Pharmakonzerne

Teva will Patienten betreuen Patrick Hollstein, 23.07.2013 09:46 Uhr

Berlin - 

Dass Teva mehr ist als ein reiner Generikahersteller, liegt im

Wesentlichen an Copaxone (Glatirameractetat). Das heute führende

MS-Mittel war Ende der 1980er Jahre in israelischen Labors entwickelt

worden. Auch wenn das Patent bald abläuft: Nach der Übernahme von

Cephalon und weiteren kleineren Zukäufen will Teva die Originaliasparte

ausbauen und sich in den Nischen ZNS, Onkologie und Frauengesundheit „unverzichtbar“ machen. Bei Politik und Kassen wirbt der Konzern dafür,

neue Aufgaben bei der Betreuung von Patienten übernehmen zu können.

Alle Originalprodukte von Teva und Cephalon wurden in das neu gegründete Unternehmen Teva Specialty Medicines eingebracht. Dazu gehört neben Copaxone, vormals vertrieben durch Sanofi, die ehemaligen Cephalon-Präparate Effentora (Fentanyl), Vigil (Modafinil) und Azilect (Rasagilin) sowie das Schmerzmittel Katadolon S long (Flupirtin), das bislang zu AWD Pharma gehörte.

Schon im kommenden Jahr sollen zwei neue Präparate das Portfolio ergänzen: Laquinimod zur MS-Behandlung befindet sich derzeit in der Zulassungsphase bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA. Im Vorfeld des Patentablaufs von Symbicort (Budesonid/Formoterol, AstraZeneca) soll außerdem unter der Marke Duo Resp eine generische Variante mit innovativem Inhalationssystem (Spiromax) auf den Markt kommen.

In Berlin gab sich Ende der vergangenen Woche die Teva-Prominenz ein Stelldichein. Gefeiert wurde der Einzug des Fachbereichs in neue Büroflächen am Gendarmenmarkt; vor allem aber sollten die eigenen Mitarbeiter und die Fachöffentlichkeit über das neue Selbstverständnis informiert werden. Dr. Rob Koremans, bei Teva verantwortlich für die weltweiten Specialty-Aktivitäten, warb dafür, als Hersteller aktiv an Versorgungsprogrammen mitzuwirken: „Kassen, Ärzte und Pharmahersteller können die Compliance am besten gemeinsam verbessern.“

Doch so recht wollte bei der Podiumsdiskussion mit dem Titel „Chancen und Möglichkeiten für ein auf Partnerschaft ausgerichtetes Unternehmen“ noch keine Stimmung aufkommen: AOK-Chef Dr. Uwe Deh erklärte, man sei zwar als Kasse grundsätzlich bereit, gemeinsame Schnittmengen auszuloten. Generell wolle man aber die Verantwortung für die Versorgung nicht in der Hand von Pharmaherstellern sehen – zumal die Arzneimitteltherapie nur einen kleinen Teil ausmache.

Josef Hecken, Chef des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), sah Chancen für die Versorgungsforschung, sprach ansonsten aber vor allem über die frühe Nutzenbewertung. Ärzte waren auf dem Podium nicht vertreten, die Apotheker kamen ohnehin nur in der von der Moderatorin vorgetragenen Kurzvita Heckens vor.

Doch die direkte Ansprache von Patienten über die Apotheken hinweg birgt erheblichen Sprengstoff: Vor zwei Jahren hatten Cephalon, damals noch eigenständig, und Stada Ärger mit einem kostenlosen Lieferservice für das Präparat Apo-Go (Apomorphin). Das Oberlandesgericht München (OLG) sah in dem Angebot am Ende zwar keine Umgehung der Apothekenpflicht, doch insbesondere der Generikakonzern sah sich plötzlich in Erklärungsnot: Der schnelle Ausstieg aus der Vertriebsvereinbarung mit Cephalon kostete die Bad Vilbeler einen mittleren einstelligen Millionenbetrag.

So muss das Hauptstadtteam von Teva in den kommenden Monaten womöglich noch viel Überzeugungsarbeit leisten, um die Entscheider von der Zielsetzung des Konzerns zu überzeugen: der „Verbesserung des Lebens der von uns ausgesuchten Patientengruppen“. Vielleicht ergibt sich heute schon die nächste Gelegenheit: Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) ist in der Sterilherstellung von Teva in Blaubeuren bei Ulm zu Gast.