L-Thyroxin

Aufzahlung kennt kein Aut-idem Patrick Hollstein, 10.07.2015 10:35 Uhr

Berlin -

Aufzahlungen gehören zum alltäglichen Ärger in den Apotheken. Im vergangenen Jahr waren erstmals mehr Generika betroffen als Altoriginale – das lag primär an den Schilddrüsenpräparaten: Bei jeder zweiten Packung mussten die Patienten die Differenz aus eigener Tasche bezahlen. Für die Hersteller besteht seit Inkrafttreten der Aut-idem-Liste noch weniger Anreiz, ihre Preise auf Festbetrag abzusenken. Denn der Wechsel ist noch schwieriger geworden. Die Kassen lässt das kalt.

Nach Zahlen von IMS Health waren im vergangenen Jahr im Bereich der Thyreoidpräparate 10,6 Millionen Packungen von Aufzahlungen betroffen – das waren 51 Prozent des Gesamtmarktes. Im April 2014 hatte der GKV-Spitzenverband die Festbeträge abgesenkt; Marktführer Sanofi war erstmals nicht mitgezogen, genauso wie Merck.

Die beiden Konzerne kommen auf einen Marktanteil von rund 60 Prozent. Mit rund sechs Millionen Packungen hat die Sanofi-Traditionsmarke Henning die Nase vorn, Winthrop liegt bei zwei Millionen Euro. Bei der hauseigenen Generikalinie gibt es zwar Aufzahlungen, die aber zumindest bei den Rabattverträgen beispielsweise mit der AOK im Rahmen des Mehrkostenverzichts entfallen. Merck verkauft von Euthyrox etwas mehr als drei Millionen Packungen. Berlin-Chemie kommt mit Berlthyrox auf rund 100.000 Packungen; das Produkt lag schon vor der Absenkung über Festbetrag.

Unter den Generikaanbietern, die auf oder sogar unter Festbetrag liegen, liegt Hexal mit knapp fünf Millionen Packungen an der Spitze, gefolgt von Aristo mit Eferox (600.000) und L-Thyroxin Aristo (500.000). Auf diesem Niveau liegen auch Betapharm und 1A Pharma. Ratiopharm, Aliud und CT sind von untergeordneter Bedeutung.

Laut IMS sind Patienten bei Schilddrüsenpräparaten bereit, in die eigene Tasche zu greifen, weil sie Wert darauf legen, ihr gewohntes Medikament zu erhalten. Das war auch das Argument für die Aufnahme in die erste Tranche der Aut-idem-Liste: Seit Dezember ist der Austausch in der Apotheke ausgeschlossen – wegen der geringen therapeutischen Breite soll ein Präparatewechsel möglichst verhindert werden. Damit ist aber auch der Wechsel zu einer aufzahlungsfreien Alternative noch schwieriger geworden.

Für Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika, zeigt das Beispiel, „dass die Krankenkassen durch ihre rigide Festbetragspolitik den Patienten immer tiefer in die Tasche greifen“. Beim GKV-Spitzenverband sieht man dagegen kein Problem: Die Höhe des Festbetrags entspreche den gesetzlichen Kriterien. „Damit steht Versicherten eine aufzahlungsfreie Versorgung zur Verfügung.“

Laut Sozialgesetzbuch (SGB V) ist die Höhe der Festbeträge vom vom GKV-Spitzenverband so festzusetzen, dass eine „ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche sowie in der Qualität gesicherte Versorgung“ gewährleistet ist. Um Wirtschaftlichkeitsreserven auszuschöpfen, einen wirksamen Preiswettbewerb auszulösen und gleichzeitig eine hinreichende Arzneimittelauswahl sicherzustellen, hat der Gesetzgeber den Rahmen abgesteckt.

Mindestens 20 Prozent der Verordnungen und der Packungen einer Festbetragsgruppe müssen ohne Aufzahlungen für die Versicherten zur Verfügung stehen. Außerdem soll der höchste Abgabepreis des unteren Preisdrittels nicht überschritten werden – genauso wie eine hinreichende Versorgung mit Präparaten ohne Zuzahlung – also mit Preisen 30 Prozent unter Festbetrag – gewährleistet werden soll.

Substitutionsausschlüsse werden bei der Festbetragsbildung nicht berücksichtigt; entsprechend dürfte mit einer Anpassung nach oben auf absehbare Zeit nicht zu rechnen sein. Zwar hält sich die Höhe der Aufzahlungen noch in Grenzen, da der Preisunterschied derzeit maximal bei 62 Cent liegt. Auch Preiserhöhungen hat es bislang nicht gegeben.

Doch die Situation könnte sich zuspitzen: Zum 1. Juli wurden auch die Festbeträge für die Kombination mit Jod angepasst. Auch diesmal sind die Originalhersteller nicht mitgezogen. Der hohe Aufwand für eine konstante Qualitätssicherung bei der Herstellung von Schilddrüsenhormonen erlaube keine weitere Preissenkung, hieß es von Merck. Man nicht in der Lage, weitere Kostenreduktionen zu kompensieren, ohne die Qualität zu gefährden, kommentierte auch Sanofi. Immerhin seien Schilddrüsenhormone in der Herstellung und der Qualitätssicherung anspruchsvoll und komplex.