100 Prozent Serie: Neue Vorgaben für Kompressionsstrümpfe 25.07.2026 07:56 Uhr
Das deutsche Gesundheitssystem ächzt unter der Last unbezahlbarer Sonderwünsche. Dazu gehören auch Maßanfertigungen von Kompressionsstrümpfen. Jahrelang leisteten sich Patient:innen den ungeheuren Luxus – angeblich, weil ihre Beine „individuell“ geformt seien. Damit ist jetzt Schluss! Von den Kassen kommt eine neue Messrichtlinie zur Thermischen Extremitäten-Standardisierung (RTES). Das Ziel: 100 Prozent Serienanfertigung.
Die AOK Nordwest hatte eine Apothekerin in einem Schreiben über die hohe Anzahl an Maßanfertigungen informiert. „Bei der Auswertung Ihrer Versorgungen mit rundgestrickten Kompressionsstrümpfen haben wir festgestellt, dass der prozentuale Anteil an Versorgungen mit Maßanfertigungen im Jahr 2025 bei 45 Prozent lag“, schrieb die Kasse. Damit war der übliche Richtwert überschritten und der Inhaberin nahegelegt, etwas zu ändern: „Sollte keine erkennbare Anpassung Ihres Versorgungsverhaltens erfolgen, werden wir von unserem Recht gemäß § 5 Abs. 2 des Vertrages Gebrauch machen und die Genehmigungsfreiheit für Versorgungen mit rundgestrickten Kompressionsstrümpfen widerrufen.“
Zwar zeigte die Kasse Bedauern und räumte einen Fehler ein. Dass aber im Gesundheitssystem gespart werden muss, ist unumstritten, und da haben die Kassen eine Idee, wie aus einer Maß- eine Serienanfertigung werden kann. Hier kommt die neue RTES ins Spiel.
Dafür brauchen Apotheken künftig mehr Platz. Denn vor jeder Messung muss nach RTES eine Kneipp-Kur durchgeführt werden. Die soll die Beine auf Serienmaß schrumpfen lassen. Dabei wird voll und ganz auf Physik gesetzt: Kälte zieht Materie zusammen. Wer die Beine lange genug in Eiswasser taucht, schrumpft automatisch von der Maßanfertigung auf eine Serie – von Konfektionsgröße S bis XL.
Jede Apotheke richtet dafür ab sofort im Eingangsbereich eine offizielle Kneipp-Tauchstation ein. Dafür braucht es ein Becken und ausreichend Crushed Ice.
Und so läuft die Messung:
- Der Kunde zieht sich Schuhe und Socken aus.
- Das Apothekenpersonal schüttet mehrere Beutel Crushed Ice in den Kneipp-Bottich.
- Beide Beine werden für exakt 180 Sekunden bis zum Knie eingetaucht. Dabei schrumpft die Wade um kalkulierte 15 bis 20 Prozent.
- Bevor das Blut zurückströmt und das Bein wieder seinen Normalzustand erreicht, greift das Personal, das sich am Ausgang des Beckens positioniert, zum Laser oder Maßband und nimmt Maß.
Nach RTES gibt es auch nur einen Strumpf zur Wahl. Abgegeben wird nur noch der „Flexi-Leg – der Strumpf, der mitwächst“, analog zu einer Mitwachshose bei Kleinkindern. Der Strumpf besteht aus speziellen Fasern und Vulkan-Kautschuk. Wie bei Schuhen mit Memory Foam haben auch die Strumpffasern eine Art Gedächtnis. Wird das Bein nach dem Kneipp-Bad bei Raumtemperatur wieder breiter, registriert der Strumpf den steigenden Wadendruck. Ab einem Druck von 30 mmHg gibt der Strumpf millimeterweise nach und entfaltet sich. Er wächst sozusagen fließend bis Größe XL mit. Als Geheimtipp wird den Versicherten geraten, vor dem Anziehen des Strumpfes in eine Eistonne zu steigen oder alternativ in einen Eimer voller Eis – analog zum Prozess bei der Messung. Hauptsache, es muss keine Maßanfertigung sein!