Antibiotika

Piperacillin: Notstand wird weitergereicht Nadine Tröbitscher, 03.01.2017 15:13 Uhr

Berlin - Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat für den Wirkstoff Piperacillin den Notstand ausgerufen. Die zuständigen Behörden der Länder können nun ein befristetes Abweichen von den Vorgaben des Arzneimittelgesetzes (AMG) gestatten, um eine Behandlung mit Präparaten zu ermöglichen, die nicht in Deutschland zugelassen sind. Der Versorgungsengpass könnte so auf globaler Ebene noch schlimmer werden, warnen Experten.

Bereits im Dezember schlugen Experten wegen des Lieferengpasses bei Piperacillin in Kombination mit Tazobactam Alarm. Ärzte müssten auf Alternativen mit anderem Wirkspektrum und erheblichen Nebenwirkungen ausweichen, so die Kritik. Wegen eines Unfalls in einer chinesischen Produktionsstätte des Wirkstoffes fehlt das Antibiotikum derzeit nahezu flächendeckend. Nur einzelne Hersteller wie Eberth liefern noch Restbestände unter strikter Kontingentierung aus.

Krankenhäuser der Maximalversorrgung wie das Universitätsklinikum in Freiburg können noch auf diese Vorräte zurückgreifen. Wo das Notfallantibiotikum zum Einsatz kommt, wird derzeit in Zusammenarbeit mit der Infektologie interdisziplinär entschieden. „Diesen Luxus können sich kleinere Häuser nicht leisten“, sagt der Leiter der Klinikapotheke, Dr. Martin J. Hug.

Der Apotheker sieht den Versorgungsengpass als globales Problem. In Spanien seien noch Restbestände des Antibiotikums erhältlich. Werde das Medikament jetzt dank Ermächtigung nach Deutschland importiert, fehle es dort – das Problem werde nur verlagert. „Der, der am meisten zahlt und am schnellsten ist, bekommt das Medikament“, so Hug. Für den Pharmazeuten ist die Situation nicht neu: Vor einem Jahr war die Kombination Ampicillin/Sulbactam betroffen. Etwa ein Jahr lang mussten Mediziner aufgrund der Katastrophe in Fukushima auf Fosfomycin verzichten.



Mit dem Engpass von Piperacillin/Tazobactam kann nun die Behandlung der Sepsis laut Hug zum Problem werden, denn hier ist die Kombination das Mittel der Wahl. „Es ist dramatisch sagen zu müssen: Es gibt ein Antibiotikum, aber wir bekommen es nicht.“ Der Apotheker hört auch den Vorschlag, den Wirkstoff selber herzustellen, doch dafür habe er keine echte Lösung zur Hand.

Exorbitante Lagerbestände aufzubauen, sei jedoch unwirtschaftlich. Hug fordert daher mehr Bewusstsein vor allem für den monopolisierten Rohstoffmarkt. Dieser müsse aufgelöst werden, eine Wirkstoffsynthese in Europa müsse möglich sein. Auch wenn Hersteller Probleme in der Herstellung meldeten, seien medizinische Notstände durch Naturkatastrophen nicht vorhersehbar.

Der Apotheker hofft, dass der aktuelle Notstand ein „heilsamer Schock“ für die Verantwortlichen ist. Nun gelte es herauszufinden, welche Antibiotika wirklich nötig seien: Ärzte würden den Wirkstoff denjenigen Patienten zukommen lassen, die ihn wirklich brauchten. In der Vergangenheit sei allzu häufig zum Piperacillin gegriffen worden, dies könne jetzt auf ein notwendiges Maß reduziert werden. „Der Einsatz des Wirkstoffes hat sich mehr als verdreifacht. Als die Ampullen noch etwa 100 Euro kosteten, war der Einsatz geringer als jetzt, wo der Preis bei etwa fünf bis sechs Euro liegt“, so Hug. Der Apotheker mahnt an, dass in vielen Fällen auch ein anderes Antibiotikum hätte gegeben werden können. Ein solcher Breitbandeinsatz müsse künftig vermieden werden.



Eine Alternative für den aktuellen Versorgungsnotstand könnte das Antibiotikum Meropenem sein, das zu den Carbapenem gehört. Der Einsatz des Reserveantibiotikums könne jedoch nicht unerhebliche Folgen haben: „Das Schwert kann stumpf werden“, warnt Hug.

Bislang hat das BMG den Notstand erst dreimal ausgerufen: Als in Westafrika Ebola ausbrach und im Jahr 2014 erste Fälle auch in Deutschland gemeldet wurden, erteilte das BMG die Ermächtigung, „eine Vorbeugung oder Behandlung mit experimentellen Arzneimitteln zu ermöglichen“. Gemeint war damals die Nutzung des Serums von geheilten Patienten (Rekonvaleszentenserum) zur passiven Immunisierung akut Erkrankter. Dazu kam es jedoch nicht.

Im September 2015 wurde der Import von oral applizierbaren Arzneimitteln zur Therapie von Skabies erlaubt. Die Importe waren notwendig geworden, nachdem es in einer Hamburger Flüchtlingsunterkunft zu einem Ausbruch der durch Krätzmilben verursachten und ansteckenden Hautkrankheit gekommen war und die Betroffenen wochenlang auf Arzneimittel warten mussten. Im Mai brachte Infectopharm die erste Ivermectin-haltige Tablette auf den Markt, sodass die Notimporte obsolet wurden.



Zuletzt kam der Notparagraph im Juni zur Anwendung. GlaxoSmithKline (GSK) konnte Infanrix hexa nicht liefern, bei Sanofi Pasteur MSD war Hexyon betroffen. Die beiden Impfstoffe werden standardmäßig zur Grundimmunisierung von Säuglingen gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Haemophilus-influenzae-b, Poliomyletisi und Hepatitis B angewendet.

Weil auch die entsprechenden Fünffachimpfstoffe bereits seit Monaten defekt waren, genehmigte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) den Import aus anderen Ländern. Nachschub konnte so aus Frankreich und Italien beschafft und der Engpass damit überbrückt werden.

Ob Importe bei Piperacillin helfen, wenn der Rohstoff fehlt, wird sich zeigen. Das Beta-Lactam-Antibiotikum besitzt ein breites Wirkspektrum. Gramnegative Stäbchen, Enterobakterien und Anaerobier zählen zum Behandlungsbereich. Besonders bei Infektionen mit Pseudomonas Aeruginosa im Rahmen einer Chemotherapie ist das Penicillin Mittel der Wahl. Eine orale Gabe ist nicht möglich, der Wirkstoff muss parenteral verabreicht werden.