Internetkriminalität

Darknet-Razzia: Drogen und Arzneien beschlagnahmt Lothar Klein, 29.02.2016 13:00 Uhr

Berlin - 

Lange haben die Ermittler das Darknet in Ruhe gelassen – in der vergangenen Woche haben sie europaweit zugeschlagen: Das Bundeskriminalamt (BKA) und die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main haben mehrere illegale Handelsplattformen und deren Internet-Seiten lahmgelegt. 69 Wohnungen wurden durchsucht. Es gab neun Festnahmen. Es ging um Waffen, gefälschte Pässe, Drogen und Arzneimittel.

Die Razzia richtete sich gegen die mutmaßlichen Betreiber und Nutzer verschiedener deutschsprachiger Darknet-Foren, über die illegale Güter wie Waffen, Betäubungsmittel wie Heroin, Kokain, Cannabis, Amphetamine, Ecstasy, Falschgeld, gefälschte amtliche Ausweise, ausgespähte Kreditkarten- und Online-Banking-Daten sowie „gehackte“ Zugänge zu verschiedenen Internetdiensten gehandelt wurden. Darüber hinaus umfasste die Angebotspalette auch kriminelle Dienstleistungen, beispielsweise die Infektion von Computern mit Viren oder DDoS-Attacken, Anleitungen zur Begehung von Straftaten („Tutorials“) und illegale Streaming-Dienste.

In Niedersachsen wurde nach BKA-Angaben am 23. Februar ein 22-jähriger deutscher Staatsangehöriger festgenommen, der dringend verdächtig ist, in der Zeit von März 2014 bis Dezember 2015 im Darknet mit Betäubungsmitteln unerlaubt Handel getrieben zu haben. Der Beschuldigte soll Kokain, Cannabis, Amphetamine und Ecstasy-Tabletten an verschiedene Abnehmer verkauft haben. An diesen Betäubungsmittelgeschäfte soll seit Oktober 2015 auch ein 19-jähriger syrischer Staatsangehöriger aus Niedersachsen beteiligt gewesen sein, der dringend verdächtig ist, Amphetamin selbst hergestellt zu haben.

Bei der Durchsuchung der Wohnung des syrischen Tatverdächtigen sowie seines 28-jährigen Bruders konnten 36 kg Amphetamin, 1,5 kg Kokain, 2 kg Haschisch und 2,3 kg Ecstasy sichergestellt werden. Die Betäubungsmittel besitzen einen Straßenverkaufswert von circa einer Viertelmillion Euro. Die beiden syrischen Tatverdächtigen wurden festgenommen und befinden sich, ebenso wie ihr mutmaßlicher deutscher Komplize, in Untersuchungshaft.

Mutmaßlicher Hauptbetreiber von insgesamt drei Darknet-Foren ist ein 27-jähriger bosnischer Staatsangehöriger, der seit Oktober 2012 als Head-Administrator die Schlüsselrolle bei der technischen Verwaltung der Darknet-Infrastruktur spielen soll. Zudem soll er mehrere hundert illegale Geschäfte auf den von ihm betriebenen Foren als sogenannter „Treuhänder“ abgesichert haben, indem er die Bezahlung an den jeweiligen Verkäufer überwies, nachdem der Käufer den Erhalt der Ware bestätigt hatte. Der Beschuldigte wurde vergangenen Mittwoch in Bosnien-Herzegowina in Anwesenheit von Beamten des BKA festgenommen und befindet sich derzeit in Untersuchungshaft.

Im Zuge der Razzia wurden zwei weitere mutmaßliche Betreiber Darknet-Foren, ein 21-jähriger deutscher Staatsangehöriger aus dem Münsterland und ein 29-jähriger deutscher Staatsangehöriger aus Niedersachsen festgenommen. Der 21-jährige soll – neben seiner Tätigkeit als technischer Administrator – seit 2012 auch eine illegale Streaming-Plattform betrieben haben, über die er Zugänge zu kostenpflichtigen Sportsendungen- und Filmen angeboten haben soll. Gegen die beiden Beschuldigten wurde ebenfalls Haftbefehl erlassen. Sie befinden sich in Untersuchungshaft.

Bei der Razzia wurde umfangreiches Beweismaterial sichergestellt, insbesondere zahlreiche PCs und Speichermedien sowie eine Schusswaffe. Außerdem beschlagnahmten die Ermittler Bargeld und Vermögenswerte in Höhe von 150.000 Euro sowie zwei Bitcoin-Tresore. Weiterhin ist es dem BKA gelungen, mehrere Server in Frankreich, den Niederlanden, Litauen und Russland, auf denen kriminelle Online-Marktplätze betrieben wurden, zu beschlagnahmen.

Das Darknet operiert über einen Server in den USA, der Daten über Frankreich durch drei nicht genannte Länder schickt. Dann ist es soweit: Anwender stehen vor dem virtuellen Eingang eines Online-Schwarzmarktes namens AlphaBay. Das Einwählen dauert ungefähr vier Minuten; die Strecke, die die IP-Adresse zurückgelegt hat, ist nicht mehr nachvollziehbar – die Spuren sind verwischt.

Was man hier kaufen kann, soll möglichst im Verborgenen bleiben. Hacker können verbotene Software für Cyberangriffe anbieten; Personen, die sich schützen möchten, wählen den Taser-Adapter für ihr Mobiltelefon. Ein Ratgeber erklärt, wie man von einem fremden PayPal Konto unbemerkt Geld abzieht. Im rechtsfreien Einkaufsmarkt gibt es aber auch Regeln: Kinderpornographie und Auftragsmord sind strikt verboten.

AlphaBay bietet eine große Produktpalette. Mehr als 50.000 Einträge verzeichnet der Anbieter, am häufigsten gibt es Arzneimittel aus den Klassen der Benzodiazepine, Steroide und Opioide. Die Darreichungsform ist frei wählbar: Feste Oralia, vorab gemörserte Pulver oder Injektionslösungen können in den virtuellen Warenkorb gelegt werden.

Bei den Benzodiazepinen findet man Angebote zu den klassischen, alten Substanzen wie Diazepam oder Midazolam. Hoch im Kurs sind allerdings auch die „Vergewaltigungsdrogen“ GHB und Flunitrazepam. Kundenbewertungen erleichtern die Auswahl des Verkäufers. Wählt ein Interessent dann zehn Milliliter der K.O.-Droge aus, muss er nicht per Lastschrift oder Kreditkarte bezahlen. User arbeiten auf den Krypto-Märkten mit einer eigenen Währung: Bitcoins.

Diese Währung ist sicher, sie kann nicht zurückverfolgt werden. Zur Übersicht sind auch US-Dollar Preise angegeben. Das ausgewählte Flunitrazepam würde den Einkäufer 40 Dollar kosten, Versand inklusive. Verschiedene Verkäufer lenken die Aufmerksamkeit auf sich – denn sie können sicher und verborgen nach Deutschland liefern.

Bereits im vergangenen Juni gingen Fahnder unter der Koordination von Interpol gegen den Handel mit illegalen Arzneimitteln vor. Mit im Boot waren damals die Weltzollorganisation (WZO), Europol, die Pharmaindustrie sowie internationale Zahlungs- und Zustelldienstleister. Das Ergebnis: 20,7 Millionen beschlagnahmte Packungen, 2414 abgeschaltete Websites und 156 Festnahmen.