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Achtung Platzhirschwechsel Alexander Müller, 16.01.2016 07:59 Uhr

Berlin - 

In vielen Bundesländern beginnt demnächst die Schonfrist für Rot- und Damwild. Bis in den Frühsommer dürfen Kälber, Hirsche und Alttiere dann nicht mehr geschossen werden. Die Apotheke ist kein Wald: Alles in der Sichtwahl bleibt ganzjährig Freiwild. Kaum Platz für Platzhirsche.

Einer dieser Platzhirsche im Regal hinter dem HV-Tisch ist Sinupret. Ein besonders schönes Exemplar, mindestens ein Zwölfender, aus der Familie der Bionoricae. Sein Phyto-Revier konnte er über Jahrzehnte allein durchstreifen. Doch jetzt haben zwei Jäger aus Holzkirchen und Salzgitter ihren Jagdschein erhalten. Hexal und Schaper & Brümmer haben beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erreicht, dass Sinupret zum Abschuss freigegeben wurde.

Auf dem Bionorica-Hochsitz in Neumarkt bleibt man gelassen. Man habe das beste Sinupret aller Zeiten, ist Firmenchef Professor Dr. Michael Popp überzeugt. Äquivalente gebe es eben doch nicht, lediglich eine vereinfachte „traditionelle Registrierung“ mit anderer Indikationsstellung habe das BfArM dem Rest erteilt. Und das Ende 2012 eingeführte „Sinupret extract“ definiere ohnehin ein „komplett neues Niveau pflanzlicher Arzneimittel“. Mal sehen, ob er Recht behält, und die anderen wirklich „ins Leere laufen“. Der Wald ist ja immerhin ziemlich groß.

In einem anderen Revier begibt sich Stada auf die Pirsch. Weil der topische Einsatz von Antibiotika sich nicht durchgesetzt hat, bekommt Locabiosol Unterstützung. Mit Locatonsil soll irgendwann eine Halsschmerztablette auf den Markt kommen. Doch Reckitt Benckiser (RB) und Klosterfrau werden den Lebensraum für ihre Schützlinge Dobendan und Neo-Angin nicht freiwillig hergeben. Zumal bei Klosterfrau die Zügel übergeben wurden.

Ob es auch bei Phoenix zu einer Veränderung noch größerer Art kommt? Heimliche Verehrer warten im Stillen darauf, dass die Braut noch hübscher wird. Dann würden sie – so lauten die Gerüchte – vortreten und ihren Antrag machen. Ob man in Mannheim für derlei Avancen Interesse zeigt, ist allerdings fraglich. Das müsste schon eine sehr prachtvolle Hochzeitsfeier sein.

Konkurrent Celesio ist dagegen schon vergeben und mit McKesson liiert. Die Amis sind mit einem Umsatz von 180 Milliarden US-Dollar der allergrößte Pharmahändler der Welt. Aber Größe schützt vor Sorgen nicht. Jetzt musste der Konzern eine Gewinnwarnung herausgeben. Man sei nicht immun gegen die Auswirkungen der Konsolidierung innerhalb der Lieferkette, rechtfertigte sich Chef John Hammergren. Das klingt ziemlich logisch.

Probleme im Kleinen hat der Nachbarriese Walgreens Boots Alliance, beziehungsweise die Tochtergesellschaft Alliance Healthcare Deutschland, also eigentlich deren Tochterfirma CPL. Die wird nämlich aktuell nicht mehr vom Diätpulver-Hersteller Almased beliefert, weil mehr als einzelne Packungen bei Kaufland und Netto aufgetaucht waren – und zwar aus CPL-Chargen. Der Prewholesaler will nie einen Lebensmitteleinzelhändler beliefert haben und schiebt die Verantwortung weiter an belieferter Großhändler und Apotheker.

Es ist schon erstaunlich: Da haben dm, Rossmann, Kaufland und Netto die Regale voll mit Almased – und es soll nicht zu klären sein, wer dahinter steckt? Der Hersteller will die Apotheker versöhnlich stimmen: Jeder bekommt zwei Dosen Diätpulver geschenkt. Naja. Nur von einem Apotheker hat sich Almased getrennt, zumindest im Fernsehen: Rudolf Keil aus Grevenbroich wird nach 16 Jahren in der TV-Werbung nicht mehr benötigt.

Fernseh-, geradezu filmreif ist auch die Posse, die sich die ABDA mit ihrem Beinahesprecher Sven Winkler leistet. Weil der 2013 nach seiner Vorstellung im Internet angegangen wurde, verpasste er seinen ersten Arbeitstag bei der ABDA, und auch alle weiteren. Die Verursacherin hat der Verhinderte verklagt und in erster Instanz recht bekommen: Die Apothekerin soll ihm Schadensersatz zahlen. Die ABDA saß zwar mit im Zeugenstand, will sich vor Abschluss des Verfahrens aber nicht dazu äußern, ob sie gegebenenfalls bereit ist, finanziell etwas dazuzutun. An Schadenersatz scheint jedenfalls nicht viel gelegen zu sein.

Eine ähnlich merkwürdige Personalie gab es bei Gehe: Guido Raida, bislang Vertriebsleiter in Hamburg, hat den Großhändler verlassen. Auch er hatte einmal fast einen ersten Arbeitstag, nämlich bei der Noweda. Doch nach seinem ersten Abschied bei Gehe konnte er noch vor dem Wechsel zur Genossenschaft zurück in die Stuttgarter Familie geholt werden. Jetzt gab es offenbar Streit über einen Großkunden und Raida ist wieder weg. Bei der Sanacorp in Hannover steht ebenfalls ein Wechsel an.

Den Besitzer gewechselt hat die Versandapotheke Mediherz. Apotheker Dieter Hümmer hat sie an den Kollegen Karlheinz Ilius verkauft, vielleicht verkaufen müssen. Denn bereits Ende 2015 hat Hümmer seine riesige Center-Apotheke geschlossen. Das kleine Imperium in Unterfranken zerfällt.

Und noch eine Personalie, aber eine spekulierte: Professor Dr. Herbert Rebscher soll am Jahresende als König der DAK abdanken. Laut „FAZ“ soll der ehemalige saarländische Gesundheitsminister Andreas Storm (CDU) die Leitung in Hamburg übernehmen. Rebscher würde demnach nach zwölf Jahren an der Spitze der Kasse im Alter von 62 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand treten.

Auch wenn Rebscher mit seinen Einschätzungen zu Recht und Unrecht von Retaxationen glaesksche Sympathiewerte unter Apothekern eingefahren hat, heißt das nicht, dass der Retaxspuk damit 2016 automatisch endet. Ein Blick auf die neuen Zusatzbeiträge legt nahe, dass die DAK auf die gewohnten Einnahmen aus dem Formfehlergeschäft kaum verzichten kann, egal wer Vorstandsvorsitzender ist.

Aufs Stichwort kommt dann auch die nächste Retaxation, natürlich über Copaxone. Das Mittel war nicht lieferfähig, was der Großhändler auch gern bestätigte. Lieferunfähigkeitsbescheinigungen würden jedoch ausschließlich vom Hersteller akzeptiert, hieß es zur Begründung bei der Ablehnung des Einspruchs. Die betroffene PTA findet, dass die DAK damit gegen den Rahmenvertrag verstößt. AVWL-Geschäftsführer Dr. Sebastian Schwintek findet, die Großhändler dürfen die Apotheker nicht hängen lassen.

Die Apotheker übergangen hat die TK mit ihren neuen Verträgen über aufsaugende Inkontinenzversorgung. Bevor die Pharmazeuten die Verträge überhaupt kannten, hatten die Versicherten schon ein Schreiben mit den neuen Vertragspartnern erhalten. Nicht die feine englische Art. Die Barmer GEK hat dagegen ihre Inko-Ausschreibung gestoppt, weil die Hersteller recht offensichtlich Dumpingpreise geboten hatten. Die Kasse fürchtete um die Versorgung ihrer Versicherten und macht nun offene Verträge zu erträglichen Konditionen. So geht das.

Was bald nicht mehr geht, ist das Fax. Es wird einigen Apothekern in der Seele wehtun, aber 2018 macht die Telekom Schluss. Bis dahin werden alle analogen Telefonleitungen abgeschaltet, zugunsten von „Voice over IP“ (VoIP). Betroffen sind auch Alarmanlagen oder EC-Terminals. Der stolze Faxhirsch (Cervus Telefacsimilus) wird aber natürlich nicht komplett aus der Apotheke vertrieben. Er muss sich nur ein bisschen anpassen. Sein Wesen als gerichtsfester Empfänger von Abmahnungen bleibt unabkömmlich. Ein schönes Wochenende!