Pharmakritiker

Glaeske und die Strüngmann-Spende Nadine Tröbitscher, 30.11.2016 10:35 Uhr

Berlin - Professor Dr. Gerd Glaeske hat unter Apothekern und Herstellern keinen allzu guten Ruf. Denn wenn er Arzneimittel oder die Beratungsqualität zerreißt, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Obwohl er quasi Dauergast in den einschlägigen TV-Formaten ist, hat sein Institut im vergangenen Jahr einen stattlichen Geldbetrag aus der Branche bekommen: Über den Generikahersteller Neuraxpharm überwies die Strüngmann-Familie 200.000 Euro.

Enthüllt wurde der Vorgang durch Radio Bremen. Im Spendenbericht des Bremer Senats für das Jahr 2015 waren zahlreiche Spender anonym geblieben; vor allem die Universität gab die Namen vieler ihrer Spender nicht heraus. Die Reporterin wollte wissen, was es mit der Einzelspende von 200.000 Euro auf sich hatte und hakte nach.

Gegenüber APOTHEKE ADHOC erklärte Glaeske, er habe von der Spende erst erfahren, als das Geld schon auf dem Konto der Universität war. Er habe lange überlegt, ob er die Fördermittel annehmen sollte oder nicht. Da jedoch keine Beziehung zu Neuraxpharm bestand und keines seiner Projekte mit den Produkten des auf ZNS-Präparate spezialisierten Generikaherstellers zu tun hatte, habe man die Spende akzeptiert und den Betrag für die Versorgungsforschung genutzt.

„Arzneimittel von Neuraxpharm sind nie in unserer Arbeit an irgendeiner Stelle vorgekommen oder behandelt worden, geschweige denn positiv erwähnt worden“, so Glaeske. Wichtig sei ihm die Zusicherung des Unternehmens gewesen, dass er keine Gegenleistung zu erbringen habe. Die Familie Strüngmann kenne er seit mehr als 20 Jahren, auch von Treffen bei der Holding Athos in München. Man schätze sich und stehe in Kontakt.



Dr. Sylvia Gerke, Geschäftsführerin von Neuraxpharm, erklärt auf Nachfrage, dass damalige Gesellschafter des Unternehmens – die Familie Strüngmann – gezielt die Arbeit von Glaeske unterstützen wollten. Auch sie betont, dass man keinerlei Gegenleistung erwartet habe, lediglich die gute Arbeit in den Bereichen Markt, Patientenversorgung, Innovationen und Arzneimittelreport unterstützen wollte. Ziel sei es gewesen, einen Beitrag zur Versorgungsforschung zu leisten.

„Neuraxpharm zählt nicht zu den forschenden Unternehmen, sondern ist ein Generikahersteller, der von der Spende keinerlei Vorteile hat“, sagt Gerke. Man entwickle keine neuen Arzneistoffe und habe keinerlei Beziehungen zu Glaeske. Dessen Arbeit sei ohnehin nicht in der Produkt-, sondern vielmehr in der Versorgungsforschung angesiedelt. Das Geld sei am Ende in den TK-Innovationsreport geflossen, mit dem Wirkstoffe bewertet werden, die nach 2013 auf den Markt gekommen sind. In diesem Jahr wurden die Statine kritisch hinterfragt. Unter den Produkten ist keines von Neuraxpharm zu finden.

Dr. Thomas Strüngmann verweist darauf, dass Neuraxpharm im Laufe der Jahre sehr viel gespendet habe. So seien in Augsburg 1,5 Millionen Euro in den Aufbau des Therapiezentrums „Ziegelhof“ für gehandikapte Kinder geflossen. In München habe man das Projekt „Care for Rare“ für sehr seltene Kinderkrankheiten unterstützt.

„Neuraxpharm hat in Absprache mit uns im Jahre 2015 eine Spende an die Universität Bremen gegeben zur Unterstützung eines Forschungsprojektes ‚Förderung der patientenorientierten Versorgungsforschung‘“, so Strüngmann. Darüber hinausgehende Zuwendungen an Glaeske über Neuraxpharm oder Strathos (Siemens/Sidroga), Klinge oder Aristo habe es nicht gegeben: „Von weiteren Spendenzahlungen an die Universität Bremen ist uns nichts bekannt.“



Glaeske gibt zu: „Die Spende kam nicht ungelegen.“ Mit den Drittmitteln der Krankenkassen könnten auch nur die dazugehörigen Projekte finanziert werden. Im Gegensatz dazu habe man über das Geld aus der Spende frei verfügen können. Konkret konnte laut Glaeske eine Stelle geschaffen werden, die nicht an ein einzelnes Projekt der Kassen gebunden war.

Ein Vorteil, hangelt sich sein Institut doch sonst von Auftrag zu Auftrag: Der Innovationsreport etwa könne mit den Drittmitteln der TK nicht komplett finanziert werden. Sein Institut müsse erst in Vorleistung gehen und die Methodik aufsetzen. Die Spende habe man entsprechend auch dazu genutzt, eine neue Methodik zur Darstellung und Auswertung von Daten zu schaffen, die für den Innovationsreport genutzt werden konnte.

Glaeske hat an der Universität Bremen seit 1999 eine Forschungsprofessur zur Arzneimittelanwendungsforschung. Das ehemalige Zentrum für Sozialpolitik (ZeS) firmiert heute als „Socium Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik“. Mittlerweile emeritiert, nutzt Glaeske die Infrastruktur der Universität und ist für die Finanzierung seine Projekte selbst verantwortlich. Viele Aufträge kommen von den Krankenkassen; den Vorwurf, ein „Kassen-Instituts“ zu sein, kennt Glaeske. Dennoch habe er „sich nie verbiegen und von Drittmittelgebern beeinflussen lassen“. Seine Arbeit sei wissenschaftlich und die Universität Bremen führend in der Sekundärdatenforschung.



Glaeske hatte in Aachen und Hamburg Pharmazie studiert und in den 90er Jahren für die Gmünder Ersatzkasse und den Verband der Angestellten-Krankenkassen (VdAK) gearbeitet. Bis 2015 gab er den Arzneimittelreport der Barmer GEK heraus. Von 2003 bis 2009 war er Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen – aus dieser Zeit stammt die Idee, die Versorgung auf dem Land über Pick-up-Stellen zu lösen. Glaeske ist auch Schlussgutachter bei Stiftung Warentest.

Zur Strüngmann-Spende an Glaeske äußerte sich das Bremer Bündnis für Informationsfreiheit und Transparenz gegenüber Radio Bremen kritisch: „Indirekt, so wird es die Öffentlichkeit wahrnehmen, wird über solche Spenden versucht, Einfluss auf kritische Äußerungen, wie sie von Glaeske vielfach gemacht werden, zu nehmen. Das hätte ihm als renommierter Kritiker der Pharmaindustrie bewusst sein müssen.“

Die Universität Bremen fürchtet, dass die öffentliche Debatte das Spendenaufkommen im kommende Jahr beeinflussen könnte: Womöglich komme es zu einem Spendenrückgang, was eine bedenkliche Situation darstelle, so ein Sprecher. Universitäten sind auf finanzielle Unterstützung besonders im Bereich der Forschung angewiesen.