ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

Pizza und Pillen – Apothekerin erweitert Botendienst Alexander Müller, 08.09.2018 07:36 Uhr

Berlin -

Dreimal am Tag fährt das Botenauto quer durch die Stadt. Vor allem auf der letzten Tour am Abend ist der Fahrer bis zu drei Stunden unterwegs. Weil sie Frau Schulte noch etwas zu ihrem neuen Medikament erklären wollte, fuhr Apothekerin Julia an jenem Abend persönlich aus. Mehrfach kreuzte sie auf ihrer Tour den Weg des Pizzaboten, beim dritten Mal grüßten sich die beiden schon. Ließe sich das nicht irgendwie verbinden..?

Am nächsten Tag telefonierte Julia mit Giovanni und schlug ihm vor, den abendlichen Botendienst zusammenzulegen. Effizient, ökologisch und praktisch, wenn sie Notdienst hat und sich das Abendessen gleich selbst ausliefern konnte. Das Ganze lief zunächst auch ganz gut, aber Giovanni verlor erst die Belieferung des Seniorenheims an eine andere Pizzeria und fand am Ende keinen Nachfolger. Nach einem halben Jahr war die Kooperation schon wieder zu Ende.

Aber Julia wollte die Pizza nicht aufgeben und schaffte sich einen Steinofen an. Pizza, Pasta e Droga – alles aus einer Hand. Ob das noch apothekentypische Dienstleistungen und Waren sind, muss sie später mit dem Pharmazierat besprechen. Pizzeria Pillole ist jedenfalls ein voller Erfolg. Julia kann sich mit immer neuen plausibilitätsgeprüften Rezepten austoben und hat nebenbei ganz neue Kundengruppen erschlossen.

Und jetzt will sie den nächsten Schritt gehen. Die Idee kam ihr, als ein Kunde zu seiner „Pizza Speciale brutale von Chefin“ gleich Iberogast mitbestellte. Warum nicht gleich beides auf eine Pizza. Die ganze Nacht durch entwarf sie fiebrig ihre Pillenpizzen und will sie jetzt beim BfArM anmelden. Einen Blick in die Speisekarte können Sie hier werfen.

Und wenn Sie finden, dass Pizzaservice und Apotheke überhaupt keine Gemeinsamkeiten haben, dann haben Sie zu lange Ihre Approbierten den Notdienst übernehmen lassen. Kollege Michael Mantell aus Dortmund kennt jedenfalls die entsetzten Nachfragen seiner Kunden zu später Stunde, warum er denn die Nikotinpflaster bitteschön nicht nachts noch ausfahren könne. Er fühlt sich wirklich „wie ein Pizzaservice“ und hat sich bei Facebook den Zorn der Verwöhnten zugezogen, will dem um sich greifenden Anspruchsdenken aber weiter tapfer trotzen.

Noch schwerer als treue Stammkunden zu gewinnen ist in vielen Fällen die Suche nach gutem Personal. Apotheker Christian Kraus aus dem baden-württembergischen Pforzheim griff hoch ins Regal und bot zum Traumjob gleich noch die Traumwohnung dazu. Der frühere Inhaber der übernommenen Schwarzwald-Apotheke ist übrigens vorausschauend weggezogen aus Straubenhardt-Schwann. Als pensionierter Apotheker immer noch über der Offizin zu wohnen, ist vor allem in Nachtdienstnächten nicht empfehlenswert.

Kein Ex-Inhaber möchte auch aus Versehen nochmal in eine Revision geraten. Das sind so Erfahrungen, die man im Ruhestand vermutlich wenig vermisst. Die Kontrollen sollen aber demnächst einheitlicher werden. Eine Arbeitsgruppe schustert an neuen Regeln für die Revision. Was – und da lege ich mich fest – auf jeden Fall auch künftig beanstandet wird: seine Apotheke unentschuldigt und ohne adäquaten Ersatz zu verlassen. Und bitte lassen Sie sich keine dummen Ausreden einfallen, das haben wir schon für Sie gemacht.

Unentschuldigt fehlen auf der Expopharm auch wieder vor allem Hersteller. Für München haben auch AbZ und Aliud abgesagt. Schade. Aber hey, wird noch da! Und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kommt auch zum DAT und lüftet vielleicht dort das Geheimnis, ob er ein Rx-Versandverbot macht oder nicht. Vielleicht aber auch schon früher. So lange darf die Branche lesenswert spekulieren.

Zum Politikum kann auch eine einzelne Apotheke werden, sogar eine nicht existente. In Pattensen sollte auf Parkplatz des Calenberg Centers eine easy-Apotheke entstehen. Doch das Vorhaben scheitert bislang am Widerstand der Lokalpolitik. Auch der neue Vorschlag wurde abgelehnt, denn der Stadtrat hat genaue Vorstellungen, wo eine Apotheke stehen dürfte.

Andere haben den Umbau schon hinter sich, den Kommissionierer in der Garage verstaut und können auf den Bierbänken vor der Apotheke nun endlich mit den Kunden feiern, mit Bratwurst. Nicht immer ist das Verhältnis zur Kundschaft so harmonisch. Vor allem, wenn die regelmäßig „nur die Umschau“ wollen und vergessen etwas zu kaufen. Eine Kollegin will demnächst von den Schnorrern einen Euro kassieren und spenden.

Andere setzen voll auf kostenlosen Service und beginnen schon um 7 Uhr in der früh mit dem Botendienst. Ob um diese Zeit auch schon jemand Pizza ordert? Werde das gleich mal versuchen bei meiner Stammapotheke. Buon appetito und schönes Wochenende!