Alzheimer

Cannabis gegen Gedächtnisverlust Deniz Cicek-Görkem, 21.09.2018 14:26 Uhr

Berlin - Bislang ist bekannt, dass der Cannabinoid-Rezeptor 1 (CB1) verantwortlich für die Rauschwirkung von Cannabis ist. Forscher der Universität Bonn zeigen nun, dass der Rezeptor vermutlich auch als Sensor für neuronale Aktivitäten im Gehirn dient. Wenn dieser ausfällt, könnten chronische Entzündungen die Folge sein. Das berichten sie im Fachjournal „Frontiers in Molecular Neuroscience“.

Einbußen der kognitiven Leistungsfähigkeit im Alter machen sich zum Beispiel dadurch bemerkbar, dass es schwerer wird, Neues zu erlernen oder mehreren Dingen gleichzeitig Aufmerksamkeit zu schenken. Dies ist ein natürlicher und normaler Prozess; er kann aber auch Demenzerkrankungen begünstigen. Bei der Alterung des Gehirns spielt die Aktivität der Mikrogliazellen eine bedeutende Rolle. Diese Zellen sind ein Teil des zellulären Immunsystems und unter anderem an der Phagozytose von Fremdkörpern und Zellfragmenten, der Antigenpräsentation und der Eliminierung von apoptotischen Neuronen und Gliazellen während der embryonalen Entwicklung beteiligt.

Über Transmitter informieren sie zudem andere Immunzellen, die einen entzündungsprotektiven Mechanismus auslösen. Allerdings kann dieser Schutzmechanismus dazu führen, dass gesundes Hirngewebe angegriffen wird. „Man weiß, dass dabei die so genannten Endocannabinoide eine wichtige Rolle spielen“, erklärt Dr. Andras Bilkei-Gorzo vom Institut für Molekulare Psychiatrie der Universität Bonn. „Das sind vom Körper gebildete Botenstoffe, die quasi als Brems-Signal wirken: Sie unterbinden die entzündliche Aktivität der Gliazellen.“

Untersuchungen zufolge moduliert das Endocannabinoid-System (ECS) physiologische Prozesse des Alterns. Dabei nehmen die Aktivität des ECS während der Alterungsprozesse sowie die Expression der Cannabinoid-Rezeptoren ab. Mit steigendem Alter, aber auch bei Demenzerkrankungen wie Morbus Alzheimer verringert sich die Menge der Endocannabinoide im Gehirn. Außerdem wird auch die Konzentration des Endocannabinoids 2-Arachidonoylglycerol (2-AG) im Alter geringer. Endocannabinoide sind ein Teil des Nervensystems und umfassen die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 mit ihren natürlichen Liganden und der nachgeschalteten intrazellulären Signaltransduktion nach der Ligandenbindung. Diese Rezeptoren gehören zu den G-Protein-gekoppelten Proteinen. Auch exogen zugeführte Cannabinoide wie das THC wirken über diese Andockstellen.

„Mikrogliazellen haben jedoch so gut wie keine CB1-Rezeptoren“, erklärt Bilkei-Gorzo. „Sie sind daher auf dem CB1-Ohr taub. Und dennoch reagieren sie auf die entsprechenden Brems-Signale. Warum, war bislang rätselhaft.“ Die aktuellen Studie zeigt nun, dass diese Signale nicht direkt zu den Gliazellen, sondern über eine bestimmte Gruppe von Neuronen, die über eine große Zahl von CB1-Rezeptoren verfügt, vermittelt werden. An Mäusen, bei denen der Rezeptor bei diesen Neuronen ausgeschaltet war, beobachten die Forscher, dass die entzündliche Aktivität der Mikrogliazellen dauerhaft erhöht war. Anders sah es aus bei Mäusen mit funktionsfähigem CB1-Rezeptor: „Wir nehmen aufgrund unserer Ergebnisse an, dass die Neuronen die Aktivität der Mikrogliazellen kontrollieren“, so der Wissenschaftler.

Da im Alter und bei Demenzerkrankungen die Konzentration an Endocannabinoiden abnimmt, führt das dazu, dass die neuronalen CB1-Rezeptoren nicht mehr ausreichend aktiviert werden. Die Gliazellen sind dann fast ständig im Entzündungsmodus. „Als Folge sterben weitere Neuronen ab, so dass die Immunreaktion nun noch weniger gebremst wird.” Die Forscher hoffen, dass beispielsweise Cannabis diesen Teufelskreis durchbrechen und dem Fortschreiten einer Demenz entgegenwirken kann. „Denn THC ist ein starker Aktivator des CB1-Rezeptors.”

Im vergangenen Jahr konnten die Bonner Forscher bereits zusammen mit Kollegen aus Israel zeigen, dass niedrige Dosen von THC die kognitive Leistung älterer Mäuse auf das Level von „jugendlichen“ Mäusen anhebt, ohne euphorisierende Effekte hervorzurufen. Die kognitiven Funktionen der alten Mäuse, die mit dem Cannabinoid therapiert wurden, entsprachen denen der zwei Monate jungen Kontrolltieren. Die Tiere der Placebogruppe hatten dagegen natürliche altersabhängige Lern- und Gedächtnisverluste. Die Behandlung mit dem Cannabinoid kehrte den Leistungsverlust der alten Tiere wieder komplett um. Dazu wurden Gehirngewebe und Genaktivität untersucht. Beobachtet wurde ein Zuwachs an Verknüpfungen der Nervenzellen, die eine essentielle Rolle im Lernprozess spielen.