ZDF-Reportage

Whistleblower im Apothekenmarkt: Held oder Verräter? APOTHEKE ADHOC, 24.10.2017 13:17 Uhr

Berlin - 

In den sozialen Medien ist Martin Porwoll ein Held. Auch wenn in Bottrop wegen des Pfusch-Skandals demonstriert wird, zeigen ihm die Angehörigen der Betroffenen ihre Dankbarkeit. Der kaufmännische Leiter der Alten Apotheke hat den Skandal ans Licht gebracht – und damit sein eigenes Leben aus den Fugen gebracht. Die ZDF-Doku „37 Grad“ widmet sich heute Abend seinem Schicksal und dem von Peter Jebens, einem Pharmahändler, der in der sogenannten Holmsland-Affäre als Kronzeuge aussagte.

Porwoll war nicht nur in der Apotheke für alle kaufmännischen Belange zuständig, er kannte Inhaber Peter S. auch bereits seit Kindheitstagen. Als im Winter 2014 zwei Kolleginnen kündigen, erfährt er von den Gerüchten. Von dem Verdacht, dass S. nicht nur die Herstellungsregeln missachten, sondern auch Krebsmedikamente unterdosieren soll.

Doch es vergehen noch Monate. An einem Abend im Januar 2016 sitzt er noch kurz vor Mitternacht in der Apotheke, weil er nach Handwerkern sehen muss. Er sucht aus den Unterlagen alle Rezepte für das Medikament Opdivo heraus, rechnet zusammen und vergleicht mit den Einkaufsbelegen. Es fehlen 36.000 Milligramm, das sind mehr als zwei Drittel.

Seit er von dem Betrug weiß, ist sein Leben nicht mehr dasselbe. Er wird von Zweifeln geplagt, will am liebsten verdrängen, wie er dem Recherchenetzwerk Correctiv später erzählt. Er rechnet bei vier weiteren Wirkstoffen nach, das Ergebnis ist das gleiche. Er bekommt Panikattacken. Wenn er Kontakt mit Patienten hat, denen mutmaßlich gepanschte Wirkstoffe verabreicht wurden, ist er verzweifelt. Im Sommer stellt er schließlich Strafanzeige.

Doch er muss noch Monate warten, bis die Ermittler zuschlagen. Dann geht alles ganz schnell: Innerhalb von 24 Stunden bekommt er seine Kündigung. Das Arbeitsgericht Gelsenkirchen bestätigt später die fristlose Entlassung.

Bis heute hat er keinen neuen Job gefunden, keine der Firmen, in denen er sich beworben hat, hat ihn eingestellt. „In Deutschland ist man nur der Verräter. Der, der das Nest beschmutzt hat“, sagt er. Ehemalige Kollegen gehen juristisch gegen ihn vor, weil er in Interviews gesagt hatte, dass der Pfusch in der Apotheke ein offenes Geheimnis gewesen sei.

Auch für Jebens hatte seine Aussage in der Holmsland-Affäre gravierende Konsequenzen. Knapp 100 Apotheken sollen nach Angaben der federführenden Staatsanwaltschaft Mannheim über mehrere Jahre hinweg in Deutschland nicht zugelassene Zytostatika zu günstigen Preisen bei einem spezialisierten Lieferanten aus Dänemark bestellt, in Rezepturen verarbeitet und gegenüber den Kassen als Originalware abgerechnet haben.

Das Netzwerk hatte ein deutscher Unternehmer aufgebaut, der auf der Isle of Man eine eigene Firma betrieb. Weil ihm die Behörden offenbar aufgrund anderer Aktivitäten die Großhandelserlaubnis entzogen hatten, konnte er die Apotheken nicht mehr selbst beliefern und ließ sich daher für die Vermittlung von Lieferanten und Abnehmern am Geschäft beteiligen. Einer von ihnen war Jebens.

Das Modell lief über mehrere Jahre gut, bis es zum Zerwürfnis der Partner kam. Jebens war eigenen Angaben zufolge skeptisch geworden, als sein Kontaktmann im Jahr 2005 eine ungewöhnlich günstige Bezugsquelle für das Tumortherapeutikum MabThera (Rituximab) in Dubai auftat. Er ließ eine Probe im Labor untersuchen – die Ware stellte sich als Fälschung heraus. Als sein Partner versuchte, ihn dennoch zum Vertrieb der Plagiate zu überreden, beendete er die Zusammenarbeit und erstattete Anzeige.

Doch zunächst stieß Jebens bei Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei auf taube Ohren. Daher wandte er sich mit einer Liste der belieferten Apotheken an die AOK Niedersachsen und die Techniker Krankenkasse, die schließlich ihrerseits Anzeige erstatteten und den Fall öffentlich machten.

Laut Jebens trat mit seiner Entscheidung der „worst case“ ein. Zunächst wurde er als Wichtigtuer abgetan, dann als Teil des Systems als betrogener Betrüger selbst kriminalisiert. Bis heute kämpft der Mikrobiologe um die Wiederherstellung seines ehemals guten Rufs.

Während die Apotheker straffrei ausgingen, weil sie sich in der Einschätzung der Rechtslage geirrt hatten, verlor Jebens seine Firma und sein Haus. Mehrere Apotheken und andere Abnehmer hatten ihre Rechnungen offen gelassen und waren ihm insgesamt mehr als 1,5 Millionen Euro schuldig geblieben – die Insolvenz war unvermeidbar.

Für beide Whistleblower war es nach eigenem Bekunden eine Gewissensentscheidung. Beide haben mit sich gerungen und schließlich gehandelt. Beide konnten es nicht länger mit ihrem Verantwortungsgefühl vereinbaren, zu schweigen – während schwerkranke Patienten Gefahr liefen, mit minderwertigen, gepanschten, gefälschten Medikamenten behandelt zu werden. Ihnen widmet sich die Dokumentation von Regisseur Daniel Harrich, der zuletzt im ARD-Themenabend „Gift“ über gefälschte Medikamente berichtete.

„Die Wahrheit und ihr Preis“
ZDF, 22.15 Uhr