Definierte Red Flags

Neue Leitlinie „Rückenschmerzen bei Kindern“ Alexandra Negt, 28.01.2022 09:39 Uhr

Kinder mit Rückenschmerzen können nun nach Leitlinie behandelt werden. Foto: New Africa/Shutterstock.com
Berlin - 

Bisher konnten Ärzt:innen bei der Behandlung von Patient:innen mit Rückenschmerzen nur auf Leitlinien für Erwachsene zurückgreifen. Nun wurde erstmals eine S3-Leitlinie zur Behandlung von Kindern mit Rückenschmerzen veröffentlicht. Behandler:innen sollten vor allem auf sogenannte „Red Flags“ achten. Bei der Beratung der Eltern sollten Apotheker:innen und PTA ausdrücklich auf die Grenzen der Selbstmedikation und die jeweils geltenden Altersgrenzen der einzelnen Präparate hinweisen.

Immer öfter klagen auch Kinder über Rückenschmerzen. Nicht immer ist allein der schwere Schulrucksack oder ausschließlich das lange Sitzen der Auslöser für Schmerzen im Lenden- oder Brustwirbelbereich. Der Fokus der nun erschienenen neuen Leitlinie „Rückenschmerzen bei Kindern“ liegt vor allem auf allgemeinen Risikofaktoren und sogenannten „Red Flags“ – also diagnostischen Warnzeichen.

Zahlreiche Ursachen

Rückenschmerzen können auch bereits bei Kindern durch strukturelle Erkrankungen der Wirbelsäule auftreten. Häufig klagen Kinder auch aufgrund von Traumata wie Prellungen oder Zerrungen über Rückenschmerzen. Bei der Anamnese sollte nicht vergessen werden, dass auch Infektionserkrankungen, neurologische und chronisch-entzündliche Erkrankungen und auch Krebserkrankungen zu Rückenschmerzen führen können. Auf jeden Fall sollten Eltern ihre Kinder ernst nehmen und bei anhaltenden Beschwerden einen Arzt/eine Ärztin aufsuchen.

Zu den definierten Red Flags (Warnzeichen) für spezifische Rückenschmerzen gehören laut Leitlinie:

  • Alter: unter 10 Jahren
  • Traumata, Rückenschmerzen die im Zusammenhang mit sportlicher Aktivität stehen
  • Glucocorticoid-Therapie
  • Bestimmte Vor- und Begleiterkrankungen
  • Radialer Schmerz (Reizung einer Nervenwurzel)
  • Motorische oder sensible Störungen der Extremitäten
  • Blasen- oder Mastdarm-Sphinkter-Störungen
  • Fieber
  • Lokale Schwellungen, Lymphknotenvergrößerungen
  • Äußerlich erkennbare strukturelle Veränderungen der Wirbelsäule
  • Hypermobilität der Gelenke
  • Stauchungs- oder lokaler Druckschmerz
  • Kopf- Thorax-, Flanken, oder Bauchschmerz
  • Gelenkschmerzen und anhaltende Muskelschmerzen

Bei vorliegenden Warnzeichen sollten bildgebende Verfahren zur weiterführenden Diagnostik eingeleitet werden. Ob nun eine Röntgenuntersuchung oder eine Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) durchgeführt wird, hängt unter anderem von der Lokalisation des Schmerzes ab.

Eltern, die aufgrund der Rückenschmerzen ihres Kindes, Rat in der Apotheke suchen sollten auf diese Warnzeichen hingewiesen werden. Für eine analgetische Behandlung der Kinder ist das Alter entscheidend. So darf Aspirin aufgrund der Gefahr des Reye-Syndroms nicht bei Kindern unter 12 Jahren angewendet werden. Auch Kinder, die unter Asthma oder anderen chronischen Atembeschwerden leiden, sollten auf ASS verzichten. Bei den meisten Schmerzen, die den Bewegungsapparat betreffen, zeigt Ibuprofen eine bessere Wirksamkeit als Paracetamol, sodass Ibuprofen im OTC-Bereich das Mittel der Wahl zur Behandlung von Rückenschmerzen bei Kindern sein sollte. Ibuprofen wird dabei nach dem Gewicht des Kindes dosiert. Die Einnahme sollte im Bereich der Selbstmedikation nur kurzzeitig erfolgen. Eltern können zwischen zahlreichen Darreichungsformen wählen. Neben den klassischen Tabletten stehen auch Schmelztabletten, Säfte und Zäpfchen zur Verfügung.

Achtung bei Voltaren & Co.

Bei leichten Schmerzen greifen viele Eltern schnell zu Ibuprofen- oder Diclofenac-haltigen Gelen oder Cremes. Dabei dürfen viele Präparate erst ab 14 Jahren (Voltaren, Dolgit) angewendet werden. Auch viele pflanzliche Alternativen dürfen erst ab 6 (Traumaplant) oder 8 Jahren (Kytta) angewendet werden. Wichtig: Die Hände sollten nach der Anwendung zunächst mit Tüchern abgewischt und dann mit Wasser und Seife gereinigt werden. Die behandelte Hautstelle kann, falls nötig, mit Kompressen oder einem leichten Mullverband abgedeckt werden.

Auch nicht-medikamentöse Therapien können Linderung verschaffen. Wie auch bei Erwachsenen sollte Übergewicht reduziert werden. Ausreichende Bewegung sollte in den Alltag integriert werden. Eine Ernährungsberatung kann für die Eltern eine wahre Unterstützung sein. Natürlich kann auch Kindern Physiotherapie verschrieben werden. Gezielter Muskelaufbau kann auch bei Kindern die Beschwerden lindern. Bei ausbleibenden Erfolgen sollte auch eine psychotherapeutische Behandlung in Betracht gezogen werden.