Produktion kommt nicht in Fahrt

BMG: Dieses Jahr kein deutsches Cannabis Tobias Lau, 07.10.2020 15:22 Uhr

  • Zu spät, zu wenig: Die deutsche Produktion von Medizinalcannabis kommt nicht in Fahrt. Nun hat auch die Bundesregierung eingeräumt, dass es 2020 keine deutsche Ernte mehr gibt. Foto: Pixabay
Berlin -

Auch 2020 erhalten Apotheken noch kein medizinisches Cannabis aus deutschem Anbau. Das hat die Bundesregierung in der Antwort auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion eingeräumt. Mit einer ersten Ernte sei erst im ersten Quartal 2021 zu rechnen – wann genau, das könne noch nicht gesagt werden. Auch eine Erhöhung der Anbaumengen, um die Importabhängigkeit Deutschlands zumindest zu verringern, ist demnach nicht geplant.

Zu spät und zu wenig: Der Anbau von medizinischem Cannabis in Deutschland kommt weiterhin nicht in Fahrt. Nachdem eine fehlerhafte Ausschreibung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bereits die Auftragsvergabe um ein Jahr verzögerte, schlug die Covid-19-Pandemie bei den Herstellern ein. Nun hat auch die Bundesregierung bestätigt, dass es dieses Jahr nichts mehr wird: „Die Betriebsbauvorhaben der vergaberechtlichen Vertragspartner wurden in Teilschritten beeinträchtigt und als Folge ist absehbar, dass sich Lieferungen von Medizinalcannabis aus deutschem Anbau an die Cannabisagentur des BfArM verzögern werden“, schreibt sie. „Sofern keine weiteren Verzögerungen eintreten“, könne voraussichtlich im ersten Quartal 2021 mit ersten Lieferungen zur Abnahme durch die Cannabisagentur gerechnet werden. „Die Angabe eines konkreten Datums ist der Bundesregierung derzeit nicht möglich.“

Die FDP-Fraktion hatte konkret nachgehakt, nachdem die Bundesregierung nur wenige Wochen zuvor der konkreten Frage ausgewichen war. Nun hat das Bundesgesundheitsministerium (BMG) auf Nachfrage etwas detaillierter über den aktuellen Stand der deutschen Medizinalcannabisproduktion informiert – unter anderem darüber, wann die drei Produzenten bereit sind. Demnach scheint es bei einem von ihnen zu größeren Verzögerungen gekommen zu sein. In zwei der Produktionsanlagen seien die Bauarbeiten soweit fortgeschritten, dass mit dem Einbau der technischen Anlagen begonnen werden konnte – sie werden demzufolge nach jetzigem Stand „voraussichtlich bis Ende 2020/Anfang 2021“ fertiggestellt sein. „In einer weiteren Anlage werden noch die vorbereitenden Arbeiten am Gebäude abgeschlossen“, so die Antwort. Sie werde deshalb erst im Laufe des ersten Halbjahres 2021 fertiggestellt sein. Um die Anlage welches Herstellers es sich dabei handelt, gab die Bundesregierung nicht bekannt.

Und nach Fertigstellung der Anlagen kann es noch nicht sofort losgehen: Erst müssen die Hersteller ihre arzneimittelrechtliche Herstellungserlaubnis und ihr GMP-Zertifikat in der Tasche haben. Ob es hier zu Verzögerungen kommt, liegt allerdings nicht an der Bundesregierung. Die Entscheidung trifft nämlich die zuständige Behörde des Bundeslandes, in dem die Betriebsstätte liegt. „Diese stellt innerhalb von 90 Tagen nach einer Inspektion ein GMP-Zertifikat aus, wenn die Inspektion die Einhaltung der entsprechenden Grundsätze und Leitlinien bestätigt hat.“

Es sieht also danach aus, dass nicht alle drei Hersteller parallel mit der Produktion beginnen können. Schlimmer wäre noch der Fall, dass einer der Anbieter komplett ausfällt, sei es durch technische Probleme oder gar die Insolvenz des Unternehmens. Auch was in diesem Falle passiert, wollte die FDP-Fraktion wissen. „Grundsätzlich besteht die Möglichkeit zu prüfen, ob bei einem Ausfall bei einem Produzenten kurzfristig eine Kompensation des Ausfalls durch die übrigen Produzenten im Rahmen der vorhandenen Kapazitäten zulässig und möglich ist“, erklärt die Bundesregierung hierzu.

Die Verträge mit den Produzenten sehen – auch unabhängig vom Ausfall anderer Produzenten – die Möglichkeit vor, die Produktionsmenge einzelner Hersteller auf bis zu 150 Prozent der bisherigen Menge zu erhöhen. Rein rechnerisch würde es damit auch aufgehen, zumindest wenn Demecan ausfällt. Denn das Berliner Start-up hat in der Ausschreibung drei der 13 Lose zu je 200 Kilogramm Cannabis erhalten, Aphria und Aurora jeweils 5. Funktioniert der Ausgleich über die beiden anderen Hersteller nicht, müsste laut Bundesregierung neu ausgeschrieben werden: „Sofern es Bedarf zur Beauftragung weiterer und darüber hinausgehender Liefermengen gibt, sind die entsprechenden Verträge nach den Vorgaben des Vergaberechts abzuschließen.“

All das ändert jedoch nichts daran, dass alle Experten davon ausgehen, dass die bisher vergebene Menge an medizinischem Cannabis nicht annähernd ausreichen wird, den deutschen Bedarf zu decken. In Zahlen: Knapp 20,8 Tonnen Medizinalcannabis wurden 2019 in Deutschland verbraucht, Tendenz stark steigend. Für die deutsche Produktion wurden hingegen 2,6 Tonnen im Jahr ausgeschrieben. Konkrete Pläne, die deutsche Produktion zu stärken, gibt es allerdings offenbar trotzdem nicht – zumindest ist die Bundesregierung der Frage ausgewichen: „Vor dem Hintergrund, dass es zudem sinnvoll ist, die Erfahrungen mit der Realisierung der Anbauprojekte und aus den ersten Produktionszyklen abzuwarten, bleiben parallel Importe ein Baustein in der therapeutischen Versorgung von Cannabispatientinnen und Cannabispatienten in Deutschland.“