Interview Max Willie Georgi (BPhD)

„Wir sind einen Schritt weiter als die ABDA“ Tobias Lau, 31.05.2018 10:22 Uhr

Berlin - Weniger auswendig lernen, mehr Wissen für die Praxis: Der Präsident des Bundesverbandes der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD), Max Willie Georgi, setzt auf mehr Flexibilität und möchte, dass das Studium sich mehr nach den Anforderungen des späteren Arbeitslebens richtet. Das Pensum überfordere die meisten seiner Kommilitonen, sagt er.

ADHOC: Welche Bilanz können Sie nach einem Jahr als BPhD-Präsident ziehen?
GEORGI: Ich war ja vorher schon im Vorstand für Lehre und Studium zuständig. Das Präsidentenamt ist dann aber doch noch einmal was anderes. Ich habe in dem Jahr viel gesehen und durfte bei vielen Veranstaltungen dabei sein. Dadurch gewinnt man einen guten Einblick in die Standespolitik und darüber, welche Player da von Bedeutung sind. Das macht super viel Spaß und ich werde versuchen, das Jahr, das im Amt noch vor mir liegt, entsprechend zu genießen. Ich überlege mir aber auch umso gründlicher, ob ich später einmal in der Standespolitik aktiv sein will. Denn das sind schon sehr zähe und langwierige Prozesse dort.

ADHOC: Ihr Ziel ist es, den Verband mehr für den einzelnen Studierenden zugänglich zu machen und Möglichkeiten der Teilhabe zu schaffen. Haben Sie das geschafft?
GEORGI: Wir sind auf einem guten Weg, beispielsweise mit den Arbeitsgruppen, die wir geschaffen haben. Die AG Gesundheitspolitik trifft sich einmal im Monat und berät. Auch auf unserer Internetseite hat sie bereits ihren eigenen Auftritt. Bei den anderen AGs kommt das jetzt auch Stück für Stück. Außerdem haben wir bei der letzten Verbandstagung auch neue Ansätze ausprobiert, zum Beispiel mehr Workshops und AGs, wo in kleineren Gruppen diskutiert und gearbeitet wird. Diese Angebote müssen aber auch genutzt werden.

ADHOC: Werden sie das?
GEORGI: Mehr oder weniger. Ich würde sagen, langsam und stetig. Bisher ist es noch recht verhalten, aber ich denke, dass das in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird.

ADHOC: Wie ist Ihr Verhältnis zur Standespolitik, also zur ABDA und den Kammern? Fühlen Sie sich dort ernst genommen?
GEORGI: Ja, wir werden da schon ernst genommen. An sich ist die Zusammenarbeit relativ harmonisch. Allerdings gibt es auch Meinungsunterschiede, beispielsweise beim Thema Approbationsordnung. Wir sind da einen Schritt weiter als die ABDA und fordern Änderungen. Die ABDA hingegen will das nicht. Bei den Kammern bringen wir uns ebenfalls aktiv ein, beispielsweise über Arbeitsgruppen. Über die Kammern reichen wir auch gelegentlich Anträge beim Deutschen Apothekertag ein.

ADHOC: Was sind denn gerade die wichtigsten Themen auf der Tagesordnung des BPhD?
GEORGI: Die Gesundheitspolitik spielt eine immer größere Rolle. So werden momentan Themen wie Impfkompetenz viel diskutiert. Mit dem neu geschaffenen Amt des Beauftragten für Gesundheitspolitik, in das Constantin Hauser vergangenes Jahr gewählt wurde, spiegelt sich das ja auch in der Struktur unseres Vorstands wieder. Außerdem ist die Approbationsordnung nach wie vor zentral auf unserer Agenda. Wir wollen da ein wenig weg von den chemischen Fächern und den Bereich der Klinischen Pharmazie stärken. Damit befassen sich bei uns auch schon einige Arbeitsgruppen, beispielsweise die AG Zukunft, die Reformvorschläge für die Unis erarbeitet.

ADHOC: Wappnet das Pharmaziestudium in seiner heutigen Form die Studierenden noch für die Herausforderungen der Zukunft? Müsste Themen wie der digitale Wandel und betriebswirtschaftliche Kompetenzen mehr Platz eingeräumt werden?
GEORGI: Ein Vorteil des Pharmaziestudiums ist es ja, dass man ein Stück weit zum Generalisten ausgebildet wird und dann in verschiedenen Gebieten von Apotheke bis Wissenschaft arbeiten kann. Die Approbation soll berufsfähig machen – nicht berufsfertig. Orientieren muss man sich dann schon selbst. Ein Gebiet wie BWL noch stärker in das Studium einzubeziehen, wäre dabei natürlich möglich. Geht es aber um Themen wie Digitalisierung, stelle ich es mir sehr viel schwerer vor, da einen angemessenen Überblick zu vermitteln. Momentan ist das Studium ja eher darauf ausgerichtet, sich sehr viel Wissen anzueignen. Anwendung und Praxis fehlen hingegen. Ich persönlich würde mir daher wünschen, dass das verlangte Grundwissen ein wenig zusammengekürzt wird und sich auf das Wesentliche bezieht. Dafür sollte die Fähigkeit gefördert werden, es praktisch anzuwenden und sich von allein zu orientieren.

ADHOC: Sollte es mehr Möglichkeiten zur Spezialisierung im Studium geben?
GEORGI: Wenn man sich dazu ein gutes Konzept überlegt, könnte das durchaus eine attraktive Sache sein. Man ist ja persönlich darauf getrimmt, diesen Gedanken zu verneinen, weil er zu sehr an das Bologna-System aus Bachelor und Master erinnert. Trotzdem sollte man darüber nachdenken. Es gibt ja zum Beispiel 39 Medizinfakultäten in Deutschland. Deren Approbationsordnung ist freier gestaltet als unsere, sodass es auch die Möglichkeit von Modellstudiengängen gibt. Das wäre doch prinzipiell auch eine Option für Pharmazeuten, dass man sich vorher einen bestimmten Weg aussuchen kann.

ADHOC: Sollten dazu auch bestimmte Soft Skills wie psychologische Aspekte der Beratung stärker vermittelt werden?
GEORGI: Da gibt es ja bereits ein tolles Prüfungsfach: die Klinische Pharmazie. An dem wird kein Weg vorbeiführen, wenn man Medikationsmanager werden will. Viele denken beim Begriff Klinische Pharmazie zuerst an Krankenhäuser; die Schublade ist meiner Meinung nach aber falsch, weil es sich ja eher um die Anwendung dessen dreht, was man im Studium gelernt hat. Allerdings herrscht bei dem Fach auch noch sehr viel Handlungsbedarf. Natürlich sind die naturwissenschaftlichen Grundlagen wichtig, man muss sie kennen und verstehen. Dennoch, die Anwendung erlernt man in der Klinischen Pharmazie. Die hat aber sehr wenige Stunden in der Approbationsordnung.

ADHOC: Der Bereich wird zu stiefmütterlich behandelt?
GEORGI: Ja, auch an den Unis müsste nachgerüstet werden. Bisher gibt es nur zwölf Professuren für Klinische Pharmazie, viele Unis haben dafür gar keinen Lehrstuhl. Da braucht man also mehr kompetentes Personal, das praxisnahe Lehre anbietet, zu der auch jeder Zugang hat. Außerdem hat die Klinische Pharmazie den Vorteil, dass sie ein sehr offenes Fach ist. Man kann da also viele neue Themen einbringen, beispielsweise Fragen der Digitalisierung. So würde das nicht als eigenes Fach in die Studienordnung aufgenommen, sondern man könnte bei anderen Fächern schauen, welche Relevanz das für sie hat.

ADHOC: Man sagt Pharmaziestudierenden oft nach, dass sie einen Tunnelblick haben: Sie fokussieren sich auf das Pflichtprogramm, um durch das Studium zu kommen, aber blicken fachlich wenig über den Tellerrand. Welche Möglichkeiten gäbe es denn, unter den Studierenden ein breiteres Interesse für verwandte Themengebiete zu fördern?
GEORGI: Das mit dem Tunnelblick würde ich auf jeden Fall unterschreiben. Die meisten Studierenden haben den. Das Problem ist: Eigentlich sind fast alle vom Arbeitspensum überfordert. Die Studierenden müssen sich auf das konzentrieren, was gefordert wird – und das konstant. Ein Ansatz wäre es deshalb beispielsweise, mehr auf problemorientiertes Lernen zu setzen, anstatt auswendig gelerntes Wissen abzufragen. Auch Wahlmodule könnte man natürlich erwägen. Wissenschaftliche Tagungen und Konferenzen wiederum gibt es bereits genug, aber es ist schwierig, da das Interesse der Studierenden zu stärken. Dazu müsste man am ehesten den Druck etwas herausnehmen und weniger konstant machen, damit sich dieses Interesse entwickeln kann.

ADHOC: Sehen Sie denn Ihre eigene Zukunft in der Apotheke?
GEORGI: Das ist eine schwierige Frage. Ich will schon sehr viel und würde fast sagen, dass ich alles schon einmal gesehen habe. Das macht die Antwort aber umso schwerer. Was ich schon weiß, ist, dass ich statt einem anderthalb PJ machen will, also drei statt zwei Stationen. Tatsächlich ist meine Idee momentan, erst einmal in Klinischer Pharmazie zu promovieren, da ich denke, dass da noch gute Möglichkeiten sind, sich zu etablieren und etwas Neues schaffen. Auch der Konkurrenzkampf ist da nicht so groß wie in anderen Bereichen. Es ist die Schnittstelle von Apotheke, Krankenhaus und Wissenschaft, man kann da also viele Erkenntnisse aus den jeweils anderen Bereichen einfließen lassen.