Linnemann will Versandhandel angehen

„Ab nächster Woche können Sie Skonti verhandeln“ 15.09.2026 14:25 Uhr

München - 

Es war sein allererster Termin seit seiner Vereidigung als Bundesgesundheitsminister – und mit einer Mischung aus persönlicher Nahbarkeit und politischem Engagement konnte Carsten Linnemann beim Deutschen Apothekertag (DAT) in München die Sympathien der Delegierten gewinnen. Als Geschenk hatte er die unterschriebene Verordnung mitgebracht, und als Versprechen die Zusage, sich um die Auswüchse im Versandhandel zu kümmern – einschließlich Cannabis.

Linnemann begann damit, zu erzählen, wie er als Kind in der Buchhandlung seiner Eltern jobbte. Schon damals habe er den Wert der Apotheken kennengelernt: „Sie bereichern die Marktplätze, sie beleben die Innenstädte, sie sind ein soziales Netzwerk, wo sich Menschen gerne treffen und kompetent beraten werden.“

Gleichzeitig seien Apotheker:innen aber auch Unternehmer:innen. „Sie sind Mittelstand. Natürlich müssen Sie Geld verdienen“, so Linnemann. „Gleichzeitig sind Sie standorttreu. Sie haben Deutschland lebenslänglich gebucht. Und das ist ein Wert an sich.“

Apotheken würden gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. „Dieser Punkt darf nicht zu kurz kommen, denn das macht Sie auch aus – neben der medizinischen Versorgung der Bevölkerung.“

Linnemann sei nun seit sechs Wochen im Amt. Er habe vorher nicht im Gesundheitsausschuss gesessen, sondern im Arbeits- und Sozialausschuss. Doch darin sieht der Minister auch die Chance, sich die Dinge mit frischem Blick, ökonomischer Brille und einer Prise Unbefangenheit anzusehen. „Mir persönlich tut das gut, ich fühle eine große Unabhängigkeit und fühle mich zur Sache hingezogen“, so Linnemann.

Fixumanpassung

Das Apothekensterben sehe auch er mit Sorge. „Wir haben im Jahr 2010 21.500 Apotheken gehabt, 15 Jahre später 16.500, das sind 5000 Apotheken weniger. Wir verlieren viele Apotheken Tag für Tag“, so der Minister. Das hänge zum einen mit der fehlenden Wirtschaftlichkeit zusammen, insbesondere für die kleineren Apotheken, aber auch mit den immensen Kostensteigerungen und mit dem Fachkräftemangel. „Es hat Auswirkungen auf die flächendeckende Versorgung.“

Im Rahmen der Apothekenreform, die Linnemanns Vorgängerin Nina Warken (CDU) angestoßen hatte, sei bereits einiges angegangen worden.

„Sie haben sehr lange auf die Anpassung des Fixums gewartet. Das war immer das erste Thema, wenn ich in den Apotheken unterwegs war – auch zu Recht“, erklärte Linnemann. Es sei richtig, dass das Fixum nun ab dem 1. Januar 2027 auf 9,50 Euro steige.

Künftig sollen Apotheken eine stärkere Rolle in der Versorgung spielen, diskutiert werden aktuell auch die Rolle innerhalb der Notfallreform und die Primärversorgung. Hinsichtlich der Kompetenzerweiterungen gehe man den richtigen Weg, so Linnemann.

„Sie haben jetzt mehr Möglichkeiten, auch im Bereich der Prävention voranzugehen, im Bereich des Impfens und auch, wenn ein chronisch kranker Patient ein Medikament braucht, das er bereits seit Monaten bekommt.“ Er sei auch von Ärzten kontaktiert worden bezüglich der Kompetenzerweiterungen, berichtet der Minister. Aber wenn man eine Primärversorgung machen wolle, sei es der richtige Weg, über Apotheken den niederschwelligen Kontakt zu Patienten herzustellen. „Das ist genau der richtige Weg, um die Zukunft zu gewinnen, und zwar mit den Ärzten und mit den Apotheken“, betonte Linnemann.

Außerdem habe man mit der Reform den freien Beruf gestärkt, zum Beispiel durch die Liberalisierung von Öffnungszeiten.

Skonti und Verhandlungslösung

Die zweite Verordnung von Warkens Reformpaket war noch nicht abgeschlossen, als die Kabinettsumbildung erfolgte. „Ich war noch gar nicht im Amt und da hieß es schon: Du musst ganz schnell die Mantelverordnung unterzeichnen“, erzählt Linnemann. Man wollte im Ministerium auf Nummer sicher gehen und habe die Vereidigung abwarten wollen.

„Ich wurde letzten Dienstag um 10 Uhr vereidigt und das Erste, was ich gemacht habe, ist diese Mantelverordnung zu unterschreiben.“ Gestern Abend habe auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) unterschrieben.

„In ein, zwei Tagen ist es im Bundesgesetzblatt und dann könnt Ihr nächste Woche mit Euren Großhändlern Skonti verhandeln“, kündigte Linnemann an. Auch hinter die Forderung nach einer Dynamisierung des Fixums könne ein Haken gesetzt werden: Mit der Verordnung wird nun auch die Verhandlungslösung etabliert.

Versandhandel

Ein Thema, das der Minister angehen möchte, ist der Umgang mit den ausländischen Versendern. Die europäischen Gerichtsbeschlüsse und die nationalen passten nicht zusammen. Er habe in den letzten Monaten und Wochen beobachtet, dass in Reaktion auf die mit dem GKV-Spargesetz steigenden Zuzahlungen für Medikamente gleichzeitig Werbung ausländischer Versender geschaltet wurde, um diese mit Boni und Rabatten zu kompensieren.

„Volkswirtschaftlich: Wenn jemand national etwas nicht machen darf, aber europäisch etwas machen darf, nennt man das Wettbewerbsverzerrung“, stellte Linnemann klar. Die Antwort sei einfach: „Entweder das dürfen beide oder es darf keiner.“

„Wir müssen das abstellen. Ich möchte hier aber keine falschen Versprechen machen“, lenkte er ein. Man habe hierzu die paritätische Stelle. Aber wenn die Haftungsfrage nicht geklärt sei, könne das am Ende nicht erfolgreich sein. Man habe mit dem Reformpaket auch die paritätische Stelle breiter aufgestellt. Dadurch sei man weiter gekommen, aber möglicherweise werde auch das am Ende nicht voll ausreichen.

„Ich mache Lobby für die soziale Marktwirtschaft, für faire Wettbewerbsbedingungen, für ‚leveling the playing field‘. Und da haben Sie mich an Ihrer Seite“, erklärte er.

Kein „Konsumcannabis auf Knopfdruck“

Das Ansehen Deutschlands nehme international Schaden durch die Handhabung. „Es sind Internetseiten, Telemedizinplattformen“, so Linnemann. Es sei „super easy“, Cannabis über Fragebögen online zu beziehen. „Konsumcannabis auf Knopfdruck – das hat nichts mehr mit Gesundheitsversorgung zu tun“, so Linnemann. Er werde sich als Gesundheitsminister dafür einsetzen, hier gegenzusteuern. „So jedenfalls darf es nicht weitergehen“, betonte Linnemann deutlich.