OTC-Medikamente

Vaprino auch für Kinder? APOTHEKE ADHOC, 11.06.2014 13:44 Uhr

Berlin - 

Gleich zwei neue OTC-Medikamente hat Boehringer Ingelheim im vergangenen Jahr auf den Markt gebracht. Doch während die Viren den Hersteller bei seinem Erkältungsmittel BoxaGrippal im Stich ließen, fehlte beim Durchfallmittel Vaprino die Indikation für Kinder und Jugendliche. Das soll sich jetzt ändern: Anfang Juli entscheidet der Sachverständigenausschuss über einen Antrag, den Wirkstoff Racecadotril auch bei Patienten unter 18 Jahren ohne Rezept einsetzen zu können.

Vaprino enthält 100 Milligramm Wirkstoff je Kapsel, auf dem Markt sind Packungen mit sechs und zehn Stück erhältlich. Die Variante für Kinder und Jugendliche ab fünf Jahren ist mit 30 Milligramm deutlich niedriger dosiert, soll aber bis zu 18 Kapseln enthalten. Stimmen die Experten der Freigabe zu, wäre der Einsatz für eine maximale Anwendungsdauer von drei Tagen rezeptfrei. Außerdem müsste immer eine orale Rehydration erfolgen.

Derzeit ist das Antidiarrhoikum zur symptomatischen Behandlung von akutem Durchfall bei Erwachsenen über 18 Jahren ohne Rezept erhältlich, sofern eine kausale Therapie nicht möglich ist. Auch hier liegt die maximale Anwendungsdauer bei drei Tagen. Als verschreibungspflichtige Variante ist seit 2004 hierzulande Tiorfan auf dem Markt. Granulat und Hartkapseln werden zur Behandlung von Durchfall bei Säuglingen, Kindern und Erwachsenen eingesetzt. In seinem Heimatland vertreibt der französische Hersteller Bioprojet das Produkt bereits seit 1992.

Womöglich will Boehringer mit der Erweiterung das Geschäft endlich in Schwung bringen. Im Juni 2013 eingeführt, summierten sich die Abverkäufe in den Apotheken bis Jahresende gerade einmal auf 1,7 Millionen Euro. Zum Vergleich: Insgesamt summieren sich die Verkäufe von Marken wie Mucosolvan, Buscopan, Thomapyrin und Antistax auf rund 304 Millionen Euro (plus 8 Prozent). Dabei hatte der Konzern massiv in Werbung auch für Vaprino investiert: Nach Nielsen-Zahlen lagen die Bruttoausgaben alleine 2013 bei 6,2 Millionen Euro.

Der deutsche Konzern, mit Dulcolax und Laxoberal der Marktführer im Bereich der Abführmittel, hatte bislang gar kein Antidiarrhoikum im Sortiment. Mehr als die Hälfte des Marktes entfällt auf Loperamid-Produkte, allen voran Imodium (Johnson & Johnson), der Rest auf tanninhaltige Zubereitungen, Hefepräparate wie Perenterol (Medice), Rehydratationstherapeutika und Medizinische Kohle.

Racecadotril ist ein Prodrug. Der aktive Metabolit Thiorphan wirkt antagonistisch an membrangebundenen Enkephalinasen. Das Präparat verhindert durch Bindung an die Opioidpeptide den Abbau von Proteinen, die die Sekretion von Wasser und Elektrolyten in das Darmlumen hemmen. Im Vergleich zu Loperamid löst Racecadotril laut Boehringer weniger Verstopfung aus, hält keine durchfallauslösenden Krankheitserreger zurück und führt seltener zu Bauchschmerzen. Außerdem seien keine Wechselwirkungen bekannt.

Bereits Anfang 2012 hatte Boehringer die Entlassung aus der Verschreibungspflicht für den Einsatz bei Erwachsenen beantragt. Hergestellt wird Vaprino wie Tiorfan durch das spanische Unternehmen Ferrer und das französische Unternehmen Sophartex.