Expopharm

Unterm Schleier: Becker enthüllt digitale Rezeptsammelstelle Lothar Klein, 17.08.2017 13:02 Uhr

Berlin - 

Normalerweise werden Statuen und wertvolle Bilder in einer festlichen Zeremonie enthüllt. Jetzt will der Apothekerverband Baden-Württemberg auf der Expopharm sein gut gehütetes Geheimnis präsentieren. Dort soll die digitale Rezeptsammelstelle der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Bis es so weit ist, soll die Spannung noch weiter steigen. Am ersten Tag der Expopharm wird die neue Technik noch unter einem Tuch verhüllt präsentiert. Erst am Donnerstag wird der Schleier gelüftet.

Als Antwort auf das Hüffenhardter Modell der niederländischen Versandapotheke DocMorris will Fritz Becker, Chef des LAV-Baden-Württemberg, die Neuentwicklung seines Verbandes nicht verstanden wissen. Trotzdem werden alle Betrachter genau auf die Unterschiede achten. „Das ist etwas anderes. Die digitale Rezeptsammelstelle arbeitet nicht mit einem Abgabeautomaten“, sagte Becker gegenüber APOTHEKE ADHOC. Es gehe zunächst nur um die digitale Übertragung des Rezeptes an die Apotheke. Die Abgabe erfolge wie bisher persönlich durch das pharmazeutische Personal. Becker: „Da geht alles seinen ordentlichen Weg nach den bestehenden Regeln.“

Die Apotheke benötige eine Genehmigung für eine Rezeptsammelstelle und liefere die Arzneimittel direkt an die Patienten aus. Das digital übermittelte Rezept werde in der Apotheke überprüft. Die Versorgung des Patienten erfolge also wie bisher. „Wir sind doch nicht die ewig Gestrigen“, hatte Becker beim DAV-Wirtschaftsforum im Mai auf die anstehende Innovation hingewiesen. Er ist auch Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands (DAV).

Der digitale Rezeptbriefkasten soll nur als Einbahnstraße funktionieren: Vor den normalen Briefkastenschlitz soll ein Rezeptscanner vorgeschaltet werden. Dieser scannt das Rezept, bevor es in den Briefkasten fällt. Das Image wird dann digital an die Apotheke übermittelt, die die Rezeptsammelstelle betreibt. Der Apotheker kann so die Bestellung vorbereiten.

Dazu müssen die Rezeptbriefkästen an das Stromnetz angeschlossen und mit einer Internetverbindung versehenen werden. Welche Kosten dafür entstehen, ist noch nicht bekannt. Auch nicht, wie die so aufgerüsteten Briefkästen gegen Vandalismus gesichert werden können und wer notwendige Wartungs- und Reparaturkosten übernimmt. Der Vorteil für die betreibenden Apotheker liegt aber auf der Hand. Ein Fahrweg wird eingespart. Bislang mussten die Rezepte zuerst eingesammelt werden. Jetzt wird die digitale Rezeptsammelstelle einfach vor der Auslieferung an die Patienten geleert. Damit liegt das Originalrezept vor der Abgabe des Arzneimittels vor. Der Apotheker spart auf diese Weise die Hälfte der Fahrtkosten.

Aber es gibt ein Problem: Mit der digitalen Rezeptübermittlung entfällt womöglich der persönliche Kontakt des Apothekers zum Patienten und die persönliche Kontrolle des vorliegenden Rezeptes durch den verantwortlichen Apotheker. Das Problem ist Becker bewusst: „Die Abgabe an den Patienten erfolgt durch das pharmazeutische Personal. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Apotheker nach Feierabend ihre Rezepte sogar persönlich ausfahren. Das ist ja bei den jetzigen Rezeptsammelstellen schon heute oft so. Ich kenne einige Kollegen, die das auch heute schon persönlich machen“, sagte der LAV-Chef.

Man brauche DocMorris nicht als Anstoß für gute Ideen, sieht Becker keinen Zusammenhang zu Hüffenhardt. Baden-Württemberg sei bekanntermaßen ein „sehr innovatives Land“: „Wir schauen uns seit Langem die Entwicklungen und Chancen der Digitalisierung für die Apotheken an.“ Im September soll laut bisherigen Aussagen des LAV die erste digitale Rezeptsammelstelle in Betrieb gehen. Derzeit gibt es in Baden-Württemberg 100 Rezeptsammelstellen.