Interview Dr. Matthias Fellhauer (ADKA)

„Wir liefern dorthin, wo die Not am größten ist“ Julia Pradel, 01.09.2015 12:30 Uhr

Berlin - Krankenhausapotheken klagen derzeit über gravierende Lieferengpässe. Der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) hat zuletzt auf Schwierigkeiten bei Antibiotika wie Ampicillin und Amoxicillin sowie bei dem Krebsmedikament Alkeran (Mephalan) hingewiesen. Dr. Matthias Fellhauer, Vorsitzender das ADKA-Ausschusses Antiinfektive Therapie, kennt die Probleme auch aus der Praxis: Er ist Leiter der Apotheke des Schwarzwald-Baar-Klinikums in Villingen Schwenningen.

ADHOC: Haben Sie heute mehr Probleme, Arzneimittel zu bekommen?
FELLHAUER: Lieferengpässe sind eine Thematik, die uns seit Jahren beschäftigt. Insgesamt hat sich die Lage nicht zum Besseren gewendet. Hinzu kommt, dass nun mehr und mehr Antibiotika betroffen sind. Meist ist bei leitliniengerechter Therapie aber nur ein Wirkstoff der beste – und alle anderen Optionen sind nicht so gut wie die erste Empfehlung. Das geht dann entweder zu Lasten des Patienten oder ist nicht im Sinne der Vermeidung von Resistenzen.

ADHOC: Ist die Versorgung von Patienten tatsächlich gefährdet?
FELLHAUER: Es ist unterschiedlich. Manche Krankenhausapotheker sagen, sie könnten keines der Kombinationspräparate mit Ampicillin/Sulbactam mehr liefern. Sie haben tatsächlich nichts mehr auf Lager und müssen auf Antibiotika mit einem breiteren Wirkspektrum ausweichen. In unserem Klinikum konnten wir das mit einer Rationierung bislang vermeiden. Wir haben Stationsbestellungen gekürzt und liefern die vorhandenen Medikamente dahin, wo die Not am größten ist. Zur Rationierung gehört auch, dass wir das parenterale Präparat – wo möglich – durch das orale Präparat ersetzen. In den meisten Fällen gelingt es, Schaden vom Patienten abzuwenden.

ADHOC: Bei welchen Arzneimitteln kommt es besonders oft zu Engpässen?
FELLHAUER: Es betrifft ganz unterschiedliche Wirkstoffklassen: zum Beispiel Zytostatika, Schilddrüsenhormone, Schmerzmittel und eben auch Antibiotika.

ADHOC: Wie viel Aufwand entsteht den Krankenhausapotheken durch Lieferengpässe?
FELLHAUER: Die Arbeit lässt sich schlecht in Stunden oder Tagen ausdrücken. Der Aufwand ist aber nicht unerheblich und hat inzwischen ein Ausmaß erreicht, der markant und bemerkenswert ist. Allein in unserer Apotheke gab es im vergangenen Jahr mehr als 100 Lieferengpässe. Das Problem ist, dass man davon im Zweifelsfall erst erfährt, wenn man Freitagabend die Bestellung für das Präparat aufgibt, das man Montagmorgen braucht. Das ist im Alltagsgeschäft sehr umständlich, und daher fordern wir auch die unverzügliche Meldung von Produktions- und Lieferschwierigkeiten an Ärzte und Apotheker.

ADHOC: Es besteht ja die Sorge, dass sich Apotheken dann bevorraten und es noch schneller zum Engpass kommt…
FELLHAUER: Es mag sein, dass das als unerwünschter Nebeneffekt auftritt. Aber je mehr Zeit man hat, desto besser kann man sich mit dem Lieferengpass auseinandersetzen. Desto besser kann man die Vorräte verteilen und die Ärzte informieren. Unter dem Strich hat die unverzügliche Meldung mehr Vor- als Nachteile.

ADHOC: Warum meinen Sie, hat man sich noch nicht wirklich ernsthaft des Problems angenommen?
FELLHAUER: Was ich zu hören bekomme ist: Solange keine Patienten sterben und die Apotheken dafür sorgen, dass alles funktioniert, ist es nicht wirklich schlimm. Aber ich finde, es sollte nicht so weit kommen, dass bestimmte Antibiotika nicht lieferbar sind. Denn wenn man in diesem Bereich ersatzweise behandelt, tut man etwas, dass kontraproduktiv ist. Dazu kommt die absurde Situation, dass der Bund eine Antibiotikastrategie verfolgt, die vorsieht, dass möglichst wenig Breitspektrum-Antibiotika eingesetzt werden – dass aber die Arzneimittel fehlen, um diese Vorgabe im Sinne des Antibiotic Stewardship umzusetzen.

ADHOC: Was kann eine Auflistung der nötigen Medikamente leisten?
FELLHAUER: Eine Liste notwendiger Arzneimittel gibt es ja bereits – die der Weltgesundheitsorganisation WHO. Ampicillin steht da drauf, trotzdem haben wir einen Lieferengpass. Bei den Ärzten herrscht auch Unverständnis über die Situation insgesamt. Wir sind ein hoch entwickeltes Land, aber nicht in der Lage, unsere Bevölkerung optimal mit Antibiotika zu versorgen.

ADHOC: Wie kann man das Übel an der Wurzel packen?
FELLHAUER: Es ist ein multifaktorielles Problem, daher ist es nicht damit getan, dass man sagt, die Industrie müsste einfach genug herstellen. Die Rohstoffe werden heute vor allem in China und Indien hergestellt – und zwar oft nicht in ausreichender Menge und Qualität. Hinzu kommen Produktionsprobleme, wie sie etwa vor einigen Jahren erstmals bei der Zytostatika-Herstellung in den USA auftraten. Dann steigt die Nachfrage bei den anderen Herstellern, die den Bedarf nicht decken können. Und es gibt Marktrücknahmen aus ökonomischen Gründen.

ADHOC: Wie kann man das Problem dennoch angehen?
FELLHAUER: Man müsste alle an einen Tisch setzen, die pharmazeutischen Unternehmen, die Gesundheitspolitiker, die Ärzte als Verordner sowie die Apotheker als Logistiker und Arzneimittelexperten. Aber es müsste mehr dabei herumkommen als die bereits eingerichtete freiwillige Meldung. Die BfArM-Meldeseite hat aber überhaupt nichts verändert. Man müsste nach den Ursachen forschen und diskutieren, welche Ansatzpunkte es gibt. Aber wenn Sie mich nach einem Patentrezept fragen – das gibt es sicher nicht.

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