Infektiologen

Antibiotika: Einnahmedauer ist keimabhängig Deniz Cicek-Görkem, 07.11.2017 14:54 Uhr

Berlin - In den vergangenen Jahren häufen sich Studien, die darauf hinweisen, dass kürzere Antibiotikatherapien einer längeren Therapie gleichwertig oder sogar überlegen sind. Dennoch sollten diese Arzneimittel nach derzeitigem Stand nur in Absprache mit dem Arzt eingenommen und abgesetzt werden. Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) spricht sich nun gegen eine Pauschalisierung aus, dass nunmehr immer kurz therapiert werden dürfe. Denn diese Handlungsweise könnte für manche Patienten gefährlich werden.

Der bisherige Stand war, dass ein Antibiotikum auch noch nach dem Verschwinden der Symptome und stets bis zum Ende der Packung eingenommen werden sollte. Wissenschaftler sehen diese Faustregel als überholt an. Untersuchungen der letzten Jahre liefern immer mehr Evidenz, dass bei vielen Infektionen eine kürzere Einnahmezeit genauso wirksam ist. Beispielsweise zeigt eine im vergangenen Jahr im Fachjournal „Jama“ veröffentlichten multizentrische, randomisierte, klinische Studie, dass eine fünftägige Antibiotikatherapie bei einer ambulant erworbenen Lungenentzündung sich als ebenso wirksam erwies wie eine 10-tägige.

Kürzere Therapie reduzieren nach derzeitigem Wissensstand die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung resistente Erreger. „Dennoch sollten Patienten Antibiotika nicht in Eigenregie absetzen, sobald sie sich besser fühlen“, schreiben die Infektiologen in ihrem kürzlich veröffentlichten Positionspapier. Sie fordern, dass Antiinfektiva individuell auf die bakterielle Infektion abgestimmt werden sollten. Man könne nicht pauschal sagen, dass nunmehr immer kurz therapiert werden dürfe.

„Viele Jahre ist man davon ausgegangen, dass eine längere Antibiotikatherapie die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr der Infektion oder die Ausbildung von Resistenzen verringert“, sagt Professor Dr. Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie an der Universitätsklinik Köln und Vorsitzender der DGI. Dahinter stehe der Gedanke, möglichst alle krankmachenden Bakterien abzutöten. „Heute wissen wir: Je länger die Bakterien dem Selektionsdruck eines antimikrobiellen Wirkstoffs ausgesetzt sind, desto wahrscheinlicher überleben überwiegend resistente, also gegen das Mittel unempfindliche Erreger“, so Fätkenheuer. Eine kürzere Antibiotikatherapie habe nicht nur den Vorteil von weniger Resistenzentstehung – sie gehe auch mit weniger Nebenwirkungen einher.

„Dennoch bedeutet dies nicht, dass Patienten ein Antibiotikum eigenhändig absetzen sollten, sobald ihre Symptome verschwunden sind“, erklärt Professor Dr. Winfried Kern, Vorstandsmitglied der DGI und Leiter der Infektiologie am Universitätsklinikum Freiburg. Für solch eine einfache Faustregel sei die moderne Antibiotikatherapie zu komplex.

Für die Infektiologen gelte vielmehr: „Es hängt von der Art der Erkrankung, ihrer Schwere, dem individuellen Verlauf und dem jeweiligen Bakterientyp ab, wie lange ein Antibiotikum eingenommen werden muss.“ Bei einer Harnwegsinfektion kann laut Fätkenheuer eine 1-Tages-Therapie mitunter ausreichen, im Falle einer schweren Infektion mit Staphylokokken dagegen müssten die Betroffenen die Mittel oft mehrere Wochen lang zu sich nehmen. „Hier beispielsweise könnte eine zu kurze Therapie zu Komplikationen und Resistenzbildung führen“, erklärt Fätkenheuer.

Einen Königsweg im Umgang mit Antibiotika gibt es laut den Infektiologen nicht. In welchen Fällen ein Arzneimittel abgesetzt werden kann, sobald die Symptome abgeklungen sind, und in welchen Fällen nicht, könne nur ein Arzt entscheiden. Wenn die Beschwerden frühzeitig gelindert würden oder das Antibiotikum nicht mehr wirke, sollte der Patient mit dem behandelnden Arzt das weitere Vorgehen besprechen. „Wie bei jedem anderen Medikament gilt auch für Antibiotika: Die Einnahme sollte so kurz wie möglich, aber so lange wie nötig erfolgen“, fasst Fätkenheuer zusammen.