Thüringen

Positionspapier gegen Verblisterung APOTHEKE ADHOC, 06.08.2014 14:34 Uhr

Argumente gegen Verblistern: Thüringens Ärzte und Apotheker sehen Probleme bei der Therapiefreiheit des Arztes, bei der Arzneimittelsicherheit sowie bei der Therapietreue. Foto: Elke Hinkelbein
Berlin - 

Nicht nur in Brandenburg, sondern auch in Thüringen sehen Ärzte und Apotheker die Verblisterung kritisch. So werde die Therapiefreiheit des verordnenden Arztes eingeschränkt, da eine sofortige oder kurzfristige Umstellung der Arzneimitteltherapie nur eingeschränkt möglich sei. Das schreiben Apothekerkammer und -verband sowie Kassenärztliche Vereinigung und Landesärztekammer in einem gemeinsamen Positionspapier. Auch Arzneimittelsicherheit und Therapietreue seien in Gefahr.

Wie in anderen Bundesländern hat die Verblisterung in Thüringen vor allem in der Heimversorgung zugenommen. Die Heilberufler weisen darauf hin, dass bei der Behandlung von Patienten immer wieder kurzfristige Therapieänderungen notwendig werden, etwa infolge akuter Erkrankungen oder wegen Komplikationen. Wenn man deswegen den gesamten Blister wegwerfen und neu herstellen müsse, werde dies unter Umständen aus Kostenträgersicht unwirtschaftlich. Das könne Regressforderungen und Prüfanträge für den Vertragsarzt nach sich ziehen. Die Medikamente in dem vorgefertigten Blister erst aufzubrauchen, verbiete sich aus dagegen aus Gründen der Patientensicherheit.

Ärzte und Apotheker kritisieren auch, dass sich die Arzneimittelversorgung für Patienten durch Neuverblisterung verschlechtern könnte: Es entstehe die Tendenz, besser geeignete Darreichungsformen, wie etwa Säfte für Patienten mit Schluckbeschwerden, durch andere zu ersetzen, weil sie nicht neuverblistert werden könnten. Das könne auch bei Pflastern, Zäpfchen, Brause- oder Schmelztabletten der Fall sein.

Auch bei geteilten Tabletten gebe es ein Problem: Diese dürften nicht verblistert werden. Das Teilen von Tabletten bleibe aber weiterhin notwendig, wenn zum Beispiel die individuelle Dosierung nicht als Fertigarzneimittel verfügbar oder eine ein- oder ausschleichende Dosierung notwendig sei.

In dem Papier wird zudem gefordert, dass bei der Verblisterung der Einsatz von rabattvertraglich vorgesehenen Arzneimitteln für Arzt und Apotheker nachweislich gesichert werde. Derzeit sei eine Überprüfung für den verordnenden Arzt im Rahmen der Heimversorgung oft nicht möglich, da die von ihm verordneten Fertigarzneimittelpackungen nicht im Heim gelagert würden.

Eine verbesserte Arzneimittelsicherheit sehen die Ärzte und Apotheker durch die Neuverblisterung nicht: Es sei eher ein gegenläufiger Trend zu befürchten, denn alle zukünftig vorgesehenen Sicherheitsmerkmale der verwendeten Medikamente auf den neu erstellten Blister zu übertragen, sei kaum realistisch. Erfolge die Neuverblisterung im industriellen Maßstab durch ein externes Blisterzentrum, entfalle auch die Sichtkontrolle der Originalpackung durch den anfordernden, heimversorgenden Apotheker vor Ort.

Zudem gebe es im Hinblick auf die Arzneimittelsicherheit ungeklärte Qualitätsprobleme beim Verblistern. So sei nicht gesichert, dass durch Abrieb an Pillen in einem Blisterbehältnis keine klinisch-relevanten Kreuzkontaminationen auftreten könnten. Dazu gebe es derzeit keine Untersuchungen im eigentlich notwendigen Maßstab.

Auch sei zu befürchten, dass sich die Compliance durch Verblisterung verschlechtere, weil die arzneimittelbezogene Kompetenz der verabreichenden Pfleger abnehme, wenn das manuelle Stellen wegfalle. „Damit ist das Pflegepersonal kaum noch in der Lage, arzneimittelbezogene Fragen des Patienten zu beantworten und Einnahmevorbehalte zu entkräften“, heißt es.

Insgesamt wollen Thüringens Ärzte und Apotheker diese Probleme durch regelmäßige Kommunikation miteinander lösen. Dies sei die Basis für eine optimale Patientenversorgung. Eine vielversprechende Möglichkeit stelle die strukturierte Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker im Rahmen eines Medikationsmanagements dar, ohne das der Patient dabei in seiner freien Arzt- und Apothekenwahl eingeschränkt werde.

Ebenfalls vielversprechend für die Verbesserung der Zusammenarbeit sei das Medikationsmanagement, das im Rahmen des von beiden Berufsgruppen angestrebten Pilotprojektes mit Unterstützung der AOK Plus in den kommenden Jahren in Thüringen etabliert werde.