Apothekenübergabe

Zu Risiken und Bauvorhaben fragen Sie Ihren Apotheker

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Berlin -

In Dettingen an der Ems ist das Apotheker-Ehepaar Hägele, obwohl zugezogen, eine echte Institution. Neben Beratung zu Arzneimitteln und Anmessung von Kompressionsstrümpfen waren häufig auch das nächste Bauvorhaben und die drohende Schulschließung Thema. Denn Dr. Rolf Hägele ist nicht nur Apotheker, sondern auch der stellvertretende Bürgermeister der Ortschaft. Nun hat das Paar seine Ermstal-Apotheke an einen Nachfolger übergeben.

37 Jahre waren die beiden Apotheker Ansprechpartner in Sachen Arzneimittel. Aber nicht nur. „Manchmal sind Apotheker wie Beichtmutter und Beichtvater“, sagt Helga Hägele. Und ihr Mann, musste oft noch viel weiter ausholen: Wann immer in Dettingen ein kommunalpolitisches Thema heiß diskutiert wurde, wie zuletzt die Schließung einer Schule, wenn Straßensperren für Ärger sorgten, der Verkehr nicht richtig floss und Bauanträge nicht flutschten – dann war Hägele gefragt.

Denn der Apotheker ist seit 1984 in der Kommunalpolitik aktiv. Seit 1989 ist er außerdem stellvertretender Bürgermeister der Ortschaft und hat ein Mandat im Reutlinger Kreistag. Hägele hat sein Nebenjob im Ort fast so bekannt gemacht wie sein Hauptberuf. Immer wieder musste er nicht nur über Nebenwirkungen der Arznei aufklären, sondern auch Form und Größe diverser Dachgauben penibel durchpalavern oder Argumente für und wider ein Bauvorhaben austauschen.

Gestört hat es ihn nie. „Ich höre gerne zu und nehme mir die Zeit“, sagt der 67-Jährige. Obwohl die Verbindung beider Jobs überwiegend positive Seiten habe, habe sie auch in manch einem Fall dazu geführt, dass der eine oder andere Kunde nicht mehr in die Ermstal-Apotheke gekommen sei. Etwa, wenn Hägele im Gemeinderat für ein Bauvorhaben stimmte, das seine Kunden nicht billigten.

„Da sind manche einfach weggeblieben“, erzählt er. Die deutlichste Abfuhr kassierten das Ehepaar auf der Rückseite einer Rechnung: „Das war mein letzter Einkauf“, schrieb ein Kunde und Bürger, der mit einer politischen Position von Hägele nicht einverstanden war. Tatsächlich haben ihn die Hägeles in ihrer Apotheke nicht mehr gesehen.

Vor fast vier Jahrzehnten kamen die ehemalige Heidelbergerin und der gebürtige Balinger als junges Ehepaar nach Dettingen. Zunächst pachteten sie die Apotheke und übernahmen sie später ganz. 1989 zogen sie mit ihrem Geschäft in die Ortsmitte. Der Lage wegen, erzählt Hägele. Damals wurde in dem rund 9000 Einwohner großen Ort eine dritte Apotheke eröffnet. „Angesichts der neuen Konkurrenz musste wir handeln“, so der Apotheker. Der neue Standort nahe des Marktplatzes war zentral und nahe der Arztpraxen, die zum Teil sogar im Haus angesiedelt sind.

Mitten im Ort entwickelte sich die Apotheke laut Hägele prächtig. Das Angebot und der Personalstamm wuchsen. Hat das Apothekerpaar am Anfang die Apotheke gemeinsam mir einer Apothekenhelferin und einer Auszubildenden geschmissen, sind heute zehn Angestellte in Voll- und Teilzeit sind im Unternehmen beschäftigt, darunter auch Tochter Carolin. Sie ist PTA und bleibt dem neuen Inhaber erhalten. Wie alle Mitarbeiter.

Schon vor zwei Jahren hätte Hägele die Gelegenheit gehabt, seine Apotheke zu verkaufen. Doch er lehnte ab. „Wir wollten noch nicht aufhören und wussten gleichzeitig, dass unsere Apotheke gut aufgestellt ist und wir sie sicher verkaufen können, wenn wir so weit sind“, sagt er. Als nun Dr. Ulrich Heigoldt, ein Apotheker aus der Region, kam und sich für die Übernahme der Ermstal-Apotheke interessierte, sagten die Hägeles doch zu. „Wir hatten sofort das Gefühl, dass er der Richtige ist und unser Lebenswerk bei ihm in guten Händen sein wird “, so der Apotheker. Der neue Chef wird die Apotheke weiterhin selbst vor Ort in Dettingen führen. Das war dem Ehepaar wichtig.

Doch auch die bisherigen Inhaber bleiben den Kunden erhalten und arbeiten in Teilzeit als Angestellte weiter. Helga Hägele will das Team an etwa zwei Tagen die Woche verstärken. Rolf Hägele wird seinen Nachfolger vor allem bei der Buchhaltung und Büroarbeit unterstützen. Obwohl offiziell schon im Rentenalter, mache ihnen der Job noch viel Freude, sagt der Pharmazeut.

Ohne die Verantwortung kann sich Hägele in Zukunft allerdings etwas mehr Zeit lassen, wenn er beispielsweise sich morgens zwischen sechs und sieben zum Joggen aufmacht. Sechs Kilometer läuft er täglich. Auch wird er mehr Zeit für ausgedehnte Motorradtouren haben, ein Hobby, das bisher zu kurz gekommen sei. Auch als Kommunalpolitiker will Hägele weitermachen. Im nächsten Jahr will er bei den Wahlen noch einmal antreten. Und Helga Hägele kann es kaum erwarten, bis sie im Frühjahr und Sommer wieder in ihrem Garten werkeln kann.

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