ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

Das Comeback der Erna Ballerstädt Alexander Müller, 26.06.2021 07:59 Uhr

  • Erna Ballerstädt könnte doch noch zur ersten und einzigen E-Rezept-Kundin sein. Montage: APOTHEKE ADHOC

Berlin - Nur noch wenige Monate, dann wird Deutschland das elektronische Rezept einführen – auf einem achtbaren vorletzten Platz vor dem Auenland. Erst war von einer Modellregion die Rede, doch jetzt soll nur eine Testperson an das System der Gematik angeschlossen werden… Moment mal, das klingt aber sehr vertraut. Das liegt daran, dass die Realität die Satire überholt hat.

Im ApoRetrO vom 1. Mai habe ich Ihnen die Geschichte der Rentnerin Erna Ballerstädt erzählt, die die erste und vorerst einzige E-Rezept-Nutzerin werden sollte. Das sollte eigentlich eine satirische Überspitzung der Tatsache sein, dass E-Rezept nicht – wie von allen erwartet – im Juli bundesweit startet, sondern nur in der für Flughäfen bekannten Modellregion Berlin-Brandenburg. (Vielleicht hätte es mit dem BER auch besser geklappt, wenn sie erst mit einer Modelleisenbahn im Keller versucht hätten.)

Knapp zwei Monate später ist aus diesem Scherz bitterer Ernst geworden: Das E-Rezept soll zunächst quasi unter Laborbedingungen vorsichtig getestet werden. Eine Apotheke in Schöneberg wurde als Pionier ausgeguckt. Hier passt alles: Die Praxis ist im selben Haus und verfügt über die richtige Software, die Apotheke rechnet beim standeseigenen Rechenzentrum ab und ist schon Pilotprojekt-erfahren.

Sollte jetzt auch noch die seinerzeit von mir erdachte Erna Ballerstädt aus Berlin-Wilmersdorf als Testkundin vorgestellt werden, blieben nur zwei Möglichkeiten: Ich nenne mich ab sofort Kassandrer Müller und spiele meine seherischen Fähigkeiten im neuen Format ApoAstrO aus. Oder: Unser Satire-Format ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung geworden, was sehr verführerisch wäre und sehr belastend.

Warten wir ab, was in der kommenden Woche passiert, wenn das Mini-Modellprojekt startet. Die Nervosität bei den Beteiligten ist deutlich spürbar. Zumal auch die Gematik-App alles andere als richtig bereit wirkt. Ich wage mal eine Vorhersage: Im Januar 2022 werden mehr rosa Papierrezepte eingelöst als E-Rezepte. Dass die notorisch schreckhafte Börse das ebenfalls schon antizipiert und die gelisteten Versender abstraft, ist nicht mehr als ein weiteres Indiz.

Der größte Stolperstein für den weiteren Prozess der Einführung scheint mal wieder die Software der Ärzteschaft zu sein. Aber die Kolleg:innen in weiß haben ja auch derzeit genug damit zu tun, zu impfen und sich über die Apotheker:innen zu ärgern, nur weil die schon Impfzertifikate ausstellen können. Der Zorn wird so blind, dass eine praktizierende Hausärztin ihren Berufsverband sogar dem der Apotheker:innen als unterlegen wähnt.

Man darf sie trösten: So richtig viel Spaß hatten die Apotheken bislang mit den Zertifikaten auch nicht. Abstürze gibt es immer wieder, der Zähler wird zurückgesetzt und das Portal stellt fehlerhafte Zertifikate aus. Manchmal reicht sogar eine Unklarheit beim Namen und man ist raus aus dem QR-Code-Spiel. Manche Apotheken verschicken das digitale Impfzertifikat inzwischen per Post (sic!) und andere können nicht einmal mehr das, weil das Portal sie rausgeschmissen hat.

Immerhin die Sache mit den Dollarzeichen hat sich schnell aufgeklärt. Aber dass die Apotheken diese sprichwörtlich in den Augen hätten und „kassieren, ohne einen Finger krumm zumachen“, das ist nun wirklich ein gemeiner Vorwurf. Der angeblich so machtvolle Berufsverband hat vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) im Gegenteil auf die Finger bekommen, weil Nicht-Mitglieder ausgeschlossen werden sollen.

Ob die Praxen jetzt noch unterstützend einsteigen, ist zu bezweifeln, nachdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Vergütung senkt. Dies vorherzusagen, dazu bedurfte es allerdings nicht des Zweiten Gesichts. Es reicht, wenn man Spahns wahres Gesicht kennt: Er ködert Leistungserbringer mit einem Honorar und kürzt es später zusammen. War bei den Masken so und bei den Teststellen. Die werden demnächst auch intensiver kontrolliert und müssen die Daten ans RKI übermitteln.

Wer sich mehr für das Thema interessiert, dem sei hiermit unser neuer Podcast NUR MAL SO ZUM WISSEN warm empfohlen. Mit ADHOC-Herausgeber Thomas Bellartz erörtere ich in der aktuellen Episode die Frage, warum die Arbeit der Apotheker:innen nichts wert ist. Kommt immer donnerstags und kann sogar als Video abonniert werden.

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