Welt-AIDS-Tag

HIV-Selbsttests und PrEP: Viele Fragen – viel Beratung Alexandra Negt, 02.12.2019 07:59 Uhr

  • Eine HIV-Beratung kann umfangreich sein – PrEP und HIV-Selbsttests sind nur zwei mögliche Themen. Foto: Elke Hinkelbein

Berlin - Seit knapp drei Monaten gehört die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) zum Leistungskatalog der Krankenkassen. Apotheken sollten bei Vorlage einer Verodnung abklären, ob es sich um eine therapeutische oder prophylaktische Verordnung handelt. HIV-Selbsttests für die Durchführung zuhause sind seit etwas mehr als einem Jahr erhältlich – die Beurteilung der neuen Diagnose unter den Apothekern fällt unterschiedlich aus. 

Ein Beratungsthema mit oftmals vielen Fragen seitens der Kunden ist die PrEP: Die Vorsorgemöglichkeit richtet sich an HIV-Negative mit erhöhtem Risiko, um sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen. Die Therapie wird nur von Ärzten mit ausreichenden Kentnissen innerhalb der HIV-Prophylaxe verschrieben. Die Medikamente und zugehörigen Untersuchungen werden von der Krankenkasse erstattet. Normalerweise wird eine tägliche Einnahme empfohlen, es gibt aber auch Therapieschemata, die eine Einnahme vor und nach dem Geschlechtsverkehr vorsehen. Unter der Einnahme müssen regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Arzt erfolgen – die Nierenfunktionsleistung kann sich unter der Einnahme ändern.

Die Medikation ist eine Kombination der Wirkstoffe Tenofovir und Emtricitabin. Die Wirkstoffe verteilen sich bei regelmäßiger Einnahme im Körper. Wenn das Virus bei einer möglichen Infektion in die Zellen der Schleimhäute (Vagina oder Darm) eindringt, kann er sich bei ausreichend hoher Wirkstoffkombination nicht vermehren – es kommt zu keiner Ansteckung. Nach Absetzen der Medikamente kann eine Schutzwirkung bereits nach kurzer Zeit nicht mehr gewährleistet werden. Gegen andere sexuell übertragbare Krankheiten ist die Medikation unwirksam.

Seitdem die Prophylaxe Inhalt der Bundesmantelverträge ist, dürfen Verordnungen zu Lasten der Krankenkassen nur noch von speziell geschulten Ärzten ausgestellt werden. Laut dem Kölner Apotheker Erik Tenberken sei die Anzahl an fehlerhaften PrEP-Verordnungen durch die neu vorgeschriebenen Fortbildungen stark zurückgegangen, er freut sich über diese positive Entwicklung.

Tenberken gehörte zu den ersten Apothekern in Deutschland, die sich für kostengünstigere Prophylaxe-Alternativen einsetzten. Bevor Truvada generisch wurde, beliefen sich die monatlichen Kosten auf 800 Euro, die vom Kunden privat zu zahlen waren. Der Apotheker suchte nach einer Lösung und gründete in Köln ein Blisterzentrum. Durch das individuelle Verblistern konnte er eine preiswerte Alternative anbieten. Da die Pharmakonzerne gegenüber einem solchen Unternehmen Rabatte gewähren dürfen, beliefen sich die Kosten für den Kunden auf 50 Euro pro Monat.

Obwohl die PrEP nun Kassenleistung ist, würden weiterhin Bestellungen im Blisterzentrum eintreffen, so Tenberken. Die Aufträge würden sich größtenteils auf Privatrezepte zurückführen lassen. Die Deutsche Aidshilfe informierte darüber, dass auch gesetzlich Versicherte die Verblisterung auf Selbstzahlerbasis in Anspruch nehmen, damit die Krankenkasse unwissend bleibt. Um eine optimale Beratung durchführen zu können, sollte abgeklärt werden, ob es sich um eine HIV-Prophylaxe oder um eine Therapie handelt, HIV-Negative seien oftmals weniger über die Krankheit informiert.

Für wen eignet sich eine PrEP?

  • Männer, die Sex mit Männern haben
  • Trans-Personen, die in den letzten drei bis sechs Monaten Analverkehr ohne Kondom hatten oder voraussichtlich in den nächsten Monaten haben werden
  • Partner von HIV-positiven Menschen, die keine HIV-Therapie machen oder bei denen eine Therapie nicht ausreichend wirkt
  • Menschen, die Sex ohne Kondom mit Partnern haben, bei denen eine HIV-Infektion nicht diagnostiziert, aber wahrscheinlich ist
  • Personen mit intravenösem Drogenmissbrauch, die keine sterilen Spritzbestecke verwenden.

Die HIV-kompetente Adler-Apotheke in Münster arbeitet mit dem Kölner Blisterzentrum zusammen. Laut Inhaberin Frau Schur kann nicht jede Apotheke diese Rezepte beliefern. „In Münster und Umgebung sind wir mit die einzigen die die Möglichkeit haben diese Rezepte zu bedienen.“

Weiter lobt Schur den Informationsstand der Betroffenen: „Die meisten sind gut informiert. Sie halten sich stets auf dem Laufenden. Ihre Netzwerke funktionieren.“ Damit meint die Apothekerin die zahlreichen Foren im Internet – hier können sich Erkrankte und Angehörige unter anderem über die verschiedenen Medikationen, Langzeitfolgen sowie Neben- und Wechselwirkungen austauschen. Innerhalb dieser Foren wird die Krankheit nicht tabuisiert, Betroffene können sich oftmals freier und ohne Bedenken äußern.

Die Einführung der HIV-Selbsttests vor etwas mehr als einem Jahr zeigt, dass die Hemmschwelle bei einer möglichen Infektion zum Arzt zu gehen, durchaus besteht. Es gibt verschiedene Anbieter, die alle ähnliche Modelle vertreiben. Apotheken haben meist eine Ausführung des Tests vorrätig und geben ihn laut Aussagen der HIV-kompetenten Apotheken regelmäßig ab. Preislich liegen die Modelle zwischen 20 und 40 Euro. Seit Oktober 2018 wurden laut Insight Health (Stand Juli 2019) mehr als 68.000 Tests verkauft. Zwei Drittel entfallen dabei auf den Ratiopharm Autotest VIH.

Die Tests sind zuverlässig und liefern innerhalb von zehn bis fünfzehn Minuten ein Ergebnis. Die Untersuchung kann frühestens zwölf Wochen nach der möglichen Infektion zuverlässige Ergebnisse liefern. Die Durchführung erfolgt mittels Bluttests. Die einzelnen Produkte unterscheiden sich geringfügig – allen gemein ist der Piecks mit einer beiliegenden Lanzette. Der abgenommene Bluttropfen wird auf den Teststreifen aufgetragen. Nach der angegebenen Wartezeit kann das Ergebnis abgelesen werden.

Die Meinung der Apotheker zu den Tests ist gespalten. Einige Inhaber sehen die Produkte als eine unkomplizierte Möglichkeit, schnelle Diagnosen zu erlangen – Betroffene müssen weniger Hemmschwellen überwinden und benötigen keinen Arzttermin. Zwei Apotheker aus Nordrhein-Westfalen äußerten Bedenken: Man könne befürchten, dass die anonyme Durchführung zu Hause zu einem Veschweigen eines möglicherweise positiven Tests führt. „Ist der Test positiv, so müssen die Betroffenen eh zum Arzt. Ignorieren bringt da nichts. Wenn die Durchführung beim Arzt stattfindet, so besteht direkt ein Kontakt, an den sich der Betroffene in seiner Überforderung wenden kann,“ kritisiert eine Apothekerin.

Spezielle Aktionen zum Welt-AIDS-Tag werden von den meisten Apotheken nicht durchgeführt. „Die meisten Patienten würden ohnehin eine spezialisierte Apotheke aufsuchen und ihre Fragen gezielt an geschultes Personal richten“, berichtet ein Berliner Apotheker. Mit Regenbogenfahnen und der roten AIDS-Schleife machen viele HIV-kompetente Apotheken auf ihre Fachausrichtung aufmerksam.

Die Spezialisierung wird in den Apotheken unterschiedlich gehandhabt: Oftmals gibt es einen oder zwei konkrete Ansprechpartner, seltener ist das gesamte Handverkaufspersonal gleichermaßen geschult. Einige Apotheken bieten auch eine telefonische Terminvereinbarung für ein Erstgespräch an. Eine Liste der spezialisierten Apotheken findet sich auf der Internetseite der Deutschen Arbeitsgemeinschaft HIV- und Hepatitis-kompetenter Apotheken.

Zu den besonderen Kompetenzen von HIV-kompetenten Apotheken gehören:

  • ausführliche Medikamenten-Wechselwirkungs-Checks
  • Beratung zur Linderung von Nebenwirkungen inklusive Produktempfehlungen
  • Entwicklung individueller Ernährungsstrategien oder Ernährungsberatung
  • Beurteilung der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln
  • Unterstützung in sozialen Fragen
  • enge Zusammenarbeit mit den verschreibenden Ärzten