Influenza

Das Impfstoffdilemma APOTHEKE ADHOC/dpa, 21.11.2018 09:58 Uhr aktualisiert am 21.11.2018 15:47 Uhr

Berlin - Grippeimpfstoffe sind knapp, oder doch nicht? Während die Vakzine in einzelnen Regionen bereits vergriffen ist, sind die Kühlschränke andernorts noch gut gefüllt. Dort will man von Engpässen nichts wissen. Ein Überblick.

Apotheker in Thüringen können derzeit keine Grippeimpfstoffe mehr erhalten. „Bei allen Lieferanten ist momentan nichts zu holen“, sagte der Vorsitzende des Thüringer Apothekerverbandes, Stefan Fink. Sollte es zu einer Grippewelle kommen, „dann schauen wir in die Röhre.“ Die Verantwortung für die Situation sieht Fink bei der Pharmaindustrie und den Krankenkassen. Die Kassenärztliche Vereinigung Thüringens hat unterdessen keine Kenntnisse darüber, dass es in den Hausarztpraxen momentan Engpässe gibt, wie ein Sprecher sagte.

Fink sagte, die Krankenkassen hätten erst im April mit der Industrie die Preise für den Vierfachimpfstoff gegen Influenza verhandelt. Apotheken hätten aber bereits im Februar und März ihre Bestellungen auslösen sollen. Denn die Auslieferung der Impfdosen erfolge in der Reihenfolge, in der die Bestellungen eingegangen seien.

„Die Krankenkassen verlangen von den Apotheken, den Impfstoff zu nehmen, der im Preis am wirtschaftlichsten, also am preiswertesten ist“, beschreibt Fink die Situation. Die Apotheker hätten zunächst keine Bestellungen ausgelöst, weil sie nicht wussten, bei welchem Anbieter dies gewährleistet gewesen wäre. „Und niemand legt sich für 10.000 Euro Impfstoffe hin, von denen er nicht weiß, ob er sie dann auch abgeben darf.

Auch in Bayern werden die Impfstoffe knapp. Es gebe erste Probleme bei Ärzten, die jetzt nachbestellen wollten, berichtete der Bayerische Hausärzteverband. In manchen Praxen sei der im Sommer bestellte Impfstoff schon aufgebraucht. „Es ist zu vermuten, dass es jetzt schon zu Engpässen kommt, weil es den Vierfachimpfstoff auch für Kassenpatienten gibt“, sagte eine Sprecherin. Deshalb ließen sich womöglich mehr Menschen impfen. Just heute seien Meldungen über erste Engpässe unter anderem aus Augsburg, Unterfranken und der Oberpfalz beim Verband eingegangen.

Das bayerische Gesundheitsministerium teilte mit, es gebe keine Informationen über einen generellen bayernweiten Versorgungsengpass. Es könne jedoch sein, dass es vereinzelt zu Lieferengpässen komme. „Solange kein bayernweiter Versorgungsengpass vorliegt, besteht für die zuständigen bayerischen Behörden allerdings kein Handlungsbedarf – auch wenn das Bundesministerium für Gesundheit derzeit die Bekanntgabe eines Versorgungsengpasses für saisonale Influenza-Impfstoffe vorbereitet“, sagte Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU).

Eng wird es auch in Hessen. Wer sich noch impfen lassen möchte, sollte schnell sein, denn laut Apothekerverband kann kein Impfstoff nachgeordert werden und die Vorräte sind seit dieser Woche erschöpft. Der Verband und ein Hersteller hatten ein Kontingent vereinbart, aus dem die hessischen Apotheken Ware bestellen konnten. Impfstoffe ohne Kanüle sind bereits seit dem 6. November nicht mehr zu haben, Vakzine mit Kanüle können seit Anfang der Woche nicht mehr bestellt werden. Dass die hessischen Apotheken noch Vorräte haben, bezweifelt der Apothekerverband.

Der hessische Hausärzteverband hat noch keinen Engpass bemerkt. „Uns ist nicht bekannt, das hier ein Mangel in bestimmten Bereichen vorliegt“, so der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Hessen, Armin Beck. „Nachbestellungen sind bisher immer geliefert worden.“ Gleiches ist vom hessischen Gesundheitsministerium zu hören: „Es liegen uns keine Meldungen darüber vor, dass in Hessen Engpässe bei den Grippeimpfstoffen bestehen.“

Knapp wird der Impfstoff auch in Nordrhein-Westfahlen, denn offenbar ist die Impfbereitschaft in diesem Jahr höher. Die frühe Nachfrage nach Grippe-Impfungen führt in den NRW-Praxen vereinzelt zu Impfstoffmangel. Auch in Westfalen-Lippe sei von einzelnen Ärzten ein Mangel berichtet worden. Die Apothekenverbände Nordrhein und Westfalen-Lippe meldeten ebenfalls Engpässe in jeweils wenigen Apotheken.

Im Saarland ist die Nachfrage größer als das Angebot. Wer hier in dieser Grippesaison noch nicht geimpft ist, geht nach Einschätzung der Apothekenkammer des Landes leer aus. Im Vergleich zum Vorjahr gebe es zwar keine Unterversorgung. „Wir haben jetzt ein Problem, weil die Nachfrage hoch ist und die Saison noch jung“, sagte der Geschäftsführer der Apothekerkammer, Carsten Wohlfeil. Die Impfdosen seien bereits den Patienten gegeben. „Alles, was jetzt kommt, wird nicht mehr geimpft.“

Auf dem Trockenen sitzt man in Rheinland-Pfalz. Viele Ärzte hatten für die aktuelle Saison keine Vakzine vorbestellt. Grund zur Sorge gibt es dem Apothekerverband in Mainz zufolge derzeit aber nicht. „Es ist eigentlich in jedem Jahr so, dass der Grippeimpfstoff irgendwann schlicht alle ist“, sagte ein Verbandssprecher auf Anfrage. Noch könne in Rheinland-Pfalz geimpft werden. Auch in Schleswig-Holstein und Hamburg wird der Impfstoff knapp.

Die Durchimpfungsrate sei jedoch in beiden Ländern bereits gut, sagte der Geschäftsführer des Apothekerverbandes Schleswig-Holstein sowie des Hamburger Apothekervereins, Thomas Friedrich. Der Vierfach-Impfstoff sei bereits seit Anfang September erhältlich – dies könne mit ein Grund dafür sein, dass er diese Saison früher zur Neige geht. „Wer jetzt noch kommt, kann noch Glück haben“, sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbands Schleswig-Holstein, Thomas Maurer. „Aber wenn die Vorräte aus sind, ist es vorbei.“

Probleme gibt es auch in Sachsen, denn die Impfstoffe sind nicht überall gleich verfügbar. Dem Ministerium wurde von regionalen Unterschieden berichtet. „Einige Ärzte haben keinen, andere wiederum haben Impfstoff“, sagt auch eine Sprecherin des Landesapothekerverbandes. Eine Umfrage zur Bestandsaufnahme laufe gerade. Nach ihrer Kenntnis können einige Großhändler bundesweit nicht mehr liefern.

In Berlin freut man sich hingegen über volle Kühlschränke. Die Behörden sehen ausreichend Nachschub, von Engpass keine Spur. Dies könne auf die Rahmenvereinbarung mit der AOK Nordost zurückgeführt werden. Seit 2011 organisiert die Kasse die Versorgung mit Grippe-Impfstoffen für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Apothekerverbänden.

Gut Lachen hat man auch im Südwesten, denn hier scheint die Versorgung gesichert. „Von einem massiven Mangel ist uns nichts bekannt“, teilte eine Sprecherin des Sozialministeriums in Stuttgart mit. Zwar habe es Meldungen gegeben, wonach in manchen Regionen Baden-Württembergs der Impfstoff vergriffen sei. Für ein größeres Gebiet gelte das bisher aber nicht.

Bundesweit hätten sich bislang 1300 Praxen beim Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gemeldet, die Impfstoff benötigten. In welchen Regionen größere Engpässe bestehen, werde noch geprüft. Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte angekündigt, Vorschriften für die Beschaffung des Grippeimpfstoffs angesichts regionaler Engpässe zu lockern – so können sich Praxen oder Apotheken auch untereinander aushelfen und dass aus anderen Ländern der Europäischen Union bezogene Impfstoffe in den Apotheken abgegeben werden. „Klar muss sein: Jeder, der will, muss sich gegen Grippe impfen lassen können“, sagte Spahn.

Bislang hat das PEI 15,7 Millionen Grippeimpfdosen für ganz Deutschland freigegeben und somit weniger als für die vergangenen Saison. Wegen der heftigen Influenza-Welle mit fast 2000 Toten im vergangenen Winter gebe es eine hohe Bereitschaft in der Bevölkerung, sich früh impfen zu lassen. „Die Patienten haben in diesem Jahr möglicherweise viel früher angefangen, sich impfen zu lassen“, sagte Susanne Stöcker vom PEI. „Ob sich auch insgesamt mehr Menschen impfen lassen oder die Impfungen nur früher stattfinden, können wir noch nicht wissen.“

Andere Experten verweisen auf den nun als Kassenleistung verfügbaren Vierfach-Impfstoff. Er gilt als wirksamer als derjenige mit drei Komponenten. Das Bundesgesundheitsministerium nennt als mögliche Ursachen für den Mangel neben einer höheren Nachfrage eine verspätete Bestellung von Impfstoffen durch Ärzte und Apotheker, zu große Vorräte in manchen Praxen und Apotheken sowie Direktverträge zwischen Krankenkassen und Apothekern.

Die Pharmakonzerne können für diese Saison keinen Grippe-Impfstoff mehr herstellen. Es dauere etwa sechs Monate, um einen üblichen Impfstoff auf Hühnereibasis zu produzieren, sagte eine Sanofi-Sprecherin. „Zur Zahl der Vorbestellungen packen wir eine gewisse Sicherheitsmarge drauf, aber wir können nicht für 80 Millionen Menschen produzieren.“