die Smoothies kann man direkt austrinken, die Fotos aus der Box gehen direkt online und die 5000 Euro Gewinn werden überwiesen – Tüte und Rollkoffer werden also nicht benötigt.

Unsere Messe-Helden: Apotheker Matthias Bußmann, der mit seinem Apothekerkollegen Michael Steinhoff die Apotheke ohne HV-Tische entwickelt hat. Den Preis dafür hat er sogar ausgestellt. Danke dafür!

Paralympics-Goldmedaillengewinnerin Christiane Reppe und APOTHEKE ADHOC bleiben ein Paar und gaben auf der Messe die Verlängerung ihrer erfolgreichen Kooperation bis zu den Sommerspielen in Tokio 2020 bekannt. Und PTA Kim Lohmann hat bei der ADG/AVP-Messeparty mit ihrem Song Butterfly mal wieder das Haus gerockt.

Nur bei einer Veranstaltung am Rande wurde es einmal ein bisschen ungemütlich, aber auch wirklich nur ein bisschen. Dass der Wort & Bild-Verlag für seine Danke-Kampagne einen Expopharm-Medien-Sonderpreis erhielt, passte nicht allen. Schließlich hat die ABDA doch ihr eigenes Blättchen. Merke: Auch Danke sagen will gelernt sein. Danke fürs Zuhören und ein schönes Wochenende!