Ausbildungsapotheken

Von Milchpumpen bis Marketing: „Nicht alles lernt man an der Universität“ Deniz Cicek-Görkem, 05.12.2018 11:42 Uhr

Berlin -

Pharmaziestudium in der Tasche – und nun? Um den angehenden Apothekern eine Orientierung zu bieten, stellt die Landesapothekerkammer Hessen für interessierte Pharmazeuten eine Liste mit akkreditierten Ausbildungsapotheken (AAA) bereit. Eine Inhaberin aus Offenbach erzählt, warum sie sich für das Zertifikat entschieden hat, und gibt Einblick in die Schulungsmethoden.

Apothekeninhaber im Kammerbereich Hessen können sich seit rund sechs Jahren als AAA zertifizieren. Nach außen soll das Zertifikat zeigen, dass in der Offizin frischgebackene Pharmazeuten „vorbildlich” ausgebildet und für den Berufsalltag vorbereitet werden. Der Kammer zufolge können die Apotheken davon „nur profitieren“: Zum einen könnten die Leiter leichter Pharmazeuten im Praktikum (PhiP) finden. Zum anderen könnten sie aber auch durch Demonstration des Zertifikats ihr besonderes Engagement zeigen und auf ihre Motivation hinweisen, eine qualitativ hochwertige Ausbildung zu gewährleisten.

Derzeit gibt es im Kammerbereich 38 Ausbildungsapotheken, gleich drei befinden sich in der fünftgrößten Stadt des Landes – in Offenbach. Zwei dieser Apotheken gehören Franziska Hoefer (Apotheke zum Löwen, Apotheke im Komm). „Wir haben uns gleich von Anfang an akkreditieren lassen und haben seit 2013 das Zertifikat der Apothekerkammer Hessen“, erzählt sie. Struktur und Organisation – zwei Begriffe, die in den Apotheken Hoefers von enormer Bedeutung und relevant für die praktische Ausbildung zu sein scheinen: „Wir sind überzeugt von dem Qualitätsmanagement in der Apotheke. Schon bevor wir eine AAA waren, hatten wir einen strukturierten Ausbildungsplan.“

Für PhiP liegen die Vorteile auf der Hand: Das Zertifikat kann eine Hilfe bei ihrer Suche nach einer geeigneten Ausbildungsstätte sein, „denn die Ausbildungsqualität und die personelle und sachliche Ausstattung sind überprüft und werden evaluiert”, so die Kammer. Das bestätigt auch Hoefer: „Unsere letzte Pharmaziepraktikantin hat sich bei uns beworben, weil sie uns auf der Liste der akkreditierten Ausbildungsapotheken der Kammer gesehen hatte.“ Somit lockt das Zertifikat auch interessierte Pharmazeuten an und damit Personal. Für die Kammer steht fest, dass die gute Vorbereitung auf den Beruf weitestgehend abhängig vom Ausbilder sei. „So hat der Apothekenleiter eine Möglichkeit, auf den Nachwuchs einzuwirken und kann damit das Bild der Apotheker in der Öffentlichkeit beeinflussen.”

In Hoefers Apotheken wird die gute Ausbildung der Pharmazeuten groß geschrieben: „Unsere PhiP werden strukturiert von unseren Spezialisten der einzelnen Fachgebiete geschult, die sich Zeit für den Lernenden nehmen. Zu den Themen gehören unter anderem Diabetikerbedarf, Inhalationsdevices, Milchpumpen, Babywaagen, Blutdruckmessgeräte, Verbandmittel, BtM-Dokumentation und Homöopathie.“ Besonders wichtig sei ihr auch, dass die Pharmazeuten beispielsweise lernen, wie eine Aktion geplant und deren Erfolg kontrolliert wird. „Aber auch im Bereich Marketing werden sie geschult.“ Sie findet, dass alles, was praktisch vorkommt, auch vom PhiP gelernt werden sollte. „Nicht alles lernt man als Student an der Universität.“ Ihre Ausführungen legen nahe, dass damit auch den Lehrenden, der Apothekenleitung, eine besondere Verantwortung zukommt. Das Feedback der Praktikanten in diesem Zusammenhang sei dabei häufig sehr positiv: „Oft bekommen wir die Rückmeldung, dass wir gut schulen“, sagt Hoefer.

Aber auch die Fortbildung des gesamten Teams sei für die Inhaberin ein großes Anliegen: „Als Chefin lege ich Wert auf die Fortbildung meiner Mitarbeiter. In meinen Apotheken haben wir einen hohen Fortbildungsstand.“ Ein Grund dafür könnte sein, dass sich die Inhaberin nach eigenem Bekunden an die Vorgaben des Bundesrahmentarifvertrags hält. Fortbildungen inner- und außerhalb der Apotheke zählen bei ihr in einem bestimmten Rahmen zur Arbeitszeit: „Ich erwarte, dass sich die Mitarbeiter bestmöglich fortbilden, und biete daher Fortbildungszeit an.“ Die Freistellung für die fachliche Fortbildung ist in § 12 des Bundesrahmentarifvertrags geregelt.

Die Kammer hat kürzlich das Konzept der AAA in Hessen überarbeitet und optimiert. Erstmalig werden nun einige Anforderungen an die Apotheke quantifiziert: Für das Erlangen des Zertifikats müssen nun monatlich zehn Rezepturen/Defekturen hergestellt werden, außerdem müssen die Apothekenleiter die PhiP jährlich auf vier Fortbildungen schicken. Thematisch kommen die Nachbesprechung der begleitenden Unterrichtsveranstaltungen sowie ein Schulungs- und Fortbildungsplan, inklusive Kapsel-Ringversuch und Workshops hinzu. Bei den Workshops geht es zum einen um die Beratungsqualität, zum anderen um eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzten im Praktischen Jahr.

Den Kapsel-Ringversuch bietet die Kammer seit diesem Jahr an – „um bereits in der Ausbildung junger Pharmazeuten die Bedeutung der Rezeptur darzustellen”, sagt eine Sprecherin. Die PhiP können während ihrer Ausbildungszeit in der öffentlichen Apotheke einmal kostenfrei daran teilnehmen. Pro Jahr stehen mehrere Kapsel-Ringversuche mit unterschiedlichen Wirkstoffen und Dosierungen zur Auswahl; für 2019 sind es Captopril 3 mg, Acetylsalicylsäure 15 mg oder Hydrocortison 3 mg.

„So hat der PhiP bereits während seiner Ausbildungszeit die Möglichkeit, die Qualität seiner praktischen Arbeit in der Rezeptur überprüfen zu lassen. Zu den Prüfkriterien gehören Wirkstoffidentität, -gehalt und Gleichförmigkeit des Gehaltes. Aus den Ergebnissen kann jeder PhiP zusammen mit seinem Ausbilder Maßnahmen zur Verbesserung seiner Rezepturqualität ableiten”, ergänzt die Sprecherin.

Pharmazeuten können sich aber nicht nur bei den Kammern erkundigen, sondern sich auch auf der Website des Bundesverbands der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD) zu Praktikumsplätzen informieren. Denn auf Basis von Umfragen küren die Studentenvertreter jährlich Apotheken, die eine gute praktische Ausbildung anbieten. Die Apotheke zum Löwen von Hoefer ich auch hier wiederzufinden: „Bei den ,empfehlenswerten Ausbildungsapotheken‘ des BPhD gelistet zu sein, ist eine besondere Form der Anerkennung für uns. Denn, im Vergleich zur Liste der Kammer, setzen sich hier Studenten mit den Apotheken auseinander, informieren sich und empfehlen sie weiter.“