Nach Studienabbruch: Comeback für Aducanumab

Zulassungsantrag: Antikörper gegen Alzheimer Cynthia Möthrath, 21.11.2019 13:44 Uhr

  • Hoffnung bei Biogen: Nach dem Abbruch der beiden Phase-III-Studien im März, gibt es nun doch positive Daten für Aducanumab. Foto: Biogen

Berlin - Zwei Studien des Hoffnungsträgers Aducanumab wurden von Biogen in der Vergangenheit bereits abgebrochen. Weitere Analysen zeigten nun doch positive Ergebnisse bei der Behandlung von Alzheimer-Patienten. Biogen und Eisai wollen nun einen Zulassungsantrag bei der US-Arzneimittelbehörde FDA einreichen – der Antikörper wäre die erste zugelassene Therapie in dieser Indikation.

Im März hatte Biogen die weltweiten Phase-III-Studien „Engage“ und „Emerge“ zu Aducanumab vorzeitig beendet. Die Studien sollten Wirksamkeit und Sicherheit des monoklonalen Antikörpers bei Patienten in einem frühen Stadium der Alzheimer-Krankheit untersuchen. Die bis zu dem Zeitpunkt erhobenen Daten deuteten jedoch darauf hin, dass der primäre Endpunkt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht erreicht wird. Dieser umfasste die Wirksamkeit von Aducanumab bezüglich der Verlangsamung des kognitiven und funktionellen Abbaus bei einer Alzheimer-Erkrankung. Gemessen wurde dies anhand des „Clinical Dementia Rating-Sum of Boxes“ (CDR-SB)-Score. Das vermeintliche Aus von Aducanumab wurde als großer Rückschritt für die Alzheimer-Therapie gesehen.

Nach dem Abbruch der Studien führte Biogen in Rücksprache mit der FDA weitere Analysen durch. Im Zuge dessen wurde ein größerer Datensatz analysiert: Grundlage waren die Daten der knapp 1750 Patienten, die bis zum 26. Dezember 2018 den 18-monatigen Studienzeitraum abgeschlossen hatten. Neuere Analysen bezogen die Daten aller Teilnehmer ein, von denen insgesamt gut 2000 die Studie abschließen konnten. Die Auswertungen konnten schließlich zeigen, dass Aducanumab pharmakologisch und klinisch wirksam ist.

So wurden dosisabhängige Effekte bei der Reduzierung von Amyloid-Ablagerungen verzeichnet und die klinische Verschlechterung der Patienten ebenfalls reduziert. Teilnehmer, die mit Aducanumab behandelt wurden, zeigten beispielsweise eine signifikante Verbesserung von Funktionsmessungen in Bezug auf Gedächtnis, Orientierung und Sprache. Zudem zeigten sich positive Effekte auf die Alltagsaktivitäten.

Aducanumab stammt aus B-Zellen von gesunden älteren Patienten ohne kognitive Beeinträchtigungen oder kognitiv beeinträchtigten älteren Patienten mit einer ungewöhnlich langsamen Abnahme der entsprechenden Fähigkeiten. Der Wirkstoff ist eine Entwicklung von Biogen und Eisai. Aducanumab bindet lösliche Oligomere und Ablagerungen von fibrillärem Amyloid-β mit hoher ZNS-Penetration. Einige Experten sehen in den Eiweiß-Ablagerungen die Hauptursache für die Alzheimer-Erkrankung, da sie neurodegenerativ wirken, Entzündungsreaktionen auslösen und letztlich die Signalübertragung im Gehirn behindern.

Aufgrund der neuen Erkenntnisse plant Biogen nun doch eine Zulassung: Der Antrag bei der FDA soll bereits Anfang 2020 eingereicht werden. Außerdem werde der Dialog mit anderen Aufsichtsbehörden, darunter Europa und Japan, fortgesetzt. Aducanumab wäre die erste verfügbare Alzheimer-Therapie: Bislang gibt es noch kein Arzneimittel, das die Krankheit heilen kann. In der Therapie kommen beispielsweise Acetylcholinesterase-Hemmer zum Einsatz, die den Abbau von Acetylcholin an der Synapse verzögert. Der Transmitter sorgt für die Signalübertragung an der Nervenzelle. Außerdem kann der NMDA-Antagonist Memantin die Nervenzellen vor einem übermäßigen Einstrom des Neurotransmitters schützen. Eine Überbelastung soll zu einem Absterben der Nervenzellen führen. Weiterhin können Ginkgo-Präparate in der Behandlung der Alzheimer-Krankheit verwendet werden.

Im Bereich Alzheimer wird vielseitig geforscht: So hat das Biotech-Unternehmen Axon Neuroscience im Oktober neue Ergebnisse der Phase-II-Studie für „AADvac1“ bekanntgegeben – den ersten Impfstoff seiner Klasse, der das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit verlangsamen soll. Axon untersuchte in der Phase-II-Studie „Adamant“ AADvac1 an 196 Patienten in acht europäischen Ländern über einen Zeitraum von 24 Monaten, um die krankheitsmodifizierende Wirkung des Impfstoffs zu belegen und die Gestaltung zukünftiger Bestätigungsstudien zu unterstützen.

Ergebnisse der Studie zeigen, dass AADvac1 sich als sicher und gut verträglich erwiesen hat: Es gab keine Unterschiede in der Häufigkeit und Art von unerwünschten Ereignissen zwischen den mit dem Impfstoff behandelten Gruppen und den Placebo-Gruppen. Bereits in früheren klinischen Studien wurde das allgemeine gute Sicherheitsprofil von AADvac1 nachgewiesen. Der Impfstoff nutzt das Immunsystem des Körpers, um spezifische Antikörper gegen „ungesundes Tau“ zu produzieren.

Die Behandlung erwies sich als hochwirksam: 98,2 Prozent der Patienten erzeugten Antikörper gegen pathologisches Tau. Tau-Proteine spielen eine wichtige Rolle für die gesunde, normale Funktion eines Gehirns. Alzheimer beginnt, wenn normale Tau-Proteine durch Trunkation pathologisch werden: Struktur und Funktion werden verändert. Die ungesunden Tau-Proteine binden sich aneinander und es entstehen Verklumpungen, die sich im Gehirn ausbreiten und die Krankheit verursachen. Die Verteilung dieser Klumpen zeigt eine starke Korrelation mit klinischen Symptomen bei Patienten.

Der neuartige Impfstoff unterscheidet sich von anderen tau-basierten Forschungsergebnissen dadurch, dass er sowohl die Bildung von „ungesunden" Tauklumpen als auch die Ausbreitung der bereits gebildeten Klumpen bekämpft. Andere Forschungsansätze beschäftigten sich bisher in erster Linie nur mit der Bekämpfung der bereits entstandenen Verklumpungen. Die Studien zeigten, dass AADvac1 zudem zwischen normalem und ungesundem Tau unterscheiden kann: Dadurch wird sichergestellt, dass nur das schädliche Tau gezielt angegriffen wird. Der Impfstoff soll die Alzheimer-Krankheit auch in ihren präsymptomatischen Stadien bekämpfen können, die bereits 10 bis 20 Jahre vor dem Auftreten der ersten klinischen Symptome beginnen.