Börsenrückzug

Walgreens: Pessinas Deal nimmt Formen an Tobias Lau, 12.11.2019 14:36 Uhr

Berlin - Die Gerüchte über einen Rückzug des Apothekenkonzerns Walgreens Boots Alliance (WBA) von der Börse verdichten sich. Der Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg zufolge ist nun auch die Beteiligungsgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) mit einem Angebot zur Übernahme aller WBA-Aktien an den Konzern herangetreten. Sollte der von Konzernchef Stefano Pessina angestrebte Deal zustande kommen, wäre es der größte Buyout aller Zeiten.

Die Begeisterung der Investoren schien sich ersten Berichten zufolge in engen Grenzen gehalten zu haben. Umso überraschender, dass der mögliche Mega-Deal seiner Umsetzung nun offenbar einen bedeutenden Schritt nähergekommen ist. Wie Bloomberg unter Verweis auf mit der Sache betraute Personen berichtet, hat KKR bereits ein Angebot ausgearbeitet, das den Walgreens-Aktionären unterbreitet werden könne. Ob das letztlich zustande kommt, steht aber noch in den Sternen – schließlich wäre der Kapitalbedarf enorm. Auch über Details und Umfang des möglichen Angebots ist öffentlich noch nichts bekannt.

Es gebe noch keinerlei Gewissheit, dass das Geschäft umsetzbar sei, so die anonymen Quellen. „Es könnte möglich sein“, schätzte Stephen Schwarzmann, CEO der Beteiligungsgesellschaft Blackstone, bei einem Investorentalk der Nachrichtenagentur Reuters in New York. „Aber es ist ein riesiger Aufwand, Geschäfte über 50 Milliarden US-Dollar über die Bühne zu bringen.“ Denn das Geld dazu müsse aus Märkten kommen, auf denen Banken in den letzten Monaten bereits damit zu kämpfen hatten, Kapital für derartige Geschäfte aufzutreiben.

Walgreens hat derzeit einen Börsenwert von 55 Milliarden Dollar, hinzu kommen Schulden in Höhe von 16,8 Milliarden Dollar. Pessina ist selbst der größte Anteilseigner von WBA, er hält 16 Prozent der Aktien. KKR hatte seine Anteile vor ein paar Jahren abgegeben. Die Spekulationen um einen Kauf des Konzerns haben seine Wertpapiere erst einmal moderat in die Höhe geschickt. Sie rangieren an der US-Börse NASDAQ derzeit 5 Prozent im Plus, zwischenzeitlich ging es um 8 Prozent nach oben. Der bisher größte Buyout der Geschichte war der Kauf des US-Versorgungsunternehmens TXU im Jahr 2007 mit 45 Milliarden US-Dollar – ebenfalls durch KKR.

Vergangene Woche war bekannt geworden, dass Pessina den Auskauf von der Börse erwägt, um angesichts des wachsenden Drucks flexibler reagieren zu können. Die Umwandlung des Apothekenkonzerns in ein Privatunternehmen hätte vor allem den Vorteil, die Unternehmensführung von lästigen Rechenschaftspflichten gegenüber den Anlegern zu entbinden, die in Zeiten, in denen sich WBA – genau wie Konkurrent CVS – auf einen sich stark wandelnden Markt einstellen muss, als Bremse wahrgenommen werden. Beide Apothekenketten versuchen sich in den letzten Jahren durch Innovationen hervorzutun, reüssieren aber kaum beim Versuch, sich gegen die Online-Konkurrenz zu behaupten. Auch Pessinas harter Sparkurs konnte bisher keine spürbare Linderung verschaffen.

Anonymen Quellen zufolge haben Pessina und weitere Mitglieder der Konzernleitung in den vergangenen Monaten mehrere informelle Gespräche mit Vertretern von KKR geführt. Darüber hinaus habe Walgreens die die Investmentbank Evercore Partners damit beauftragt, auszuloten, wie so eine Transaktion durchführbar wäre. Weitere, nicht namentlich genannte Investoren seien ebenfalls damit beauftragt worden, zu prüfen, ob so ein Deal umsetzbar wäre – hätten das aber verneint.

Pessina und KKR haben schon einige Deals miteinander durchgezogen. So hatten sie 2007 gemeinsam Alliance Boots von der Börse genommen – gerade ein Jahr nach der Fusion des britisch-italienischen Pharmahändlers Alliance UniChem und der britischen Drogeriekette Boots. Die 12,4 Milliarden Britische Pfund schwere Übernahme war der bis dahin größte fremdfinanzierte Zukauf in Europa. Zuletzt hatten Walgreens und KKR gemeinsam die frisch fusionierten Heimversorger Pharmerica und Bright Spring übernommen.