Inklusion

Beratung ohne Worte Eugenie Ankowitsch, 17.02.2017 08:06 Uhr

Berlin - Für Apothekerin Karin Simonitsch beschränkt sich Barrierefreiheit nicht nur darauf, den Eingang der Apotheke rollstuhlfahrerfreundlich umzubauen. Deshalb engagiert sie sich seit Jahren für gehörlose Menschen und will ihnen den Zugang zum Gesundheitssystem erleichtern. Die Pharmazeutin zeigt, dass Inklusion im medizinischen Bereich funktionieren kann, und dass sich soziales Engagement und wirtschaftliches Denken nicht ausschließen.

Barrierefreie Kommunikation ist in akuten Krankheitsfällen unabdingbar und oft überlebenswichtig. Für gehörlose und schwerhörige Patienten gestaltet sich diese Kommunikation jedoch schwierig, wenn medizinisches Fachpersonal die Gebärdensprache nicht beherrscht oder kein Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung steht. „Ein Albtraum. Krank und verletzt und dann nicht richtig kommunizieren können,“ sagt Karin Simonitsch, die in Wien die Marien-Apotheke in dritter Generation betreibt. Gerade in akuten Situationen und Notfällen zähle jede Information und reibungslose Verständigung.

In Wien gebe es nur eine Ambulanz – die der Barmherzigen Brüder –, die etwa gehörlose und schwerhörige Unfallopfer gut versorgen könne. Gerade im medizinischen Sektor gibt es noch viel zu tun, damit Menschen mit Behinderungen Zugang finden und sich verständigen können. Deshalb sei es für Gehörlose schwierig, sich im „Dschungel des Gesundheitssystems“ zurechtzufinden. „Um die 10.000 gehörlosen Menschen in Österreich adäquat zu betreuen, wären mindestens 40 gehörlose Ärzte nötig. Doch wo gibt es die?“, fragt Simonitsch.

Bereits jetzt ist die Apotheke für viele Gehörlose der erste und oft einzige Kontaktpunkt zum medizinischen System. „Die Marien-Apotheke hat sich in den letzten Jahren zur Anlaufstelle für Gehörlose entwickelt“, sagt Simonitsch. Als nächstes Projekt denkt sie deshalb einen Gesundheitswegweiser an – etwa in Form von Beratung über eine Handy-App. Es werde geschätzt, dass etwa 6000 Menschen in Wien bei ihrer Kommunikation auf Beobachtung, Schrift und vor allem Gebärdensprache angewiesen sind, da sie entweder kein Gehör oder ein äußerst eingeschränktes Hörvermögen haben.

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